Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 45 (29.8.1841)
- Date
- 1841-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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178 historisch ist. Diese Schule sichte nämlich ganz auf die Anschauung der christlichen Nationalisten des vorigen Jahrhunderts. Wie man nämlich da in den Evangelien den reinen Inhalt eines rationellen Christenthums sah, und das streng-katholische Mittelalter, als in Dialectik und Sophistik befangen und von herrschsüchtigen Priestern geleitet, betrachtete, so führte man auch hier die Erscheinung des Rabbinismus auf die Gcistes-Berschrobenheit, welche man seinen Lehrern zuschrieb, zurück, oder leitete sie gar aus einem hierarchischen Streben, dessen man auch die Lehrer der Synagoge bezüchtigte, ab. Hatte man aber schon dort nicht bedacht, daß es äußerst gewagt und unpsychologisch sei, eine ganze Periode in der Weltgeschichte, welche so eminente Geister erzeugte, und im Gebiete anderer Wissenschaften so viel Großes zu Tage förderte, ihrer geistigen Richtung nach für verschroben, für rasend zu erklären; hatte man übersehen, daß die Hierarchie, als eine geistige Macht ohne den Glauben an die göttliche Autorität der Kirche nicht möglich war, vielmehr dieser jener vorausging, also zu ihr in ursächlichem Verhältniß stand, aber nicht umgekehrt erst von ihr hervorgcrufcn wurde: so beging man in Beziehung auf die Rabbinen, von deren tiefen Geist so manche Aussprüche Zeugniß geben, denselben Fehler, so versündigte man sich an diesen noch mehr, indem man ihnen, die gar keine Ansprüche an das äußere Leben machten, die sich ganz von der Welt zurückzogen, um nur dem Studium des göttlichen Gesetzes zu leben, Streben nach äußerer Macht und Herrschaft zuschrieb. Auf diese Weise ward also für die Entwickelungsgeschichte des Judenthums gar nichts gewonnen; auf diese Weise trug jene Ansicht ganz den Fehler der stabilen; denn wie diese den Gang des Lebens verkennt, so vernichtet jene auch die Geschichte, indcrn sie zur Erklärung einer Erscheinung einen Zustand der Geister anninnnt, der einen psychologischen Widerspruch iuvolvirt, und darum noch ein größeres Näthsel wäre, als jene Erscheinung selbst, und wie jene, wir meinen die alleg orisch - stabile Richtung, einem Systeme Ideen unterlegt, die in Wahrheit nicht darin liegen, also Subjectives zu Objectivem machen will, so nimmt die Mendclssohn- Friedländische Schule ebenfalls keinen Anstand, Gedachtes zu Wirklichem zu verkehren, und den Rabbinen Bestrebungen untcrzulegen, an welche sie wahrlich auch nicht dachten. Die neuere Wissenschaft, die ihren unbefangeneren und allseitigerm Character insonders dadurch bekundet, daß sie, voll von der Idee des allwirkenden Weltengeistcs, die ganze Geschichte als eine heilige betrachtet, und darum nicht nur die Nothwendigkeit einer' jeden Zeitbildung, sondern auch das ihr inwohnende Element des Fortschrittes, der Weiterführung der Idee der Menschheit nachweist, hat indeß auch auf die Auffassung der Entwickelungsgeschichte des Judenthums ihren heilsamen Einfluß ausgeübt, und so hat bald die unhistorische Mendässohu - Friedländische Auffassung einer höheren Platz gemacht. Die eine ist die, welche namentlich Jost in seinem Geschichtswerke vertritt, sie läßt die unendliche Vervielfältigung des Ritualgesetzes, das pyramidenähnliche Gebäude des Rabbinismus, nicht durch die verkehrten Einfälle und aberwitzigen Ansichten seiner Lehrer, sondern durch den unmenschlichen Druck von außen entstehen, der, von jeder anderen Lebensbewegung abschließend, die ganze geistige Thätigkcit des Israeliten der einseitigen Forschung des Ritualgesetzes, seiner bis in's Kleinlichste gehenden Erörterung und Vervielfältigung zuwendete. Wir wollen diese Auffassung, da sie die eigenthümliche Richtung des Geistes durch ein äußeres Moment, durch den bürgerlichen Druck erklärt, die äußere nennen. Neben ihr, oder vielmehr über ihr steht die, welche Zunz in seinem bekannten Werke entwickelt, und welche wir die innere nennen wollen, da sie von der Betrachtung ausgeht, daß die Lehre und Pflege des göttlichen Wortes von jeher das characteristische Clement des israelitischen Volkes gewesen, daß hierauf, als auf das theuerste Nationalgut, von jeher der Fleiß seiner Gelehrten gerichtet war, und daß also hierin (und freilich auch in der den freien Aufschwung des Geistes hemmenden äußeren Stellung) der Grund für die Erscheinung des Rabbinismus gesucht werden müsse. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. In der Oberhaussitzung am 1t. Juni ward eine große Anzahl Bills von geringerem Interesse erledigt. „Hierauf beantragte der Marquis von Bute die dritte Lesung der Jews’ dedaration Inli, d. h. der Bill, welche die Zulassung der Juden zu Gemeindeämtern, besonders der Aldermanstelle (Grafschafts- Sheriffs können die Israeliten werden) bezweckt. Der Bischof von Llandaff (Dr. Coplcston, ein ausgezeichneter Zögling der Alm» inAlor Oxford) wldersctzte sich mit Nachdruck. „Mylords!" sprach er, „es ist ihre Pflicht durch Verwerfung dieser Maaßregel zu erklären, daß Ihnen die Religion nichts Gleichgültiges ist. Als die Testacte aufgehoben, als die römischen Katholiken emancipirt wurden, blieb doch ausdrücklich bestimmt, daß protestantische Dissenter und römische Katholiken, wenn sie Civilämtcr übernehmen, einen Amtscid bei ihrem Christusglaubcn abzulegen und zu geloben haben, daß sie ihre Autorität nicht zum Schaden der Staatskirche gebrauchen wollen. Hat man dicß für nöthig erachtet bei Christen anderer Confessionen, um wie viel vorsichtiger muß man seyn, solche Zugeständnisse, .wie die in dieser Bill enthaltenen, einer Menschenklasse einzuräumen, welche ihrem Glauben gemäß den Stifter unserer Religion für einen Lügner und Betrüger hält! (?) (Hört!) Soll für England der Grundsatz geltend gemacht werden, daß Niemand seiner religiösen Meinungen wegen von Civilämtern auszufchließen sei, dann bringe man eine allgemeine Maaßregel vor das Parlament, suche diesen Grundsatz aber nicht mit einzelnen Bills so zu sagen einzuschmuggeln. Ich spreche hier ohne irgend eine Animosität gegen die