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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-03-20 · Heft 12 (20.3.1842) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 12 (20.3.1842)
Date
1842-03-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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48 übereinstimmte; man ging auf gleiche Weise bei der Betrachtung der Geschichte zu Werke, ohne zu ahnen, daß das, was keinen absoluten Werth hatte, doch einen relativen haben, d. h. zur Weikerführung der Idee der Menschheit, wie sie nach dem Character einer bestimten Zeit sich gestalten mußte, gar wohl beitragen konnte. Im Iudentbume zumal, wo man die Last des über die Masse angchäuften Nitualgesetzes mit der ganzen Bitterkeit, die das erste Bewußtsein von dessen theilweiser Unvernünftigkeit erzeugte, empfand, mußte der Standpunkt der Theologie mehr ein polemischer sein; man dachte und konnte vorerst nur daran denken, dem eigentlich religiösen und rein sittlichen Elemente in der Religion im Verhältniß zu dem Zeremoniellen eine höhere Geltung zu verschaffen, für die historische Würdigung des letzteren, für Fragen höheren geschichtlichen Gehaltes, wie z. B>: in wiefern trugen Thalmudismus und Rabbinismus nach dem Character ihrer Zeit dennoch zur Fortbildung des Judentbums bei; welche Wirksamkeit behauptete hierin die Kabbala, wie ist die Stellung des Judentbums dem Christenthume Islam und Heidenthum gegenüber — war (wie wir an dem Werke von Peter Beer sehen) die polcmisi'rende im Kantischcn Kriticismus befangene Zeit noch nicht reif. Erst der neueren Zeit, welche durch die weitergeschrittene philosophische Weltanschauung der Schellingschen und Hegelschen Schule gelernt hat, die ganze Geschichte als eine heilige zu betrachten, war es Vorbehalten, die Zustände der Vergangenheit besser zu würdigen, und wie dieses im Allgemeines geschah, trat es auch in der Reflexion über die Entwickelungsgeschichte des Judenthums hervor. Besonders bahnten hier Jost und Zunz den Weg; ersierer in der israelitischen Geschichte überhaupt, letzterer rücksichtlich der Auslegung und Erklärung des göttlichen Wortes. Zur Erörterung obiger Fragen und zwar auch der dogmatischen trugen aber besonders die in neuester Zeit erschienenen Zeitschriften, an welchen vorzüglich Rabbinen, die tüchtige philophische Studien gemacht, arbeiteten, bei, und was den eigentlichen Volksunterricht durch Vortrage in den Synagogen betrifft, so ist es besonders Mannheimer der die auch in solchen Vorträgen hervorgctretene einseitig-polemische Richtung verlassen und die eines freieren gediegeneren Urtheils über die Zustande der Vorzeit befolgt hat. Allein an einem Werke, welches sich die systematische Lösung jener Fragen zur Aufgabe gesetzt hätte, fehlte es dennoch, und man muß es daher dem Dr. Formstecher um so mehr Dank wissen, daß er dieses zuerst versuchte. Gleichwohl darf man bei siinem Werke nicht an eine gewöhnliche Dogmatik denken, eine solche wollte der Verfasser nicht schreiben. „Der Sachkenner (sagt er) wird durch die ganze Anlage und Oekonomie dieses Buches sich bald überzeugen, daß ich nur Umrisse und Andeutungen liefern wollte, in der Hoffnung, daß diese Umrisse vielleicht von einer geübteren Hand ihrer Ausführung sich erfreuen, und daß diese Andeutungen vielleicht entsprechende: oder auch widersprechende Ideen wecken und an's Licht treten laßen, durch welche wir der angestrebten Wahrheit, wenn auch nur wenige Schritte, näher geführt werden." Doch dieses gerade, daß der Verfasser nur Umrisse und Andeutungen^ geben wollte, wiewohl er bei seiner Begabtheit mehr hätte geben können, erhöht den Werth seiner Schrift. Wir müssen erst über die Principirn, über die Grundfragen in's Reine kommen, ehe wir an die speciclle Entwickelung gehen. Auf diese Weise schreitet das wissenschaftliche religiöse Bewußtsein mit der gehörigen Klarheit,.Sicherheit und Besonnenheit unter uns fort, verfolgt ganz den organischen Weg der Natur, und ist dadurch um so mehr vor Fehlgriffen und Jrrthümern gesichert. Dabei wird durch die klare gebildete, und — so weit es bei so tiefen Fragen möglich —auch populäre Darstellung des Verfassers, noch ein anderer sehr dringender Zweck erreicht: die Belehrung des Laien. Für den Theologen brauchen wir weniger zu sorgen; der wird durch seine philosophischen und theologischen Studien überhaupt sich schon den Weg zunr Verständniß der israelitischen Lebensfragen bahnen; aber dem Laien, wenn er seinem Glauben und seinen Brüdern erhalten werden soll, thut es Noth, daß er sich über die Wahrheit des ersteren vollkommen Rechenschaft gebe; der Laie muß sich die Fragen: Was ist Judenthum? Was hat es bereits in der Geschichte gewirkt? Wie ist es zu den übrigen Religionen gestellt, und warum ist es und nur es allein Weltrcligion? klar machen können, muß hierin zu einer festen beruhigenden jUeberzeugung gelangen, wenn er zumal bei der noch gedrückten äußeren Stellung seiner Brüder vor Abfall und Untreue bewahrt werden soll. Doch hören wir zuvörderst, wie sich der Verfasser selbst über die Tendenz seiner Schrift ausspricht: „Auch das Judenthum, durch sein Weilen auf Erden weit älter als die aufgefundencn Trümmer von Herkulanum und Pompeji, ist dem forschenden Geiste ein interessantes Monument der grauen Vorzeit, ja noch interessanter, als jene verschütteten Ueberreste, weil es einst lebte und wirkte, fühlte und kämpfte, weil es stets mächtig rang mit seiner feindlichen Umgebung, für die Behauptung einer großartigen Idee, und weil cs noch in der Gegenwart sich ein Leben vindicirt, vom Welttheater noch nicht abtrat und seine Heldenrolle noch nicht als vollendet erklärt. Das Judenthum muß deßhalb schon als solch ein lebensvolles Erinnerungszeichen der Vorzeit, ein Object des denkenden und forschenden Geistes werden, das er in seinem Wesen zu erkennen, nach seinem Character zu würdigen, in seinem Entwickelungsgange zu beobachten und nach seinem Berufe und seiner Stellung in der Menschheit vorurtheilsfrei zu ergründen sich aufgefordert fühlen soll. Mit der höflichen Entschuldigung, ttuckiatur et altera pars, wagt es deßhalb auch der Jude, sein Judenthum als ein Glied am Organismus der Menschheit zu betrachten und ihm einen solchen Beruf und eine solche Stellung in der Menschheit anzuweisen, wodurch er sein

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