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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-02-20 · Heft 8 (20.2.1842) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 8 (20.2.1842)
Date
1842-02-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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30 aTfo die gesetzgebende, wie die vollziehende Gewalt im Staate, da beide das für Recht hinstellen, für Wahrheit erklären, was an sich nach ihrer Ueberzcugung nicht so ist, vom Vorwurfe der Heuchelei frei zu sprechend Noch nicht genug! Ist nicht auch der Arzt ein Heuchler, da er gar oft dem Kranken seinen Zustand besser schildert, als er in seinem Innern glaubt? Sind cs nicht die Eltern, da sie durch Unwahrheit, z. B durch Mahrchen, Fabeln u. dergl. ihren Kindern gute Lehren cinzupragen suchen? Sind cs nicht die Lehrer der Jugend, da sie in gleicher pädagogischer Absicht, bei ihrem Unterrichre, namentlich dem religiösen, oft einen Standpunkt einnehmen, den sie selbst nicht für wahr halten; ja wäre nicht fast jeder civilisirte Mensch ein Heuchler, da er in seinem Benehmen gegen den Nächsten öfters .die Wahrheit verletzt, indem er die böse Meinung, die er in seinem Innern von ihm hat. äußerlich nicht zu erkennen giebt, vielmehr des Friedens halber, dieselbe verhehlt, unterdrückt? — Man sieht also, daß wenn man die Heuchelei als eine Verletzung der Wahrheit im obigen Sinne auffaßt, Niemand frei davon ist, und doch hält man einen solchen Vorwurf von vielen Seiten gegen die aufgeklärten Rabbinen (sowie bei den Christen gegen die rationellen Geistlichen) fest. Gleichwohl ist nicht zu verkennen, daß dieses Urtheil auf die jedem Menschen inwohnende Achtung vor der Wahrheit beruht, die man da am meisten verletzt glaubt, wo sie es am wenigsten sein sollte, auf dem Gebiete religiöser Wirksamkeit; es muß demnach hier ein falscher Begriff von der Wahrheit selbst und ihrer Mittheilung nach außen zu Grunde liegen, was sich auch aus folgender Berrachtung ergeben wird. Wenn die Philosophen sagten: Wahrheit ist die Uebereinstimmung des Gedankens mit dem Gedachten, der Vorstellung mit dem Objecte, so dachten sie hierbei nur an die Uebereinstimmung, wie sie für uns erkennbar, uns Menschen erreichbar ist; sonst muß nicht nur auf dem Gebiete der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auch auf dem der geistigen Erkenntniß die Vorstellung von ihrem Objecte, die Erscheinung von dem Dinge an sich getrennt werden. Ob nämlich der sinnliche Gegenstand, den wir uns so und so vorstellen, auch wirklich so beschaffen sei, wie unsere Vorstellung ihn gibt, wissen wir nicht, da wir nicht das Ding selbst, sondern nur den Eindruck, den es auf unsere Sinne macht, das Bild, welches diese unserem Geiste davon liefern, in uns aufnehmen. Sehen wir ja z. B. mit bewaffnetem Auge die Dinge in einer ganz anderen Gestalt, sieht der Kurzsichtige die Gegenstände öfters gar nicht, oder undeutlicher, als sie dem scharfen Auge sich darstellen, und müssen wir also auch annehmen, daß Wesen von anderen Sinneswerkzeugen die sinnliche Welt auch ganz anders erscheine, als uns. Eine gleiche Bewandtniß hat es mit unserem geistigen Auge, mit der Welt, die sich unserem Inneren erschließt! Es ist das wahr, gut und schön, was mit den Gesetzen des Erkennens, Wvllens und Empfindens, die in uns liegen, übereinstimmt, ob es aber an sich so sek, wissen wir nicht; vielmehr müssen wir annehmen, daß Wesen mit anderen Kräften und Gesetzen begabt, auch die Welt des Geistes sich anders offenbaren werde, als uns. Demnach gibt es eine objective Wahrheit im strengsten Sinne nicht, sondern jede Wahrheit ist nur eine menschlich-subjecti-ve, d. h. sie wird vom Menschen, vermöge seiner Natur als solche erkannt und vorgestellt. Hieraus folgt, daß das, was über den Kreis unseres Erkenntnißvermögens hinaus liegt, sei cs nun ein materielles, wie z. B. ein Gegenstand, der zu weit entkernt vom Auge ist, oder ein geistiges, z. B. die Natur und das Wesen Gottes, außer uns wohl Wahrheit und Existenz haben kann, für uns aber keine hat, d. h. für unsere Vorstellung nicht vorhanden ist. Diesem allgemein Unerkennbaren ist entgegengesetzt das partiell Unerkennbare, das sinnliche, oder geistige Object, welches dem und jenem Menschen wegen seiner schwachen Sinneswerkzeuge, oder geringen geistigen Kraft nicht erreichbar ist. Es kann aber auch ein Gegenstand für sich vorgestcllt werden, aber er wird nicht vorgcstellt nach seinem Grunde, nach seinem Zusammenhänge mit etwas Allgemeinerem und Höherem, er wird nicht erkannt; dann hat eine solche Vorstellung für den, welchem ich sie mittheile, doch keine Wahrheit, denn sie ist ja für ihn kein Gegenstand gründlicher Erkenntniß. Dieses ist meistens der Fall, wenn das Mitgetheilte sich nicht in Verbindung mit dem ganzen Jdeenkreise des betreffenden Subjectcs bringen kann, wo es dann in der Regel auch von nachtheiliger, moralischer Wirkung begleitet ist, z. B. wenn ich Jemandem, dessen ganze Sittlichkeit auf positivem Glauben beruhet, ohne weiteres auf das Unhaltbare einer kirchlichen Vorschrift aufmerksam machen wollte; es wird mir gelingen, ihn davon zu überzeugen, aber diese Ueberzcugung wird nicht in dem rechten Verbältniß zu seiner übrigen Vorstellungsweise stehen, es wird sein positiver Glaube überhaupt erschüttert werden, und mit dieser einzelnen gleichgültigen Vorschrift wird er auch das verhöhnen, was von wahrhaft-religiöser Bedeutung ist. Dieses führt uns zu noch einer Bestimmung. Jede Erkenntniß, jede Wahrheit, ist nämlich nur für den Menschen da, sie soll den Menschen als solchen weiter bringen, soll heilsam für ihn sein, soll ihn sittlich Heden und veredlen; eine Wahrheit, die ihm also nicht frommte, wäre auch für ihn keine, keine im menschlichen Sinne. Unterscheiden wir demnach, um das Vorhergehende zusammenzufassen, folgendermaßen: es gibt eine objective und eine subjective Wahrheit, eine subjective im allgemeinen menschlichen und im partiellen menschlichen Sinne. Die letztere ferner in absoluter Bedeutung (wo nach Zusammenhang und Grund erkannt wird) und im relativen (wo dieses nicht der Fall ist); und endlich ist die Wahrheit eine leere, schädliche tobte, blos theoretische und formelle, oder eine inhaltige, lebendige, heilsame, practische und reelle; nnr die letztere, die wahrhaft-humane, darf dem Menschen

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