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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-08-29 · Heft 45 (29.8.1841) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 45 (29.8.1841)
Date
1841-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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179 Juden. Ich fürchte nicht, daß die Zulassung achtbarer und angesehener Juden zu bürglichen Aemtern dem Staat wirkliche Gefahr bringen könnte, selbst wenn sie es darauf anlegen sollten; aber die Gefahr, die ich besorge, ist, daß England als christlicher Staat in der öffentlichen Achtung 'finken und daß religiöser Jndifferentismus im englischen Volk um fich greifen konnte. (Hört!) Ich trage darauf an, daß die Bill heute nach drei Monaten zum drittenmal gelesen (d. h. verworfen) werde." Lord Lyttleton äußert, er würde die Bill unterstützen, wenn er gewiß wäre, daß man dann keine weitern Concesfionen verlangen wollte. Graf v. Winchelsea sieht in der Bill die größte Gefahr für die religiösen Interessen des Landes. Wenn einmal die Juden Gemeindeämter bekleideten, könnte man ihnen auch den Eintritt ins Parlament nicht mehr vorenthaltcn; Juden im brittischen Reichsparlament aber würden ein Gräuel und ein Scheue! vor der Christenheit fepn, den reinsten Edelstein im brittischen Nationalcharakter vernichten, Englands Würde als eines christgläubigen Landes besudeln. Ein flacher Jndifferentismus behaupte, die Religion sep bloß eine Angelegenheit zwischen dem Geschöpf und seinem Schöpfer; dieser Satz sep aber ganz unhaltbar und im Widerspruch mit der Schrift, welche ausdrücklich die nähere Gemeinschaft mit dem Menschen verbiete, der nicht an den Erlöser glaubt. Graf v. Wicklow (ebenfalls Tory) unterstützte die Bill, jedoch mit Verwahrung gegen weitere Zugeständnisse. Er argumentirte, die vorliegende Maßregel wolle nur eine Anomalie beseitigen, da mehrere städtische Korporationen in England bereits das Recht hätten Juden zu wählen, und in dreien wirklich Juden gewählt seien, und da sie überall zu Sheriffs gewählt werden dürften, was selbst in Middleser (der Grafschaft, in welcher London liegt) vorgekommen. Gefahr für das Christenthum sehe er hier nirgend. "Zudem, schloß er, haben 38 von den größten Städten des Landes für die Bill petitionirt, keine gegen dieselbe. (Ein Pair ruft: "O ja!") Ich wenigstens habe von keiner Petition dagegen gehört." Bischof von St. David's (v>. I. B. Jenkinson): "Ich erachte es für politisch klug, in so weit es möglich, eine reiche und durch Reichthum mächtige Menschenklasse mit Liebe an ihr Geburtsland zu fesseln, welchem die Juden ergeben sein können, wenn sie auch bis zu einem gewissen Grad immer Fremdlinge bleiben müssen. Zu einem Gemeindebeamten ist, meines Erachtens, nichts weiter erforderlich als Redlichkeit und Treue — Eigenschaften, die der Israelit so gut wie der Christ besitzen kann. Man vergesse nicht, daß die Juden, wenn nicht an das neue, doch an das alte Testament glauben. Nach meiner Ansicht ist von ihrer Belassung zu Gemeindeämtern durchaus keine Gefahr für unsere Religion zu befürchten." Bischof von London (der gelehrte Dr. Chas. Jas. Blomfield, Herausgeber vieler theologischen Schriften, aber auch des heidnischen Aeschylus und Äallimachus): "Ich höre mit tiefstem Bedauern, daß mein sehr hochw. Freund mit seinem Talent und seiner Gelehrsamkeit für die Sache des Jrrthums in die Schranken tritt. Mein sehr hochw. Freund hat gesagt, wenn die Juden nicht an das neue Testament glauben, so glaubten sie mindestens an das alte; er gab dabei zu verstehen, es säßen in