Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1842)
- Date
- 1842-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 lichen und beschränkten Wesens, kann ße sich me als ein solches abspicgcln. Nur der Wahn, nur die Stabilität, Hallen ihr System für abgeschlossen; das erleuchtete, das freie Bewußtsein ist von diesem Dünkel fern \ es erkennet wobt, daß mit dem immer größeren Forlschreiten der Menschheit auch ihre höchste Idee fortschreiten, daß mit dem sich immer nichr erweiternden Bewußtsein überhaupt auch das religiöse sich erweitern und vervollkommnen müße. Darum ist da, wo wahres Selbstbewußtsein herrscht, auch der Fortschritt, die immer höhere Entwickelung gegeben; darum sängt das eigentliche Leben in der Religion, darum fangt ihre Geschichte erst da an, wo sich ein wahres Selbstbewußtsein gebildet. Diesen Charaeter offenbart auch das Judenthum unserer Zeit; nachdem es mehr oder weniger zum Bewußtsein, zum Verständniß seiner selbst gelangt ist, gibt es für dasselbe keinen Stillstand mehr, strebt es immer fort und immer rüstiger, nicht nur die Idee der israelitischen Religion in immer größerer Reinheit aufzufassen, sondern auch damit ihren übrigen Inhalt, als die aus der Vergangenheit uns überkommenen Vorschriften und Gebrauche in Einklang zu bringen. Dabei verfährt es natürlich auf doppelte Weise, positiv, indem es Alles, was aus der reinen Idee des Mosaismus stießt, in sich aufnimmt, als nothwendige Bestandtheile seiner Lehre, seines Cultus und seines rituellen Lebens anerkennt, und negativ, indem cs alles was dieser Idee widerspricht, was sic verkümmert oder verunstaltet, verneint, verwirft. Aber wie das Selbstbewußtsein nur dann erst ein vollkommenes ist, wenn es nach außen wirkt, wenn es Leben wird und That, so ist dieses auch mit dem Selbstbcwußtsein des Judenthums der Fall. Nachdem die Gegenwart hierzu gelangt, drangt und ruft sie auch zur That, will sie das, was sie in der Idee angeschauk, auch im Leben aussührcn, zur sichtbaren Wirklichkeit gestalten. Daher ist auch das sebstbewußte Judenthum unserer Zeit nicht nur ein geistig fortschreitendes, ein geschichtliches im idealen Sinne, sondern auch, und zwar ganz vorzüglich, ein solches im realen; es hat seit der Verkündigung der mosaischen Lehre noch nie eine Zeit ein so bewegtes Leben gehabt, als die unsere, noch nie war die Geschichte so voll und so drängend als jetzt. Die Aufgabe der Zeitschriften ist nun das Selbstbewußtem der Zeit darzustellen, ein klares und ftbendi'vks Bild davon zu geben. Was sonst nicht möglich wäre, daß jeder Genosse der Zeit eine Kenntniß von dem erhalte, was die übrigen denken und wirken, das wird durch die Zeitschriften bewirkt. In ihnen versammeln sich alle Stimmen der Zeit, sie sind der Mittelpunkt, das Organ, das eigentliche Sprachrohr der Zeit. In dieser Beziehung wirken sie noch mehr als streng wissenschaftliche Werke'; denn während jene sich erst an das Bewußtsein der Gelehrten wenden, um spater durch sie auch das des Volkes zu heben, richten sich die Zeitschriften an die Gesammtheit selbst, tragen sie ihr auf die schnellste und unmittelbarste Weift das zu, was die Besten in ihr ersonnen und erstrebt haben. Unsere Zeitschrift dürste aber schon dadurch eine unentbehrliche Stelle neben ihren Schwestern einnehmen, daß sie sich ganz dem Bewußtsein der Gesammtheit geweiht, sich mit dieser in die unmittelbarste und innigste Verbindung gebracht hat. Daher wird auch ferner daS von ihr ausgeschlossen bleiben, was über dem Bewußtsein der Gesammtheit liegt, was nur den eigentlichen Theologen intercssirt, wie z. B. subtile exegetiftbe und kritische Forschungen, oder was unter jenem Bewußtst n steht, wie z. B. Erscheinungen, die kein höheres, allgemeines Interesse haben, oder was in den CorreSpondenzen über wirklich wichtige Ereignisse gesagt wird, aber nicht zur näheren Beleuchtung derselben dient, sondern nur eine subjective und locale Bedeutung ansprichk. Aber wir wollen auch dem Bewußtsein der Gesammthcit zur Hülfe kommen, wir wollen darnach streben, daß es nicht irre geleitet, oder im VcrwärtSschreitcn gehemmt werde; daher werden wir ferner keiner Ansicht und keiner geschichtlichen Erscheinung den Zutritt in unser Blatt gestatten, ohne sie zugleich zu prüfen, ohne zugleich zu zeigen, in welchem Verhältnisse sie zu der Idee des Judenthums, zu dem höheren Bewußtsein der Zeit stehe. Die innere Oeconomie unserer Zeitschrift wird auch die frühere bleiben, da wir sie für die Tendenz derselben am angemessensten halten. Es werden demnach die ersten Spalten stets ausführlichen Betrachtungen über Gegenstände des israelitischen Glaubens und Lebens gewidmet fein, die anderen unter der Rubrik „Geschichte des Tages" werden die Erscheinungen dieser Geschichte in ein klares, leicht überschaubares Bild zusammenfassen, und endlich die letzten Spaltest dazu dienen, das, was in unterhaltender und anziehender Weise die Ideen und Zwecke des Jsraelitenthums bespricht, unseren Lesern vorzuführen. Auch dem äußeren Schicksale unserer Glaubensbrüder, ihrer Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, werden wir ferner unsere Aufmerksamkeit schenken; obgleich wir wobl wissen, daß dieses Element an sich eigentlich nicht in ein religiöses Blatt gehört. Denn was hat der Staat als solcher mit dem Glauben zu schaffen; was hat er bei Ertbeilung von Rechten, die dem Menschen als Menschen, als Mit-' glied eines staatlichen Vereins zukommen, nach der Religion, nach dem Bekenntniß zu fragen? Aber so lange diese Wahrheit bei den sonst so hochgebildeten Völker» der alten Welt (in der neuen ist sie langst zur glorreichsten Verwirklichung gekommen) keine volle Anerkennung findet, so lange man im Israeliten noch immer den Menschen nicht anerkennt, müssen wir traurige Kenntniß von dem äußeren Zustande unserer Glcmbensbrüdcr nehmen, dürfen wir nicht aufhören, vom Standpunkte wahrhafter Religiösität, die den vollen Gebrauch all' der Kräfte, die der Schöpfer uns wie jedem anderen gegeben, und einen diesen Kräften angemessenen Wirkungskreis fordert, für das vyrenthalttne Recht in bescheiden«