Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1842)
- Date
- 1842-01-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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6 sittung schon ihren Einfluß geäußert, und manche gottesdienstlichen Formen nicht Mehr erbaulich gefunden hatte, die von der Zeitbildung noch gar nicht berührten Rabbinen dieses gar nicht empfanden, und darum auch das Bedürfniß veredelter Formen nicht einsehen konnten. Interessant und höchst erfreulich ist cs daher zu sehen, wie sich dieses seit dem dreiundzwanzigjährigen Bestehen des Hamburger Tempels geändert hat. Zuvörderst sind die alten Rabbinen selbst zu einem freieren Bewußtsein gekommen, und wahrend sie in dem Dibreh Habrith den Grundsatz...feststellten, daß auch nicht die geringste Abweichung von der bisherigen Betweise gestattet sei, sehen wir selbst in den noch von ihnen geleiteten Gemeinden neue iLynagogcnordnungen entstehen, bemerken wir, daß der von ihnen damals so streng verpönte Choralgesang der Männer und Frauen selbst von ihren gläubigsten Jüngern (wie z. B. dem Rabbinen Romann in Cassel) zugelassen wird, sehen wir sie selbst Handlungen verrichten, welche die Verfasser des Dibreh Habrith als die sträflichste Neuerung verschrieen hatten. *) So hat das Urtheil des starren, schüchternen Rabbinismus gegen den Hamburger Tempel sich selbst dcsavouirt, sich, bewältigt von der mächtiger gewordenen Stimme der Zeit, in ein freieres und milderes umgewandelt. — Daß die wiyenschaftlich gebildeten Rabbinen der Gegenwart mit wenigen Ausnahmen den im Hamburger Tempel cinzesührten Gottesdienst gutheißcn, ja ihn, wenn der Bildungsstand ihrer Gemeinden und die Grundsätze der Staatsgewalt es ihnen gestatteten, im Wesentlichen überall einführen werden, wird Niemand bezweifeln, der die erleuchteten Gesinnungen der jetzigen Volkslehrer, wie sie sich in ihren Wortragen und literarischen Arbeiten aussprechen, kennen gelernt hat. Aber auch der Geist der Gemeinden ist seither (und wohl nicht w.nig durch den stillen Einfluß, welchen der Hamburger und der aus ihm hervorgegangene Gottesdienst im Leipziger Tempel ausübten) ein anderer geworden; mehrere Reformen sind einzeln in Hunderten von Gemeinden nachgeahmt worden, und was damals nur von einigen großen Städten ausging, ist jetzt das Gemeingut von vielen großen und kleinen. So ist denn dem von jenen 40 so stark angegriffenen Institute die erhebende Genugtuung geworden, daß jene selbst, oder doch die, welche auf gleichem Standpunkte stehen, sich ihm genährt, daß die Rabbinen der Neuzeit ihm huldigen, und daß die israelitischen Gemeinden in und außer Deutschland (wie kürzlich die in London) dem von ihm gegebenen Beispiele in immer größerer Anzahl folgen. Bei diesem Verhaltm'ß kann es nicht genug Verwunderung erregen, wie der Chacham Jsaac Bernays in Hamburg, nachdem der an Gelehrsamkeit, Einsicht und Urtheil gewiß nicht nachstehende Landrabbiner Dr. Holdheim in Schwerin ganz in der Kürze den Tempelcultus *1 Man denke nur au die Constrmationen, welche der strengorthodoxc alle Braunschweiger Rabbiner in der dortigen Synagoge hält. als nicht nur im Iudenthume, sondern auch in der Synagoge wurzelnd erklärt hat,*) es wagen konnte, ein Rüstzeug von 1819 wieder herbeizusuchen, und gegen die neue (durch Aufnahme mehrerer Ritualien dem strengorthodoxen Systeme sich noch mehr nährende) Auflage des Hamburger Gebetbuches ein Jnterdict des damaligen Leth-Din anzuwenden, welches die ganze urtheilsfäln q e rabbinische Welt nicht im Entferntesten mehr anerkennt, ia von dem, wie wir oben gezeigt, die Anhänger der engherzigsten rabbim'schcn Richtung selbst zurückgekommen sind. Sollte es wirklich Befangenheit sein, r>'e ein solches Auftreten veranlaßt? Unmöglich l Unmöglich kann Herr Bernays, der den naiv-gläubigen Standpuukt des Rabbinismus langst überschritten, ja in dem biblischen Orient einen ganz entgegengesetzten eingenommen, wirklich gemeint sein, wer aus jenem Gebetbuchs seine Andacht verrichte, habe seiner religiösen Pflicht nicht genügt. Derselbe weiß eben so gut wie wir alle, daß das fragliche Gebetbuch in dem 'tc: rr,N\r'?r Nir 1, rr*nr,! und vielen anderen Gebeten die Hoffnung auf r'nn und ausgesprochen; daß das, was es von dem gewöhnlichen Ritual abgeschafft, (wie z. B. die rr^r.) früher gar nicht üblich war, daß die weggelassenen Gebete ursprünglich nur zur Privatandacht bestimmt waren, und daß die Abweichungen und Weglassungen in nn rcna , riiH , heit, pcn und cmbcxen ganz mit dem Inhalte der älteren Sidur's übereinstimmen, wie dieses ja längst von den ftommstcn Kritikern nachgewiesen ist.**) Ader auch angenommen, Pernays wisse dieses alles nicht, so wäre noch immer nicht abzusehen, was ihn zu dem neuen Jnterdr'cte veranlaßte, da ja das neu aufgelegte Gebetbuch jedem vor Augen ist, und jeder in der Hamburger Gemeinde, der noch einen Glauben an den Ausspruch der Dajanim von 1819 bewahrt hat, (obgleich die Herren, wenn sie noch lebten, selbst nicht mehr daran glauben würden) sich auf die leichteste und anschaulichste Weise überzeugen könnte, daß das Gebetbuch im 3Qefentli<fyen bem Character des früheren treu geblieben! Was ist und kann also nur das wahre Motiv des Bernaysifchen Verketzerungs- Versuches siin? Ich will es Dir sagen, lieber Leser! Der Herr in Hamburg hat gesehen, wie in letzter Zeit die Theilnahme an dem Tempel sich so gewaltig vermehrt hat, er hat gesehen, daß ein neuer, noch umfangreicher und prachtvoller aufgebaut wird, und er es nicht hindern kann; er hat gesehen oder gehört, mit welchem Interesse man die Vorträge der Prediger anhört, und wie selbst Mitglieder der alten Synagoge zu diesem Zwecke sich denen des Tempels anschließen: das kocht, das wurmt in ihm, und darum ist ihm das neu aufgelegte Gebetbuch eine Veranlassung, eine sehr willkommene Veranlassung, gegen die Anstalt selbst loszuziehen, und *) Siehe 45 u. 46 der israelitischen Annalen. **) S. U. A. Roshha-ichanach fol. 32, Rasehi juBeraohoth 11, Rappoport *p^p S. 115, 117 U. 119, Mischnah Berachoth 2, 1. 1