den Gemeinderäthen der englischen Städte vielleicht einzelne Leute, die weher an das alte noch an das neue glauben. Gott verhüte, daß dem also sei! Indessen es ist möglich, daß unter dem Namen eines Christen' ein und der andere Munieipalbeamte einen Ungläubigen, einen Atheisten verbirgt; Gott allein schaut in die Herzen. Davon fragt es sich aber hier nicht. Die brittische Verfassung schreibt vor, daß die Beamten die Gesetzgeber des Landes Bekenner des Christenthums scyen; in Folge der Annahme dieser Bill bekämen wir aber ins Parlament nicht bloß Laue und Indifferente im Christenthum, sondern offene Gegner und Verächter unseres Glaubens. (?) Von diesem einen Gesichtspunkt aus stimm' ich gegen die Motion. Was die Juden selbst betrifft, so fühle ich für viele ihrer Stamm- und Glaubensgenossen aufrichtige Hochachtung. Ich kenne viele von ihnen als Männer vom edelsten Wohlthätigkeiissinn, der zwischen Jud und Christ keinen Unterschied macht, und ich stehe nicht an zu sagen, daß mancher Jude für manchen Christen ein Muster seyn könnte. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß die Tonangebenden (?) unter den europäischen Juden nicht sowohl der Lehre Mosi's als den visionären Lehrsätzen des Talmud folgen, durch welche der große Haufe im Dunkel der Unwissenheit erhalten wird. Juden: glaub' ich, daß nur sehr wenige Juden in England bei der vorliegenden Maaßregel intcressirt sind; die geringeren Classen kümmern sich nicht darum. Ja, ich zweifle, ob wahrhaft gläubige und gewissenhafte Juden sich berechtigt halten würden, Aemter unter dieser Bill anzunehmen. (!) Die Frage ist in kurzen Worten: sind Ew. Lerdschaften geneigt das große Grundprincip unserer Verfassung aufzuhebcu und die Nationalhul igung zu beseitigen, die bisher der christlichen Religion in England erzeigt wurde?" Aus einer Schlußbemerkung des Marquis v. Dute scheint hervorzugehen, daß die Eidesformel (declaraiio»), welche jetzt die Juden von den Gemeindeämtern ausschließt, erst seit der Municipalreformacte besteht, daß es aber auch jetzt noch von der Mehrheit eines städtischen Raths abhängt, ob er riese Eidesformel fordern oder erlassen will, so caß demnach die Ausschließung eines Juden doch umgangen werden kann. Lord Bute meinte, eben weil er ein Christ sey, unterstütze er die Bill, denn das erste Gebot des Christenthums sey, nach der GotteSliebe— Menschenliebe, und kraft dieses Gebots gebührten auch allen Unterthanen Ihrer Maj. gleiche Rechte in England. Die Bill wurde, mit 98 gegen 61, also mit einem Mehr von 34 Stimmen, verworfen." _ Düster ist noch der italiensche Himmel. Im Piemontesischcn erlaubt man nicht einmal den israclilischen Kindern an den christlichen Schulanstalten Th eil zu nehmen, und da der israelitische Jugendunterricht selbst noch in einem traurigen Zustande sich befindet, so sind die Eltern, welche ihren Kindern eine bessere Bildung geben wollen, genöthigt, dieselben auswärts unterrichten zu lassen. Dagegen leistet die humane östreichische Regierung dem jüdischen Erziehungswesen in Mailand allen möglichen Vorschub, und die Israeliten sind auch bestrebt, sich dieser Fürsorge auf alle Weise würdig zu zeigen. In Verona haben sie einen geschmackvollen Tempel und einen Chor von 30 Personen. Gesangstücke und Bortrag sind vortrefflich und sollen fast den Wiener gleichkommen; damit soll aber noch das Vorbeteu des Chasan unangenehm contrastiren. Verbesserungen im Inneren des Gottesdienstes find sonst nicht eingeführt, und man vermißt sogar noch das belehrende Wort der Predigt.

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