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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-06-05 · Heft 23 (5.6.1842) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 23 (5.6.1842)
Date
1842-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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»s Thoren, schleiften wir die Mauer unseres alten!" Ein guter Christ mußte den jüdischen Glauben ohne Gnade in den Koth treten, und ein guter Jude durfte wiederum an der christlichen Religion sammt ihrem Stifter keinen guten Bissen lassen. Nur mit dem Unterschiede, daß jene es offen sagten und nachdrücklich und handgreiflich bewiesen, während jene schwiegen und duldeten. Nach der Reformation tauchte das obenerwähnte Pasquill rf6in auf. Es war £»te Zeit der öffentlichen Disputation über Religionswahrheiten, oder besser Religionsthorheiten, jener Stiergefechte, wo man nicht fragte: hat der Ochs Recht, oder der Mensch? wo nur die Kraft der Stöße und die Schimpffertigkeit entschied. Dem 18. Jahrhundert endlich, wo die Heiden und Ketzer so liebenswürdig erschienen, daß solche Titel gar nicht mehr abgelehnt wurden, war es Vorbehalten, die längst vergessene Bescheidenheit und Demuth im Religionsbekenntnisse wieder herzustellen. Man scheute sich nicht mehr bei andern Religionen einzusprechen, man wagte zu prüfen, zu vergleichen und zu erkennen, daß man oft das Eigene überschätzt, und das Fremde verkannt, daß man nicht selten mir Schmutz sich geschmückt, und Gold verlacht habe. Auch hier gaben die Christen den Impuls. Sie setzten die Toleranz, die Humanität und den Freisinn, diese wahrhaft heilige Dreieinigkeit, auf den Weltthron; aber sogleich sehen wir zahlreiche israelitische Kolonieen ins neue Reich sich übersiedeln, und jubelnd den neuen Zeitgeist begrüßen. Ihr christlichen Brüder bekennet, daß ihr mehrfach geirrt und von dem Guten gesagt es sei böse, und von dem Bösen es sei gut, — wir thun ein gleiches; ihr leget ba§ Gestandniß ab,^ daß das Judentum doch etwas Besseres sei, als wofür man es gehalten, daß man daraus was lernen, daß man ihm dürfte Gerechtigkeit widerfahren lassen, und doch ein guter Christ bleiben könne: wir stehen nicht an, dasselbe unserer Seits einzuräumen. Nun begegnen wir Schaaren christlicher Forscher im Gebiete israelitischer Religionsschriften, wie nicht minder einer Zahl jüdischer Gelehrten, die mit den Urkunden christlicher Religion sich vertraut machen. Verdient aber das Chriftenthum als das in seinen Folgen ohnstreitig merkwürdigste geschichtliche Ereigniß, als ein treuer Spiegel menschlicher Geisteshöhe und Geistesverwirrung, schon die sorgfältigste Beachtung jedes donkenden Menschen, so sollte sich der Israelit als' solcher noch besonders dazu aufgcfordert fühlen. Zuvörderst ist die Kenntniß der chriftl. Religion wichtig zur richtigen Würdigung der eigenen. Beide haben ja nur eine Moral, ein Gesetz des Lebens; ferner bildet die christliche Religionsgeschichte in der jüdischen selbst einen wichtigen Abschnitt, und endlich, wie;eder aufmerksame Beobachter erkennen wird, gehr auch die Nüancirung der israelitischen Religion mit der christlichen Hand in Hand. War der Christ mystisch, war der Jude kabbalistisch; war der Christ sanatisch, war es der Jude nicht minder; war jener orthodox, stand der Jude nicht nach; war jener Rationalist, ihr werdet es diesen nachthun sehen. Doch beeilen wir uns, auf „das Leben Jesu" von Salvador zu-kommen. „Das Leben Jesu!" Wer denkt da nicht an Strauß? Wie wird erst Salvador, der Jude, mit den armen Evangelien umgehen! Gerade das Gegentheil, lieber Leser! Der Unterschied zwischen Strauß und Salvador besteht vielmehr darin, daß ersterer ein fertiges Ideal von Jesu von Hause aus mitbringt, und sagt: So und nicht anders war es; was dem im Wege steht wird gewaltsam gezwängt, oder ganz wegdemonstrirt. Salvador hingegen kennt keinen Jesus Christus. Er versenkt sich in'das Studium der Geschichte. Da entdeckte er Spuren auffallender Ideen. Er verfolgt sie. Immer deutlicher treten sie hervor und versonisiciren sich im Leben ganzer Sccten und Völker, bis er endlich „den Sohn der Maria" dastehen sieht, so meisterhaft gezeichnet, daß sich der wahre Christ davor beugen muß, der Israelit aber sich von ihm abwendet und sagt: Nein, du bist nicht mein Christus! Strauß führt sein Publikum an den Schmelztigel der Kritik, und zeigt unter Entwickelung massenhaften Wissens und Scharfsinns, was an den Evangelien reines, achtes Silber und was Schlacken ist. Salvador geht auf solchen Scheidungsprozeß gar nicht ein. Silber oder Schlacken, das überlaßt er Ändern zu bestimmen. Ihn beschäftigt nicht der Gehalt des Christenthums und seiner frühesten Urkunden, er hat es nur mit seinem Gepräge zu thun. Nicht, was ist das Christenthum — nach seinen Urkunden beurtheilt — werth, sondern, was sollte dasselbe gelten, ist die Frage. Haben wir es nun nicht mit dem Metalle, sondern mit der Münze zu thun, so wird Schrot und Korn mit gleicher Wichtigkeit betrachtet. Das Bild und die Aufschrift aber muß besonders die Aufmerksamkeit fesseln. Jahrhunderte, Völker, Seelen, Glaubenssysteme alter und älterer Zeit sind die Linien und die Buchstaben, die Salvador uns dazu liefert. Wie die Münze aufhört, eine solche zu sein, wenn die Legirung daraus geschieden, so würde das Christenthum als solches aufhören, wollle man die seinem Entstehen nothwendige Mischung die Gemeinschaft mit demselben absprechcn. Salvador aber bleibt nicht bei den Evangelien stehen, er sucht auch darzuthun, daß Chriftenthum und Kirche — römische oder griechische, wenn ihre Wurzeln nur in das Urchriftenthum schlagen — identisch seien, daß die Dogmen der Kirche, von denen ein großer Theil der christlichen Welt sich lossagt, nicht wie dieser behauptet, von außen sich angesetzt, sondern daß dieselben organisch sich so fortgebildet, getrieben und genährt wurden von Säften, die Wurzel und Stamm entsandet haben. Im weiteren Verlaufe des Werkes sehen wir, wie sein geistreicher Verfasser dem Christenthume seinem moralischen Theile nach Originalität abspricht. In den Lehren über Recht und Unrecht wandelt Jesus auf der Heerstraße des^ Judenthums. An Parallelstellen aus gleichzeitigen früheren und späteren Religionsschriften, namentlich aus den Büchern des a. Test., aus Siracd,

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