Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-05-08 · Heft 19 (8.5.1842) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 19 (8.5.1842)
Date
1842-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566802-2566822--0345-2567967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

wenn es nicht gleich Anfangs der stabilen Parthei gelungen wäre, in einem der größten europäischen Staaten die Staatsgewalt für die strickte Erhaltung des Bestehenden zu gewinnen, und die Parthei des gemäßigten Fortschrittes als eine besondere Secte, und ihre Führer als gefährliche Reologen zu erklären, der Tempelgottesdienst längst in den meisten gebildeten Gemeinden eingcführt worden sein. Denn nicht nur in Hamburg that sich das Bedürfniß eines erbaulichen Gottesdienstes kund, dasselbe trat als Manifestation einer fortgeschrittenen Bildung zu gleicher Zeit in Berlin, Breslau, Königsberg u. a. O. hervor; in Hamburg nur kam es, geschützt von der Staatsbehörde, zur sichtbaren Wirklichkeit, wahrend es anderwärts, mit Hülfe der äußeren Gewalt, unterdrückt wurde und nur noch in dem Leipziger Tempel sich geltend machen konnte. Uebcrhaupt scheint Hr. Fr. ab- oder unabsichtlich ganz den Standpunkt zu verkennen, auf welchem heutzutage im heiligen Interesse unsrer Religion ein erleuchteter Volkslehrer bei der Beurtheilung des fraglichen Gebetbuches, sich stellen muß. Solcher muß dieses Gebetbuch und den Gottesdienst, bei welchem cS gebraucht wird, mit dem, an dessen Stelle dieser trat, vergleichen; er muß sich sagen, wie der gewöhnliche Gottesdienst wegen seiner Anthropomorphismen, wegen seiner scheinbaren Intoleranz, wegen der Widersprüche mit der Ueberzeugung des (besonders gebildeten) Beters, vor Allem aber wegen seines gänzlichen Mangels an wahrhafter Andacht und Erbauung, im hohen Grade zu beklagen sei, wie daher der Eultus des Hamburger Tempels, da er im wesentlichen alle diese Mangel beseitigt, als ein sehr heilsamer Fortschritt zu begrüßen und um so mehr anzuerkennen fei, als er nicht von der Staatsbehörde, oder einem einzelnen Rabbiner, einer Gemeinde aufgedrungen, sondern frei und selbstbewußt aus dieser hervorgegangen ist; wie daher der wahrhaft - fromme Beurtheiler auch nur den Fortschritt des religiösen Lebens, der sich in jenem Gottesdienste bekunde, vor Augen haben, darum diesem selbst in der öffentlichen Meinung all' den Vorschub, den eine bessere Sache fordert, leisten, und von weniger bedeutenden Einzelnbeiten absehcn muß. Auf diesen Standpunkt haben sich auch die geachtetsten israelitischen Volkslehrer, welche über jenes Gebetbuch sich öffentlich zu äußern, veranlaßt wurden, gestellt, und es sind Männer dabei, die an wissenschaftlichemMuhm Hrn. Fr. wahrlich nicht nachstehen. Statt also dem Beispiele dieser zu folgen, betritt Hr. Fr. den entgegengesetzten Weg, klammert er sich an Einzelnheiten, und bietet alle dialektische Gewandtheit seines Geistes auf, um das Gegentheil von dem zu beweisen, was jedes unbefangene Gemüth an dem fraglichen Gottesdienste findet. Das ist schmählich; das ist bei der eignen freien Ansicht des Hr. Fr. eine grobe Versündigung gegen die heilige Sache des Fortschrittes, wofür er einst der Geschichte wird Rede stehen müßen. Ja, was auch das Motiv des. Hrn Fr. gewesen, er verdient noch größeren Tadel als sein College 1 Bernays; denn dieser hat bis auf einige grobe Unwahrheiten, die er dem Tempel nachsagte, doch sonst sich nicht auf Gründe eingelassen, sondern nur längst verrostetes Rüstzeug von Anno 1818 wider herbeigeholt und damit einen neuen Schreckschuß versucht, der bei der blinden Masse auch wohl hie und da getroffen haben mag. Hr. Fr. aber, für sich selbst auf einem hohen wissenschaftlichen Standpunkt stehend, benutzt seine beffere Bildung, benutzt den Geist, mit welchem ihn Gott begabt, um gegen die Sache des Lichtes zu Felde zu ziehen, und sie mit süßen Worten und täuschenden Sophismen zu verdächtigen. — Doch dem Tempel selbst wird auch diese Verunglimpfung nur zum Nutzen gereichen; sie wird nur den Beweis abgeben, daß der Versuch, den Tempel von einem höheren Standpunkte aus anzugreifen, ihn in gemächlicher und tieferer religiösen Beziehung zu tadeln, auch mißlungen ist, obgleich keinerlei Masse der Sophistik und der süß-frommen Redekunst dabei gespart wuree. des Tages. Abermals enthält „der Orient" einen Schmähartikcl gegen den Landrabbinen l)r. Holdheim in Schwerin und zwar aus Anlaß einer Sache, welche Hrn. Holdheim nur zum Ruhme gereicht, indem er der erste war, der aus die würdigste und sreimüthigste Weise sich zu Gunsten des Hamburger Tempels hak vernehmen lassen. Wir können es daher nur im höchsten Grade beklagen, daß der Redakteur des Orients fein Blatt solchen gemeinen persönlichen Bcrunglimpfungen öffnet, nichl wegen des l^r. Holdhcim, der zu hoch in der Verehrung aller Beffcrgesinnten steht *), als daß so gemeine Angriffe ihm irgend schaden können, sondern wegen uns und der ganzen israelitischen Glaubensgenossenschast selbst, gegen welche die Feinde unserer rechtlichen Gleichstellung nur einen neuen Grund zur Verunglimpfung finden würden, wenn sie sehen, wie unsere öffentlichen Blätter es sich zum Geschäfte machen, die wackersten Vorkämpfer des religiösen Fortschrittes in der Verehrung ihrer Glaubcnsbrüder herabzubringen. Daher wir hiermit in unserem Namen und im Namen Aller, denen die Ehre Israels heilig ist, gegen ein solches Verfahren protestiren. c Wer jetzt Hamburg besucht, der gewahrt in einer Seitenstraße ein Gebäude, das noch im Bau begriffen ist, das aber dennoch durch die Pracht, welche es vcrräth, schon jetzt Bewunderung erregt. Es ist dieses das große israelitische Hospital, welches Herr Salomon Heine zum Andenken an seine verstorbene Frau jetzt aufführen läßt. Zu dieser Stadt nimmt auch die Toleranz und Humanität der Christen gegen die jüdischen Einwohner immer mehr zu. In einem kürzlich dort gebildeten /,Jugendverein" kann ohne! Unterschied der Religion jeder, der einen unbescholtenen Ruf gc- *) Man sehe die höchst rühmliche Anerkennung, welche der gelehrte L)r. Jost in den Annalen von 1839 dem vr Holdheim zu Th-il werden läßt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.