Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-03-13 · Heft 11 (13.3.1842) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 11 (13.3.1842)
Date
1842-03-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566802-2566814--0303-2567917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42 der ganzen Reihe rabbinifcher Satzungen das I^raelitentbum erblickt, und denjenigen, welcher von einer Abschaffung derselben in irgend einer Weise spricht, für ganz oder zum Tbcil aus dem mosaischen Glaubensverbande getreten betrachtet; dann aber eine ziemlich große An za hl christlicher Gottesgelebrten, welche zwar die bloße Werktnarigkeir, an welcher weder Herz noch Geist Befriedigung findet, nicht billigen, aber von denjenigen Israeliten, welche diese Äußerlichkeiten abwerfen, glauben, sie seien über den Mosaismus herausgegangen; deshalb wollen wir kurz zu untersuchen 'streben, wie sich das Jsraelitenthum zur speculativen Philosophie verhalte, wie es von derselben afficirt werde und ob die Grundideen w^salschen Religion nach dieser Afficirung in ihrer Reinheit sich erhalten könne. Bon vorn herein wirft sich uns die Frage auf: Welches ist die Idee des Jsraelitenthums; was ist in den Mosaismus, wie er bis heute bestanden, Wesentliches, ohne welches er nicht mehr Mosaismus zu nennen ist, und was ist ferner an ihm Zufälliges, Aeußerliches, welches zu verändern, oder gar aufzuheben ist, je nachdem es Zeit, Ort oder Bildungsgrad fordern. — Aber an wen wenden wir uns, um eine Beantwortung dieser Frage zu erhalten? Welches ist die Autorität, welche unsere Gegner sowohl als wir selbst für hinreichend bindend anerkennen, um durch sie jene Frage beantwortet zu sehen? Als einzige Autorität erkennt das Jsraelitenthum die heilige Schrift; was sie gehütet oder verbietet, gilt den Israeliten als Ge- oder Verbot. Sie die älteste Urkunde einer religiösen Gemeinschaft, ist im und mit dem Jsraelitenthum entstanden, und hat ihm das eigenthümliche Gepräge aufgedrückt, das so lange Zeiten, so harte Bedrängnisse nicht verlöschen konnten. Von der ältesten Zeit an, schon in jener grauen Ferne, aus der die Sage uns nur einzelne Züge aufbewahrt hat, tritt aber als Grundidee des israelitischen Glaubens die hervor, daß wir nur das zu glauben verpflichtet sind, was mit den Gesetzen der Vernunft übcreinstimmt, Nichts was ihr widerspricht. Nirgends wird verlangt, daß wir irgend ein Dogma glaubeu sollen, weil das Gesetz es befehle, sondern weil es vernünftig sei, weil ein Grund vorhanden. Die Schritt geht aber noch weiter; sie stellt selten eine abstrakte Wahrheit nakt hin, und befiehlt, sie anzunehmen; im Gegentheil führt sie Tbatsachen auf, aus welchen Wahrheiten sich ergeben. Sie läßt die Israeliten unter mächtigen Zeichen aus Aegypten geführt werden, gibt ihnen an Sinai das Gesetz, führt sie in langem, wunderbarem Zuge durch die Wüste, und laßt sie mächtige Völker besiegen, damit sie einsehen, glauben, daß ein allmächtiger Gott über ihnen walte, der aus Liebe sie erwählt, und unter seinen Schutz genommen. Eben so suchen die Propheten in ihren erhabenen Reden das Volk für das heilige Gesetz zu entflammen, nicht weil es besohlen, sondern weil es vernünftig sei. Der Psalmist gleichfalls rühmt am häufigsten in'seinen Sprüchen das Erkennen Gottes, und das Verstehen seines Wortes gilt ihm als die höchste Weisheit. Doch die Schrift lobt aber auch Abraham daß er geglaubt, die Israeliten, daß sie an Gott und seinen Diener Moses geglaubt; ja sie erzählt sogar, daß Moses deshalb nicht m das ersehnte Land mit eingezogen weil sein Glauben sich nicht stark genug bewährt habe. — Eine unbefangene Betrachtung solcher und ähnlicher Stellen zeigt uns jedoch bald, daß hier das Glauben nicht eine Annahme schwerer, der Vernunft nicht zugänglicher oder gar widersprechender Satzungen sei, sondern daß das, was hiermit gelobt und getadelt wird, auf ein Vertrauen auf den göttlichen Schutz Hinziele. Das Vertrauen des hundertjährigen Abrahams auf eine Nachkommenschaft, das Vertrauen der Israeliten u. s. f. wird als Muster aufgestellt. Ein zweiter Einwurf wäre der aus dem Inhalte der Schrift entnommene. Der Pentateuch enthält nämlich manche Vorschriften und Satzungen, von denen er keinen Grund angiebt, woraus also folgt, daß es der Vernunft nicht gezieme, ihren Maßstab an die göttliche Lehre zu legen. Allein man erwäge doch nur, daß dieser unbegreiflichen Verordnungen nur wenige sind; daß ferner von vielen, deren Bedeutung man früher nicht zu enträthscln wußte, jetzt die Bedeutung erkannt ist, daß also das Nichtverstehen einzelner Verordnungen nicht sowohl in deren Unbegreiflichkeit als vielmehr in dem noch zu geringen Grade der Ausbildung unserer Kenntnisse liege. Jn'deß abgesehen von allen diesem, gicbt uns das wahre Wesen der Zeremonialgebräuche hinlänglich Aufschluß über jene Dunkelheiten. Daß für jede Religion, wenn sie an dem Menschen zur Erscheinung kommen soll, gewisse äußere Formen, Zeremonien nothwendig sind, hat noch Niemand geleugnet, selbst diejenigen nickt, welche sich vom Aeußeren zum Theil oder ganz losgrsagt haben. Man kann es der Schrift nicht zum Vorwurf machen, daß sie uns den Grund einer Zeremonie verschweigt, die dem Verständigen so leicht verständlich. Die Zeremonie an und für sich kann keinen inneren Grund haben, indem sie dann aufhört, Form zu sein; und nur so lange ist sie Form, als sie nicht Inhalt ist; wird sie Inhalt, hört sie auf Zeremonie zu sein. So ist der Nichtgenuß mancher Thiere dann nicht mehr Zeremonie, wenn man sich ihrer deßhalb enthält, weil sie der Gesundheit nachtheilig seien, die Bcschneidung bleibt nur so lange Zeremonie, als man sie für ein Zeichen des Bundes hält, nicht wenn man ihr medicinische Zwecke zu Grunde legt. Daher ist es einerseits verfehlt, wenn man zu solchen Verordnungen, die eben nur als Zeremonie gelten sollen, innere Gründe sucht, anderseits Unrecht, die Schrift wegen Mangels eines solchen Grundes der Unbegreiflichkeit zu beschuldigen. — Als das Resultat unserer Untersuchung stellte sich demnach heraus, daß die Einwirkung des Rationalismus auf das Jsraelitenthum nur die Folge haben könne, daß wir immer scharfer den Kern der 'Religion-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.