Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1842)
- Date
- 1842-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit neunzehnten Jahrhunderts. Ein Wochenblatt für die Kenntniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von Ifr. M. Heß, Greßh?r;ogl. W-imarschcn Land-Ravbinen zu StaSt Lenzsscld, bei ^is-ual-. 8. Sonntag, -en TV. Februar I84T Uff. Jahrgang. Motto: Entschieden, freu'nnig, muthroll und wahr. Sind -ie neuen Rlibbinen Heuchler? Diele Frage kört man von vielen unserer Glaubensbrüder, namentlich in Beziehung auf die rationellgesinnten Rabbinen bejahen, und wir brauchen nicht erst auszuführen, wie nichts mehr geeignet ist, die Stellung der heutigen Volkslehrer herabzusetzen und das Vertrauen, von welchem ihre Wirksamkeit in so hohem Grade abhängt, zu schwächen, alsjener Vorwurf, wenn er gegründet wäre. Es ist daher an der Zeit, denselben einmal naher in's Auge zu faßen, und dazu mögen die nachfolgenden Bemerkungen dienen. „Die neuen Rabbinen sind Heuchler, sagt man, denn sie lehren und handeln anders, als es mit ihrer Ueberzeugung, mit dem von ihnen als wahr Erkannten übereinstimmt; sie unterziehen sich der Entscheidung ritueller Fragen (ttftNfc'), die ihnen größtentheils minutiös und albern erscheinen, und erklären den Gläubigen das für unerlaubt, was sie ganz unbedenklich finden, ja im Stillen vielleicht selbst übertreten; sie greifen in ihren Vorträgen, wie es doch ihrer Ueberzeugung gemäß wäre, das kleinliche thalmud-rabbinische Ceremonialgesetz nicht direct an, sondern sprechen höchstens nur von dem höheren Werthe des Sittlichen und der Nothwendigkeit, das erstere aus religiös-sittlichen Motiven zu üben; ja sie stellen durch die Weise, wie sie in ihren Predigten sich auf den Lhalmud berufen, und Citate aus demselben anführen, denselben neben die heiligen Bücher der Schrift, was gewiß nicht ihre Ueberzeugung ist; und endlich führen sie selbst, nicht minder gegen ihre Ueberzeugung, ein streng rituelles Leben." Der Vorwurf der Heuchelei bei den Rabbinen gründet sich also darauf, daß sie ihre eigne höhere Ueberzeugung zuweilen in ihrem amtlichen Unterrichte, in ihren amtlichen Functionen und in ihrem persönlichen Leben verleugnen. Thun das aber auch nicht Arwere? Man denke zuvörderst an die rationellen christlichen Geistlichen, fie< sind ganz in demselben Falle. Obgleich die Dogmen ihrer Kirche (z. B. das der Dreieinigkeit) in ihrem Innern verwerfend, fühlen sie sich doch verpflichtet, dieselben in ihren Functionen, z. B. bei Austheilung des Abendmahls, anzuerkennen; setzen sie in ihren Vorträgen die (von ihnen bestrittene) Wahrheit mancher biblischen Erzählungen (als die Auferstehung, die Wunder Jesu u. a.) voraus, und vermeiden auch in ihrem eignen Leben, z. B. bei Empfang des Abendmahls, bei Ableistung eines Eides, eine Verletzung des von ihnen nicht anerkannten kirchlichen Dogma. Also wären auch die rationellen christlichen Theologen Heuchler! Doch weiter! Man beurtheile nach jenem Grunde den weltlichen Beamten, den gesetzgebenden sowohl, wie den, welcher mit der Vollziehung der Gesetze beauftragt ist. Handeln beide immer nach ihrer Ansicht, nach ihrer Ueberzeugung von dem was an sich recht ist, was eine philosophische, absolute Begründung hat? Nehmen Sie nicht dabei Rücksicht auf die herrschenden Ansichten im Volke, auf seine Sitten, auf seine Gewohnheiten, auf die Stufe i seiner geistigen und seiner sittlichen Bildung? Wäre