Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-04-03 · Heft 14 (3.4.1842) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 14 (3.4.1842)
Date
1842-04-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2566802-2566817--0320-2567937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

56 sein sichtbares Gewand, al§ solches zerfällt und wechselt (Ps. 102, 26 — 28.)/' „Zeigt sich die Weltseele auf einem, jedem Klima eigenthümlichen, Typus, so muß auch das Volk desselben feinen eigenen Gott verehren, und zwar ihn nur da finden, wo der Typus seines von demselben bewohnten Climas ihn schuf. Das heidnische Volk laßt seinen Gott ausschließlich in seinem Vaterlande residiren (cf. Manilius. Astron. 4,740. 803.) am Ganges der Indier, am Nil der Aegypter. Judenthum dagegen, als Dienst deS Geistes, gießt sein Ideal in die über alle Anschauung erhabene Form des Geistes, es erkennt die Natur zwar als Gottes Geschöpf, belebt durch Gottes Odem, doch ist sein Gott auch erhaben über der Natur und findet nirgends im Dasein einen ihn fassenden Wohnsitz. Werde Gott! so heißt das höchste Moralprincip des Heidenthums; werde wie Gott! so das des Judenrhums. Der Heide will physisch einen Gott schaffen, sein Streben nach der Verwirklichung seines Ideals ist deßhalb ein allmahligcs Produciren und ein Bilden an der geistigen Natur, die ihm vorschwebt. Ein jedes Opfer, das er seinem Gotte bringt, ein jeder Act seiner Askese, ein jedes Werk der Menschenliebe bringt ihn eine Stufe höher seinem Gotte entgegen, ist eine nöthige Verbesserung an seinem Kunstwerke. Der Jude dagegen will in sich nur den vollkommnen Menschen, aber nicht einen Gott produciren, darum sind ihm Ccremonien und Werke der strengen Askese nicht wirkliche Stufen zu seiner Vollkommenheitshöhe, nicht Zwecke an sich, sondern nur Mittel, welche ihm zur Verwirklichung seines Ideals verhelfen sollen. „Der israelitische Opfercultus zeigt eine nur relative Nothwendigkcit, er war Bcdürfniß seiner Zeit (cf. More Nebuchim 3, 32. Abrabanell in seiner Vorrede zu dem 3. B. Mos.) So wie aber die antike Welt, aus Mangel an dem vermittelnden Begriffe Natur ein jedes Ereigniß in direkte Verbindung mit der Gottheit setzte, so brachte sie auch die Wirkung des Miasma's und des Contagium's mit der Religion in engste Wechselwirkung, und erklärte Alles, was der Gesundheit nachtheilig sein konnte, für unrein und somit für einen Gräuel der Gottheit. Auch das Judenthum gibt zwar seine Vorschriften über Enthaltsamkeit nur als Gebote Gottes, streng aber weist es alle mystischen und physischen Gründe, die das Heidenthum angibt, zurück. Auch ist.'es leicht einzusehen, daß für die Israeliten der damaligen Bildungsstufe eine rationelle Motivirung ter Gesetze bei weitem nicht so einflußreich gewirkt hätte, als eine rein theologische. Spätere Juden welche auf einer höheren Stufe der Weltanschauung sich befanden und befreit von heidnischer Kabbalistik blieben, erkannten es, daß allen Mosaischen Vorschriften diätetische oder ethische Tendenzen zum Grunde liegen, welche hypothetisch angegeben werden dürfen (cf. Jalkut zu 4. Mos. 19, 2., More Nebuchim 3, Sepher Hachinuch u. m. a.). Auch das spätere Judenthum lehrt da, wo es sich rein von kabbalistischen Verzerrungen behauptete, daß nur wahre Sittlichkeit den Kern und das Wesen der Religion bilde (Vajikra Rabba 24. zu 3. Mos. 19, 2.). Die Nächstenliebe kann im Volksleben nicht universell sich darstellen, wenn der Gott, welchen das Mysterion dem Volkscultus übergibt, kein universeller ist. Die rein universelle, weltumspannende Liebe kann sich nur aus dem Judenthum entwickeln. Es übergibt auch dem Volksleben einen universellen Gott, welcher allein als Weltenkönig von allen Nationen der Erde wird verehrr werden. Erkenntniß der Einheit Gottes, Entfernung der Sünde, der Bosheit und des Lasters und die liebevolle Verbrüderung der ganzen Menschheit sind stehende Haupttöne, welche m den Accorden aller prophetischen Melodien wiederklingen, welche aber von den verschiedenen Propheten in verschiedenen Modulationen oorgetragen werden, je nachdem Zeiten und Verhältniße der einzelnen Sänger sie darboten. Ein jeder Prophet hebt das Aufhören desjenigen Uebels mit vorzüglicher Kraft hervor, woran sein Zeitalter vorzüglich kränkelt, und malt mit den glänzendsten Farben jene Hoffnung, deren Realisirung am meisten die sehnsuchtsvolle Brust erfüllt. So nimmt die Schilderung der Messi'aszeit in verschiedenen Verhältnißen verschiedenartige Gestalten an und verbindet mit der absolut wahren, vom prophetischen Gefühle klar erschauten, objectiven Idee so viele relativ wahre, subjective Ideen, daß bei der Charakterisirung des Zukunftbil, des im Judenthume zwischen Ideen der Zeit und denen der Ewigkeit streng geschieden werden muß." — „Der Geist in seinem normalen Zustande bei dem Individuum und nach seinem relativen Standpunkte bei einer Collectiv - Individualität entwickelt sich vom Keime zur Blüthe, je nachdem die Sonne der Weltanschauung ihn früher oder später, stärker oder schwächer belebt. Ja dem, keiner Störung durch die Außenwelt unterworfenen, Individuum verlebt der Geist eine Periode der Bewußtlosigkeit und deS Bewußtseins seines Ideals. Er urthcilt in ersterer nach einem noch nicht zum Bewußtsein gelangten Gefühle und stellt sich nicht als activeS Subject, sondern als passives Object dar — er durchlebt die Periode der Objectivität. Wirkt aber eine lange erfahrungsreiche Weltanschauung, oder eine schon zur Vernunft gelangte Umgebung auf das in der Anschauung noch begriffene Individuum mit Nachdruck ein, dann wird nach und nach die Anschauung zum verständigen Begreifen und diese zum vernünftigen Wissen erhoben. Stehet der Mensch auf dieser Stufe, so stellt er sich nicht mehr als passives Object, sondern als aclives Subject dar — er durchlebt die Periode dcr Subjectivität. Zwischen der Periode der reinen Objectivität und der einer reinen Subjectivität liegt der Verstand mit seinen einzelnen Progressen als Uebergangsmomente, und bildet somit eine Periode gemischten Characters, die der subjectivcn Objectivität. Die zwei Hanptperioden nebst dcr Ueberaangsveriode

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.