Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 45 (29.8.1841)
- Date
- 1841-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit des nnmzchnlm Mrhundcrls. Ein Wochenblatt für die Kenntniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von Dr. M. Heß, Land-Rabbinen zu Stadtlengsfeld, im Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach. Nr. ÄS. Sonntag den 29. August 1841. II. Jahrgang. Motto: Entschieden, freisinnig, muthvoll und wahr. Eine neue Ansicht über die Cntwickelungsgeschichte des Iudenthums. Seitdem auch in Israel die Reformation des religiösen Bewußtseins begonnen, seitdem man auch hier die naiv-gläubige Anschauung verlassen und den Boden der wissenschaftlich-freien Forschung betreten hat, war auch ein Eingehen in die Entwickelungsgeschichte des Judenthums unvermeidlich. Man mußte denen, die uns die Vergangenheit verhielten, die sich darauf beriefen, daß ihre Ansicht die bestehende wäre, daß ihr die Lehrer des Judenthums schon seit Jahrhunderten gehuldigt, zeigen, daß dieselbe dennoch erst ein Produkt der späteren Zeit sei, daß sie in der mosaischen Lehre selbst nicht wurzele, von der Vorzeit nicht anerkannt werde. So hatte man denn den Weg der Geschichte betreten, hatte auch im Lehrbegriffe der Synagoge ein Veränderliches und Bewegliches, eine Abweichung von der ursprünglichen Lehre, oder eine Annäherung zu derselben, geltend gemacht. Damit war man natürlich in einen starken Gegensatz zu der hyper-orthodoren Parthei getreten. Diese, vermöge ihrer Anhänglichkeit an dem Bestehenden, vermöge ihrer blinden Verehrung des Gegebenen, mußte nämlich von vorn herein jede Entwickelung des Judenthums leugnen; fürste gab es kein Rückwärts- und Vorwärtsschreiten, keine Geschichte. Man kann die Anhänger dieser Stabilität in zwei Abtheilungen bringen, die kindlich-Gläubigen, und die Allegorisirenden; die kindlich-Gläubigen lassen stch auf eine Erforschung der Gründe der Religionsgesetze gar nicht ein; sie betrachten sie als aus dem göttlichen Willen geflossen und das Heil unserer Seele bezweckend, und das ist für sie genug, genug, um jeden gläubigen Israeliten zur treuen Beobachtung derselben zu bestimmen. Die Allegorisirenden, zu deren bedeutendsten Vertretern in neuester Zeit Hirsch gehört, gehen etwas weiter, indem sie die religiösen Gesetze nicht als absolut unerkennbar betrachten, sondern sittlich-religiöse Zwecke, als Förderung der Gerechtigkeit, der Liebe, der Herrschaft über den Sinnengenuß u. a. m. ihnen unterlegen. Beide Theile stimmen jedoch ganz tij den strengen Charakter der Stabilität, welche sie dem Judenthume zuschreiben, überein, beide lassen einen Unterschied zwischen Mosaismus und Rabbinismus nicht gelten, beide sehen in dem, was die Rabbinen augeordnet, entweder förmliche Bcstandtheile des mündlich - offenbarten mosaischen Gesetzes, oder ein traditionelles Element im weiteren Sinne, Anordnungen, welche die Sicherung, Erhaltung, Umzäunung des mosaischen Gesetzes zum Zwecke hatten, und zu welcher die Lehrer der Synagoge vermöge ihres heiligen Amtes, vermöge der Autorität, die das göttliche Gesetz selbst ihnen einräumte, (5. B. Mos. 17, 9u. 10) berechtigt waren; nach der Ansicht beider ist also das Ursprüngliche geblieben bis in die späteste Zeit, ist Mosaismus, Thalmudismus, Rabbinismus, ja selbst Cabbalismus dem Wesen nach ein und dasselbe. — Wenn wir indeß gerecht sein wollen, so müssen wir bekennen, daß die Ansicht über die Entwickelungsgeschichte des Judenthums, wie sie bei den ersten Begründern der rein-mosaischen Lehre, bei der Mendelssohn- Friedländischen Schule hervortrat, nichts weniger als