Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1842)
- Date
- 1842-02-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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31 nicht vorenthalten werden, sie ist für ihn Wahrheit; nicht aber die erftere, deren Mittheilung in vielen Fallen unterbleiben kann, ja unterbleiben muß; also auch nur jene überhaupt, nur die mittelbare Wahrheit kann gemeint sein, wenn von frevelhafter Verletzung der Wahrheit, von Heuchelei im rechten Sinne die Rede ist. *) Darum ist man kein Heuchler, wenn man nicht jedem Menschen das Unvortheilhafte zu erkennen gibt, was man über ihn denkt; denn man verletzt dadurch nicht die Wahrheit, da eine solche Mittheilung doch nicht als Wahrheit von dem, welchen sie betrifft, ausgenommen und darum auch nur schädlich wirken würde. Daher heucheln Eltern und Erzieher nicht, wenn sie sich zur Vorstellungsweise des Kindes herablassen, wenn sie mit den Mitteln ausbilden und erziehen, die ihm zugängig und angemessen sind; darum heucheln Gesetzgeber nicht, wenn sie nur das als Recht hinstellen, als Wahrheit geben, was das Volk nach seiner Bildung und Sitte als solche aufnehrnen, als solche nutzen kann; darum heuchelt der Arzt nicht, der zum Heile seines Patienten ihm seinen wahren Zustand verhehlt; darum ist der rationelle christliche Geistliche kein Heuchler, weil er in Lehre, Amt und Leben eine Ansicht über das Dogma seiner Kirche verschweigt, deren Mittheilung für die auf einem beschrankteren Standpunkte stehende Gemeinde keine Wahrheit, wenigstens keine heilsame, sein würde; und darum verdienen endlich auch die neuen Rabbinen jenen Namen nicht, wenn sie ebenfalls sich selbst verleugnend eine Ucberzeugung zurückhalten, für die sie erst nach und nach, auf dem Wege besonnener und weiser Belehrung, ihre Gemeinden bilden müssen, **) und die ohne Vorbereitung und urplötzlich mitgetheilt zur heilsamen Ucberzeugnng, zur realen und humanen Wahrheit nicht werden, sondern nur Unglauben und Unstttlichkeit Hervorrufen würde. Wir sagen: nicht urplötzlich und ohne die rechte Vorbereitung dürfe die Wahrheit mitgetheilt werden, aber nach und nach isollen, müssen die Gemeinden für die höhere religiöse Uebcrzeugung ihrer Führer gewonnen werden; es ist die Aufgabe, die heiligste Lebensaufgabe der Letzteren, solches zu bewirken. Versäumen sie diese, Hallen sie absichtlich ihre Gemeinden in Finstcrniß und Unwissenheit; ja treten sie gar, gegen ihre eigne bessere Ueberzeugung, Fortschritten zum Besseren entgegen, dann sind sie Heuchler, Heuchler in des Wortes elendestem, schmachvollstem Sinne. *) Diesen Unterschied übersah Strauß selbst, in dem waö er (Einleitung zum Leben Jesu) über die zweideutige Stellunz des christlichen Geistlichen sagt. **) Damit ist jedoch nicht gesagt, daß da, wo das Amt detz Casuiften (p-ßt von dem des Predigers getrennt, also auch jeder Schern einer zweideuttgen Stel, lung vermieden werden könnte, dieses nicht geschehen sollte. Grtchichtr des Tages. (Fortsetzung des Artikels aus der Leipz. Allge«. Zeitung.) „Deutschland, das/ wenn man zwischen seinen und den englischen Juden eine Parallele zu ziehen beabsichtigt, gerade so viel für die innere Ausbildung/ Wissenschaft und CultuS des IudenthumS wirkt, als England für dessen Ehre und äußern Glanz. Der deutsche Jude zimmert im Innern seiner Glaubenstempels, der englische sorgt noch dafür, daß der Grund desselben nicht erschüttert, daß seine Außenseite nicht besteckt werde. Und dieß ist ihr beiderseitiger Beruf: jeder Schritt, den sie davon weichen, entfernt sie von dem von der Geschichte ihnen vorgesieckter, Ziele- Wenige Worte nur, um diese Behauptung durchzuführen. Rur während des Wittel» alterö theilen die Juden beider Länder daS Schicksal der Verfolgung und der Ausweisung. Seit der ersten Revolu, tion aber ließ solches in England der freiere Geist der Der» faffnng nicht mehr zu, und Eromwetl schon ward auf die Juden zu ihren Gunsten aufmerksam. In Deutschland blieb Mord und Brand noch ihr Theil biL zum Anfänge dieser Jahrhunderts; aber ist daS von Staatswegen nicht mehr der Fall, so hat doch in neuester Zeit leider das Hexp-Hepp dort die Runde gemacht, ja sogar zu militärischem Einschreiten Veranlassung geben. Begann man ja in einer freien Stadt eine neuere Epoche damit, die Juden auden Kaffeehäuser« zu werfen! Wucher und Trödelhandel waren die einzigen Erwerbzweige der meisten deutschen Juden zu einer Zeit, wo ihrer Glaubensbrüder reichbeladeue Handelsschiffe den Ocean durchschnitten. So mußte der deutsche Jude sich in sein Kam» merchen zurückziehen; da» Forschen im Buche seines Glaubenwar der einzige Trost für ferne Leiden. Und diese Forschung sie war sein Glück in späterer Zeit; sie war der Grund sei« ner wissentschaftlichen Ausbildung, der Reform des Gottesdienstes. Glorreiches hat er auf diesem Felde nicht für sich allein und für seinen Geist geschaffen, nein, er hat dadurch auch die Feuerprobe ferner moralischen Tüchtigkeit dem Staat abgelegr. Daher kam es und kommt es noch, daß die Gegner der Emancixatr'.'n in Deutschland (wonach in England kein Mensch gefragt hat, weil alles dies außerhalb der Re, glerungssphäre liegt) durch jüdische Schulen und jüdischen geregelten EultuS zur Nachgiebigkeit bewogen werden abgesehen davon, daß die meisten Staaten diese Erfordernisse als conditio sine qua non JUV Emanc»PLti0N, auch Nur ZU dem geringsten Fortschritte zu derselben verlangen. Der deutsche Jude mußte daher diese Ausbildung über Alles setzen, unwohl ihm, daß er es konnte. Wohl ihm, daß die Reform im Gottesdienste sein Losungswort geworden, die dem Engländer dagegen nicht nur als Nothdurft nicht erscheint, sondern vielleicht, falls sie nicht in größter Ruhe und ohne gefährliche Spaltungen zu erregen, wie dieß lerder heutzu. tage dort der Fall, vor sich gehet, schädlich werden kann. Denn dieser Zwist würde dem brittischen Juden das ange» deutete, höher noch all die Reform stehende Ziel entrütkeu.