Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-05-29 · Heft 22 (29.5.1842) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 22 (29.5.1842)
Date
1842-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2566802-2566825--0361-2567986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

89 man und unduldsam erscheinen; und wozu namentlich das Ketzergebet nwteh gehört. Der Fanatismus, der allen Ernstes Gott zum Fluche über die in Glaubensmeinungen dissentirenden Genossen anruft, sündigt aus allerdings sträflichem Jrrthum, aber doch unwissentlich; der Gesonnene dagegen, der einem solchem Gebete keine Beziehung unterlegt, es aber doch betet, weil es im Gebctbnche steht, entheiligt wissentlich den Namen Gottes. Vom Kol Nidre wird mit Recht gesagt: „Wenn auch dasselbe unschuldiger Weise in üblen Ruf gekommen, so ist man doch um jeglicher Mißdeutung und Verkennung des Geistes unserer Religion vorzubeugen, und um der Heiligung des göttlichen Namens willen schuldig, Gott und der Wahrheit öffentlich die Ehre zu geben, und factisch darzuthun, daß uns die Ehre, d. h. die günstige Meinung Anderer von unserer Sittlichkeit, theuerer als ein ritueller Brauch sei. Die freiere Auffassung des thalmudischen Grundgedankens, welchen das Gebetbuch in Rücksicht der Ovfer manifestire, betrachtet der Verfasser Holdheim als sehr wichtig, da dadurch das wahre Prinzip der Tradition geltend gemacht werde; denn dieses sei nach der Aeußerung eines der gelehrtesten Rabbinen nichts anderes, als das Prinzip der beständigen Fortbildung und zeitgemäßen Entwickelung. Holdheim, der noch schärfere Belege für die Zulässigkeit der im Tempel vorgenommencn Reformen angibt, auch gleich jenem Collegen das Messias- Dogma ganz universell auffaßt, sagt endlich am Schlüße seines Votums von dem fraglichen Gebetbuche, daß dasselbe bei dem festen Stehenbleiben in dem Mittelpunkt der Synagoge, dennoch mit gewissenhafter Prüfung sich alles deßen entaußert habe, was den reinen Geist des Judenthums in den Augen Gottes und der Menschen trüben könne. Wahrheit und volle Übereinstimmung des durch Bildung gelauterten religiösen Bewußtseins mit dem Ausdruck des Gebetes sei der innere sanfte Wohllaut, der durch das Buch klinge und das Gemüth zur Andacht stimme. Damit glauben wir nun unfern Lesern ein genügendes Referat über die für das Gebetbuch des Hamburger Tempels erschienenen Gutachten (die Schrift von Salomon haben wir schon früher besprochen) gegeben zu baden. Ein zweiter Artikel wird eine kurze Kritik dieser Gutachten liefern und damit vielleicht eine Darstellung dessen, was durch den Tempelstreit für die Entwickelung unseres religiösen Lebens genommen worden, verbinden. des Tagrs. Schluß aus der Rede des Land-Rabbinen Wechsler in Oldenburg. (S. d. vor. Nummer.) „Toll unsere Religion eine Religion des Lebens bleiben, so fordert ihre Erhaltung auch noch ein inniges Anschließen aller 'Glaubensgenossen im Leben, rin brüderliebes Znsammewinrken zur Forderung der religiösen Interessen, zur Förderung deS gemeinsam Guten und Nützlichen. Wollet mich jedoch nicht mißverstehen, m. Freunde! Nicht jene Vereinigung verlange ich von Euch im Namen der Religion, die da absondert und ausschließt und dem Varerlande und der Gesellschaft uns entfremde:. Das sei fern! Wir gehören dem Lande an, das uns liebend ausgcnom. men, wir gehören der Gesellschaft an, die das Band der Einigung um uns geschlungen, wir sind mit allen Fasern unseres Daseins festgewurzelt in dem Staate, zu dessen Mitgliedern der Wille des Herrn uns bestimmt hat, in dessen Milte wir Schutz und Duldung und Recht nnd Tbeilnabme gefunden. Nein, wir sind nicht Fremdlinge in diesem Lande, sind's am Wenigsten um unserer Religion willen. O, daß dieser schmachvolle Vorwurf schon längst versunken wäre im Meere der Vergessenheit, der Vorwurf, Israel sei durch seine Religion abgebalien, unrer den Völkern zu leben und mit den Völkern, Israel könne nicht überall seine Bestimmung finken und verfolgen! Nein, und abermals nein! Die Religion verdient nicht diesen Vorwurf, den Osthäs. ügkeit aus der einen Seite, und Obcrslächiichkcii und Beschränktheit auf der ankern ihr zugezogen haben. AlS Erbe aller Zeiten steht sic überall mit der Zeit im Bunde, im Einklänge, lebri sie einer jeden Zeit sich fügen, in ihr, mit ihr leben, mruhet iie uns weder zu, als rodte Reste einer längst entschwundenen Berga», gcnbeit daznstchn, noch viel weniger verweist sie uns mit unfern Wünschen, mit unserm Sehnen und Hoffen auf eine unabsehbar ferne Zukunft. Nur das Eine will ne und gebietet sie, daß wir in der Zeit nicht vergessen sollen ibrer, die da siebt über der Zeit, daß wir immer bleiben und uns nicht schämen sollen zil sein Israeliten, daß wir als Israeliten trachten sotten, nach jenen hvhcrn, unvergänglichen Gütern des Lebens, die dem Leben erst Werth und Bedeutung geben. Wenn wir da;u cinander die Hände bieten, wenn wir dazu sind eines Herzens und eines Sinnes, wenn dazu ein Jeder willig Opfer legt aus den Altar des Herrn, daß verherrlicht werde der Name und Glaube Israels in der Gegenwart, wenn dazu der Lehrer auffordert und die Gemeinde der Aufforderung folgt, daß der Sinn für nützliche Thäligkeit, für eine ehrenvolle Stellung im Leben immer mehr an Umfange gewinne, wenn wir dazu den armen Glaubcusgcnos sen brüderlich stützen, wenn darin sich unser Wohltbäiigkeiisünn bewährt — dann haben wir uns nicht abgesondert, dann haben wir vielmehr einen heiligen Dienst geübt im Oienste der Menschheit, im Dienste der Gottheit, dann haben wir gezeigt, daß cS uns Ernst, frommer Ernst ist um jene Religion, die da vereinigt, beglückt, beseligt, die da erweitert unfern Gesichtskreis und uns schwelgen läßt in dem Gedanken an unfern hoben Berus." Die Emancipation der Juden ist längst auch in Deutschland verwirklicht, verwirklicht in dem Bewußtsein aller seiner edelgesinnten Geister, wie dieses ausS Neue daS Beispiel der Berliner Akademie der Wissenschaften beweist. Sie na Inn den Disteter Nicß trotz seines jüdischen Bekenntnisses zum ordentlichen Mirgliede auf, wobei Alex, von Humboldt bemerkte, „daß dieser Schritt der Anfang der Sühne sei, welche den prenßischeu Juden abgetragen werde für das 25jäbrige Un recht, das sie erdulden mußten."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.