Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 47 (12.9.1841)
- Date
- 1841-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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186 tragene sinnliche Leben sich durch sich selbst aufgelöst und seinen Untergang bereitet hatte. Demnach mußte der Rabbinismus in zwei Theilc zerfallen, in die denkende Seite des Geistes, in die Erforschung des Ritualgesetzes und die Mittel, seine Beobachtung durch Erweiterung und Ausdehnung zu sichern, (Halachah) und in die beschauliche Seite, in Betrachtungen über Welt, Leben, über die Geschichte und Hoffnungen des israelitischen Volkes und über den unendlichen Werth des göttlichen Wortes (Hagadah). So ist es dann erklärlich, daß der Rabbinismus schon da begann, als Israel noch einer schwachen politischen Selbstständigkeit sich erfreuete, sowie auch daß er sich erweiterte, eine immer schroffere Gestalt annehmcn mußte, als auch jener Schimmer von äußerer Herrlichkeit erlosch, als das unter alle Völker zerstreute Israel, von jeder äußeren Lebensthätigkeit abgeschlossen, gcnöthigt ward, sich aus seine innere Welt zu werfen und in die Erforschung des göttlichen Wortes Nahrung und Leben zu suchen. Diesen Character trugen alle jüdischen Sekten, die Karaiten, ob sie gleich die thalmudische Tradition leugneten, wendeten sich doch auch der Innerlichkeit des Geistes zu; die Cabbalisten thaten das in noch höherem Grade, indem sie nicht nur die tiefsten Fragen des menschlichen Geistes, die Eigenschaften Gottes nnd die Entstehung der Welt (mwro ntryD , mno iwyti) zum Gegenstände ihrer Forschungen machten, sondern auch der Beobachtung jedes einzelnen Zeremonialgesetzcs, ja selbst dem Aussprechen der heiligen Wörter der Schrift eine Einwirkung auf die höheren Weltkräfte (nniiz-nn 0*W7jn) zuschrieben. Nur eine Parthei im Iudenthum, die dem äußeren Lebensgenüsse mehr zugcthan, schien jene strenge Innerlichkeit des Geistes bekämpfen zu wollen, es waren dieses die O'prßi, oder Sadueäer; aber eben deßhalb konnten sie auch für die Dauer sich nicht erhalten, denn sie kämpften gegen eine innerlich-nothwendige Richtung der Zeit, gegen ein Streben des Geistes, das in ihm selbst, in dem vorausgegangenen Charakter der Zeit, wie in der Beschaffenheit der Gegenwart, seinen Grund hatte. Auch hatte die rabbinische Richtung, so einseitig sie war, doch unendlich zur Förderung der göttlichen Welterziehung, zur Wetterführung der heiligen Geschichte der Menschheit beigctragcn. Nicht nur, daß sie an sich selbst schon ein großer Fortschritt war, daß sie, weil mit Bewußtsein, wenn auch mit mangelhaften und einseitigen, nach dem Göttlichen strebend, viel höher stand, als die ihr vorausgegangene Aeußerlichkeit, sondern gerade diese einseittge, aber darum auch tiefere und innigere Innerlichkeit war der Grund, daß sich der Glaube Israels, trotz der Stürme von außen, erhalten, daß er die Kraft besaß, den Gegensatz, in welchen das so hart verfolgte äußere Leben zu ihm trat, zu überwinden, ja in unzähligen Fällen dieses Leben selbst ihm zu opfern, und dadurch der Menschheit chren religiösen Fond, die heilige Idee, von welcher später ihre wahrhafte Einheit ausgehen sollte, zu bewahren. Diese glückliche Zeit erschien, als jener bescheidene Weise aus Dessau auftrat, als er dem Iudenthum mit feinem Lichte zu leuchten begann. Eshatte nämlich die Philosophie Mendelssohn einen tieferen Blick in die Natur und in die Werkstätte des menschlichen Geistes verschafft; sie hatte ihn überzeugt, daß die einseitige Innerlichkeit des Rabbinismus nicht das wahre Leben Des Geistes sei, nicht sein ganzes Wesen erschöpfe; daß dieses vielmehr auch nach außen hinstrcbe, auf die Vermittelung des Sichtbaren undUnsichtbaren, auf die Vereinigung und Durchdringung beider durch die Idee des einigen göttlichen Seins, dringe. Und so wirkte Mendelssohn nicht nur durch seinen Commentar über mehrere Bücher des Pentateuchs und anderer biblischer Schriften für eine geistesfret'e Auslegung des göttlichen Wortes, im Gegensatz zu der engherzigen und minituösen, die die starre Innerlichkeit des Rabbinismus erzeugt hatte, sondern er bekämpfte diese auch dadurch, und legte somit den Grund zu einem freien und bewegungsvollen Iudenthum, indem er das von der rabbinische« Richtung verkannte äußere Element wieder aufnahm nnd in seinem „Jerusalem" die Ansicht entwickelte, daß das Iudenthum nicht nur aus Religionslehren und Geschichtswahrheiten, sondern auch aus Gesetzen und Vorschriften bestehe, die der ehemaligen israelitischen Nation eigen waren und durch deren Befolgung sie sowohl zur Nationalglückseligkeit, als jedes Glied derselben zur persönlichen Glückseligkeit gelangen sollte. — So war beim die rechte Vermittelungsidee gegeben, so war das Aeußere ebenfalls als Bestandtheil des göttlichen Gesetzes ausgenommen, und dadurch nicht nur verklärt und in heilige Beziehung zu dem einigen Göttlichen gebracht, sondern auch, indem es durch Gründe der Zeit hervorgerufen betrachtet ward, seine Wandelbarkeit und Modisication nach dem jedesmaligen Zustande der Zeit erwiesen. So war mit einem Worte die Ewigkeit des Iudenthnms hinsichtlich seines inneren geistigen Gehaltes, sowie seine Vergänglichkeit hinsichtlich seiner äußeren sinnlichen Gestalt dargethan. Und was Mendelssohn begründete, das konnte natürlich nicht wieder verloren gehen, das mußte die spätere Zeit noch inniger fcsthalten, da sie nicht nur ebenfalls aus der frischen reinen Quelle der Wissenschaft schöpfte, sondern auch die freiere äußere Stellung, welche jetzt die Staaten theilweise den Israeliten einräumten, diese von der einseitigen Innerlichkeit abführte und der allseitigen und einheitlichen Richtung zuwendete. Und so ist denn die heilige Einheit zwischen dem äußeren und inneren Sein in neuerer Zeit auf zwiefache Weise dargethan worden, einerseits durch Riesser, welcher die rechtlichen Ansprüche der Israeliten vom Standpunkte der tiefsten Innerlichkeit, der Religion die den freien Gebrauch aller Kräfte fordert.