Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1842)
- Date
- 1842-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566802-2566829--0380-2568009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
104 heit, und arbeitet somit auch dadurch dem Streben der rationellen Theologie in die Hände. Haben wir nun die vermittelnde und constructive Richtung dieser Zeitschrift überall nachgewicsen, wo es sich um die relative Bedeutung der geschichtlichen Erscheinungen im Judenthume handelte, so müßen wir diese Richtung in gleicher Weise da geltend machen, wo es das practische Element, die Reformation des Cultus und des rituellen Lebens betrifft. Hier sind zwei entgegengesetzte Ansichten herrschend, von welchen aber die eine eben so verwerflich ist, als die andere. Jene will das, was iuthesi begründet ist, was an sich als das Ergebniß des rationellen Judenthums sich darstellt, auch sogleich in der Wirklichkeit ausgeführt haben; sie bedenkt nicht, daß im praktisch - religiösen Leben die Wahrheit, um in das Gemüth derer, an welche sie sich richtet, auch ausgenommen zu werden, sich diesen accomodiren müße, daß sie ihnen in einer Form gegeben werden müße, die ihrem Geiste verständlich ist, die in ihrem Gemüthe zu einer wahrhaften Gesinnung übergehen kann, daß mit einem Worte die Religion da ihren absoluten, objektiven Standpunkt verlassen und den relativen, subjectiven einnehmen müße. Die entgegengesetzte Ansicht möchte umgekehrt das, was einer erstorbenen Vergangenheit angehört, was nur subjective und geschichtliche Wahrheit hat, objectiviren, für alle Zeiten und Menschen geltend machen. Die erste Ansicht anticipirt die Geschichte, die zweite macht sie stationär, jene will den Fortschritt auf revolutionärem Wege herbeisühren, diese weist ihn ganz von sich; beide aber fehlen dadurch, daß sie das allmählige und organische Gesetz des Fortschritts, wie es in der ganzen Natur sich kund giebt, ganz besonders aber im Gebiete des Geistes, damit die Wahrheit auch erkannt, empfunden werde, angewendet werden muß, unbeachtet lassen. Unsere Zeitschrift huldigt weder der einen noch der andern Ansicht; sie unterscheidet die Wahrheit an sich von ihrer geschichtlichen Erscheinung, ihren absoluten Gehalt von ihrem relativen, ihre objektive Geltung von ihrer gemüthlichen und subjectiven Verwirklichung; sie übernimmt das doppelte Geschäft, die Geschichte, fortzubilden, aber auch zu verstehen. Wo es sich daher um die Theorie handelt, um die Betrachtung dessen, was an sich die reine Lehre des Judenthums ist, und wozu seine Geschichte allmählig sich selbst gestalten soll, da wird diese Zeitschrift auch ferner den absoluten Standpunct festhalten, sie wird die Idee der israelitischen Lehre, das Ideal des israelitischen Gottesdienstes, das Ideal des israelitischen Jugendunterrichtcs, das Ideal des israelitisch - religiösen Lebens in seiner größten Reinheit auffassen, und im Geiste der freien wissenschaftlichen Auffassung der biblischen Urkunden entwickeln und hiernach auch die Erscheinungen im Gebiete der jüdischen Literatur beurtheilen. Wo es aber das Gebiet des Wirkens betrifft, wo cs die praktische Tätigkeit der israelitischen Volks- und Jugendlehrer gilt, da ist ihr wohl jenes Ideal das leuchtende Ziel, auf das hingearbeitet, nach welchem die Geschichte fortgebildet werden soll, nicht aber das, welches urplötzlich verwirklicht, auf eine unnatürliche Weise ins Leben gerufen werden darf. Hier fordert sie, daß überall an die bisherigen Zustände angeknüpft werde, wenn die Wirksamkeit eine gute, eine seegensreiche sein soll. Es darf demnach keine Hand an irgend einen Religwnsgtbrauch gelegt werden, der dem Gemüthe des Gläubigen noch Erhebung und Beruhigung gewahrt; es darf keine Form des Gottesdienstes beseitigt werden, die ebenfalls dem frommen Sinn noch Bedürfnis ist; cs darf der Jugcnduntcrricht nicht die Elemete verbannen, deren Pflege bei dem gegenwärtigen religiösen Standpuncte noch nothwendig ist; aber es muß dahin gewirkt, auf dem organischen Wege der Belehrung und Ueberzeugung dahin gewirkt werden, daß der gegenwärtige Standpunkt ein höherer werde, daß auch das Bewußtsein der Gemeinde sich immer mehr der reinen Idee des Judenthums nähere. Auf solche Weise die Geschichte der Vergangenheit, wie die Bestrebungen der Gegenwart, betrachtend, wird die Tendenz dieser Zeitschrift eine vermittelnde und versöhnende, eine constructive bleiben; auf diese Weise wird sie keine der verschiedenen Richtungen in dem praktischen Judenthum der Jetztheit absolut billigen, oder verwerfen, sondern Lob^ und Tadel Anerkennung und Bekämpfung davon abhangen lassen, ob der eingesch'agene Weg denen angemessen sei, auf die gewirkt werden soll, ob er zu dem Stanvpuncte dieser in einem natürlichen Verhältnisse, (in dem der allmähligen, und organischen Fortbildung) stehe, und nur da wird sie strenge rügen und verdammen, nur da — wenn man das so nennen will — destructiv sich äußern, wo die praktische Wirksamkeit selbst, weil das organische Gesetz des menschlichen Gemüthes nicht achtend, oder jeden Fortschritt von sich weisend, eine destructive oder stabile ist; oder wo aus dem Gebiete der Theorie, da, wo die Wahrheit stets rein und lauter hingestcllt werden sollte, dieselbe dennoch von der Verschrobenheit, oder der Heuchelei entstellt und verdüstert wird. Selchichte des Tages. Die von uns angedeutete Ansicht, daß das Unglück gar oft das Mittel werden nmstc, um die Menschen einander näher z« bringen und jeden Glaubensstolz aus ihren Herzen zu entfernen, ist auch von Di- Salomen in einer über den Hamburger Brand gchaltcnc Predigt ausgenommen und mit der ganzen, dem Redner inwohnendcn Kraft des Wortes ausgcführt worden. Derselbe sagte:. »Rur im Angesichte des Unglücks wird es klar und anschaulich, was der Mensch dem Menschen ist; klar und anschaulich, daß alle Scheidewände, die die Menschen in ihrer MenschenmLkelei zwischen sich und ihres Gleichen gezogen, nichtig sind und einstürzen; im Angesichte des Unglücks flieht der Serien- und Kastengeist,