Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1842)
- Date
- 1842-05-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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84 wiß ist, und dessen Seele ihn schon feiert? Hat der Mann, der mit dem Auge des Geistes eine neue Welt anschaute, und der mit Zuversicht hinausfuhr in das unermeßliche Weltmeer, um an ihrem Ufer zu landen, — hat der darum geglaubt die Küste heute oder morgen zu finden?" „Sie kämpfen gegen unsere christliche Tyrannei" heißt es weiter oben. Es liegt schon hierin eine — wenn gleich schwerlich beabsichtigte und nur durch den Ausdruck verschuldete — Entstellung. Wir kämpfen allerdings gegen einen bürgerlichen Druck, der sich äußerlich an den Glauben knüpft.. Aber wir haben es oft genug ausgesprochen, daß wir in dem Christenthume weit weniger den Grund als den Vorwand des geübten Druckes sehen, daß wir diesen seinem Wesen nach in die Categorie der an den Stand, an die Geburt geknüpften Bevorrechtungen und Zurücksetzungen zu stellen gewohnt sind, und daß die Religion in ihrem hohen wahren Sinne hiebei eher die Stellung der mißhandelten, verunreinigten, gefälschten, als die der unterdrückenden und mißhandelnden einnimmt. Wir haben daher die Tyrannei, wider die wir mit sehr schwachen Kräften ringen, nie als eine „christliche" bezeichnet. Indexen ist das, wie gesagt, auch wohl nicht gerade gcflip,i:ntlich so gemeint. Sehr befremdlich aber ist die folgende Aeußerung: „und vergessen, daß die Stellung der Juden in Deutschland eine Folge des Vorurtheils Wann hatten wir das je vergessen? Haben wir denn nicht immer unsere größte Mühe eben auf die Nachweisung gewendet, daß die uns entq.-genstehenden Ansichten, das unserer Sache feindliche Widerstreben auf Vorurthcilcn beruht? Neben dem Vorurtheil haben wir freilich auch dem Egoismus eine mindestens gleich einflußreiche Stellung unter den uns feindlichen Elementen angewiesen; wir haben die Erzeugnisse des Jrrthums von denen der Selbstsucht zu trennen gesucht, aber vergessen haben wir das Vorurtheil fürwahr nie. Seltsam! Was wir unser Lebenlang darzuthun bemüht sind, wird uns hier stillschweigend zugegeben, um uns vorzuwerfen, wir vergaßen es! Wir sind sonst gewohnt, daß unsere Gegner das, was uns als Vorurtheil erscheint, für die Wahrheit, für ihre Ueberzeugung erklären und dann ist der Streit natürlich und von beiden Seiten begründet, daß aber zugegeben werde, daß uns nur Vorurteile im Wege stehen, und daß eben im Namen dieser Respecr von uns gefordert wird, das scheint etwas Neues. Ein rechtes Vorurtheil erkennt sich nicht als solches; es nimmt Achtung in Anspruch, weil es sich für Wahrheit halt; es ist aufrichtig, wenn es auch scbwachküpsig ist. Aber ein Vorurtheil, das sich seiner Natur bewußt ist, und sich doch nicht aufgeben will — das beruht auf Unwahrheit oder Characterschwäche. Daß der Recensent wirklich in der eigenthümlichcn Lage ist, eigne Vorurtheile, die er als solche mehr oder weniger selbst ansieht, dennoch fcsthalten und gegen uns behaupten zu wollen, ergiebt der Verlauf der Recension. Hier könnte es vorerst noch scheinen, als wolle er nur Anerkennung und Schonung der Vorurtheile Anderer, die noch nicht dahin gelangt sind, ihre Vorurtheile als solche zu begreifen und sie noch für Wahrheit halten. „Wir Christen sollen uns" heißt es weiter „in die Gefühle der Juden versetzen und tbun dies mit aller Antheilnahme, der ein gefühlvolles Herz nur fähig ist, und keinem Juden fällt es ein, sich in den Mittelpunkt der Stimmungen zu versetzen, die der Christ gegen den Juden hat. Wir sollen mit Gewalt in den Juden nichts sehen, als die Erben eines jahrtausendjährigen Elends, eine Pariakaste, Heloten, während unsere Erziehung, unser Religionsunterricht uns mit einer Jdiosyncrasie gegen das Judenthum ausgestattet hat, die wir nicht so über Nacht in uns unterdrücken können. Wir sind der Meinung, daß wir unser Vorurtheil bekämpfen sollen und daß es im Laufe dieses Jahrhunderts durch das allgemeine Nivellement aller Principien und historischen Beziehungen so gut wie ausgcrottct sein wird; aber es heißt ein großes Heltenthum bei uns voraussetzen, wenn wir so schnell, wre es jene Anwälte wollen, über uns Herr würden. Wir sind keine Helden: am wenigsten in Masse: noch weniger als Gesetzgeber für diejenigen, die sich noch nicht einmal bis zum Prinzipiellen der Judenemancipation aufgeschwungen haben." Hier wird zuvörderst mit großer Geschicklichkeit gewissermaßen Mitleid mit den Vorurtheilen der Christen von uns verlangt; diese werden in das Licht einer unüberwindlichen, bedaueruswerthen Schwache gestellt, um uns als rauhe, gefühllose Menschen erscheinen zu lassen, die mit den armen Vorurtheilen kein Mitleid haben. Wir n.achcn es auch wirklich zu arg! Man fühlt unschuldige Jdiosyncrasieen — auf deutsch Eckel oder Widerwillen — gegen uns, und wir grausamen Menschen sind so hart und unbillig solche Jdiosyncrasieen m t Vernunftgründen zu bekämpfen, während doch die, die sic hegen, gar nichts dafür können! Man verabscheut uns ein wenig und wir verstehen uns gar nicht recht in den Mittelpunkt dieses harmlosen Abscheus zu versetzen und ziehen mit schonungslosen Principien dagegen zu Felde! Und doch verlangen wir, daß n an sich an die Stelle — etwa unserer Vorurtheile, unserer Jdiosyncrasieen? nein, denn wir haben Gottlob! keine solche, und hätten wir deren, wir wären fürwahr nicht so frech, uns ihrer zu rühmen — sondern unserer bürgerlich unterdrückten Lage versetze." „Wenn der Recensent voraussetzt, daß das „Vorurtheil", also doch eine Gesinnung, wenn auch eine irrige, der letzte und einzige Grund der bürgerlichen Zurücksetzung der Juden sei, so ist diese Voraussetzung wenigstens noch problematisch. Ich habe, ohne je die Quelle des Vorurtheils zu vergessen, doch wiederholt und ausführlich zu erweisen gesucht, und bin noch jetzt der Meinung, daß der größere Theil der Einwendungen gegen die Rechtsgleichheit mit Neigung und Abneigung nichts zu thun hat, sondern nur mrt Egoismus und Bevorzugung. Ich halte mich überzeugt, daß die große Mehr-