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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-08-15 · Heft 43 (15.8.1841) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 43 (15.8.1841)
Date
1841-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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171 Bcdürfniß nach Verbesserung selbst in den kleinsten Orten erwacht j ist, und wie man wirklich auch fast überall Hand daran legt. Ich kam durch Orte, die so klein und elend aussahen, daß ich glaubte, sie würden nie aus dem mittelaltcrischen Schund sich erheben können, und dennoch wenn ich einen Lehrer, oder Vorsteher sprach, einen Lehrer mit 150 fl. Besoldung und einen Vorsteher mit einem Packen auf dem Rücken, daß ich glaubte, der arme Mann müsse unter seiner Last erliegen, und mich mit den Leuten über die Verbesserungen unserer Angelegenheiten unterhielt, so waren sie davon durchdrungen, und konnten mir selbst aus ihren Gemeinden so thatsächliche Beweise hievon geben, daß ich von einem freudigen Erstaunen erfüllt ward. So traf ich auf dem Dampfschiffe von Mainz nach Mannheim einen ganz ärmlich aussehendcn Mann, es war der Vorsteher in dem naheliegenden Städtchen O — m, der mir sagte, daß man in seiner Gemeinde unter Zustimmung des Mainzer Rabbiners schon manche Verbesserungen beim Gottesdienste cingcführt, daß deutscher Choralgcsang schon einige Zeit in der Synagoge ertöne, und daß der wackere Lehrer L — s die Gemeinde durch seine guten deutschen Predigten erbaue. Der Mann war überhaupt von ungemeiner Lebhaftigkeit und hatte sich auch seine eigene Ansicht über die Verbindlichkeit des Ritualgesctzes gebildet. So meinte er, es sei ja nicht gesagt, daß die 613 Gebote OpTn rilüD) gegeben seien, damit jeder alle sie halte, sondern es wäre wohl schon genug, wenn sie im Ganzen beobachtet würden, wenn jeder etwas davon hielte. Ich könnte wirklich ein ganzes Buch ausfüllen, wenn ich Ihnen all' die verschiedenen Ansichten, die ich sowohl über theoretisches, als praktisches Iudenthum, über die Art und Weise, wie unsere. Lehre aufgefaßt, wie über das, was im Leben, in Synagoge, Schule und anderen gemcinheitlichcn Anstalten ausgeführt werden müsse, mittheilen wollte. Für Manchen würde eine solche Verschiedenheit auch etwas Betrübendes und Einschüchterndes haben; ich sehe es anders an. Ich sehe in dieser Verschiedenheit nur die natürliche Folge der organisch-geschichtlichen Entwickelung, wie sie im Reiche des Geistes nicht minder, als in dem Gebiete des Sichtbaren sich kund giebt. Es kann eben nur jeder auf den Standpunkt sich erheben, zu welcher seine bisherige Bildung, der geschichtlichnothwendige Gang seines inner» Lebens ihn fähig macht. Aber in all' dieser Verschiedenheit von Forderungen, Meinungen und Ansichten waltet doch ein und derselbe höhere Gedanke, ein und dieselbe hohe Gesinnung; alle wollen nämlich den Fortschritt, in allen ist der Widerspruch der starrrabbinischcn Lehre mit den fortgeschrittenen Ideen der Zeit, des starrrabbinischcn Lebens mit der fortgeschrittenen Gesittung der Zeit, zum Bewußtsein gekommen; in allen hat die nothwendige geistige Bewegung begonnen, und das wird und muß, wenn in der thatsächlichen Gestaltung auf die abweichenden Ansichten die gebührende Rücksicht genommen wird, zum Heile führen. — Was ich noch auf meinen Zügen gewahrte, und was mir eben so innige Freude machte, ist, daß ein Bcdürfniß, und es ist das dringendste wichtigste, von Allen empfunden wird, ich meine die Predigt des göttlichen Wortes in der Synagoge, Sie können sich kaum denken, wie man selbst in den kleinsten Gemeinden, wen»l man nur einmal ein gutes, begeistertes Wort gehört hat, sich darnach sehnt. Ich sah auf dem Dampfschiff einen Mann, der keinen ganzen Rock anhatte, der aussah, wie die Derbheit und Rohheit selbst. Zufällig kam die Rede von der Einführung deutscher Predigten; da hätte sie sehen soll, wie der Mann in Bewegung gericth. "Ich und noch Einige aus meinen Orte (erzählte er), haben vorigen Rasch-Haschanah (Neujahr) in der Wiesbadcr Synagoge zum erstenmal eine deutsche Predigt gehört. Das ging uns einmal in's Herz; ich gäbe meinen Rock (er war freilich nicht viel wcrth, aber vielleicht das Beste, was ver Mann hatte) darum, wenn wir so etwas öfterer hören könnten. Vielleicht giebt Ihnen das eine Veranlassung, eine Einrichtung, mit der man noch immer sich nicht befreunden will, das Borlesen guter gedruckten Predigten an den Orten, wo das Predigamt nicht selbstständig verwaltet werden kann, auf's Reue anzuregcn. Sonderbar, daß während ich auf meiner ganzer Reise soviel Regsamkeit im israelitisch-religiösen Leben antraf, so schien alles, wie todt, als ich in die Kurhessische Provinz F — a kam. Nichts hörte ich da von igrend einem Wciterschrcitcn, von irgend einer Verbesserung. Läßt der rauhe Wind vom Röhngebirge keinen Hauch der Begeisterung aufkommen, oder kömmt diese Stagnation, diese wahrhafte Todtcnstille daher, weil es an einem leitenden Organe fehlt, weil die Provinz noch nicht einmal einen wissenschaftlichgebildeten Rabbinen an die Spitze ihrer religiösen Angelegenheiten gestellt. Wie ich höre, soll dieses nun auch geschehen, aber man erzählte mir, das Borsteheramt habe deshalb bereits einen Vorschlag gemacht, die Regierung jedoch den Vorgeschlagcnen verworfen, weil sich orthographische Fehler in seinem Bcwerbungsgesuche vorgefunden, und es doch nicht zu viel sei, wenn man jetzt von dem Rabbinen einer ganzen Provinz fordere, daß er nicht unorthographisch sei. (Schluß folgt.) Die französische Deputirtenkammcr beschäftigte sich n. a. mit der Bittschrift des Israeliten Worms, welchen wegen seines Glaubensbekenntnisses der Aufenthalt in Dresden versagt wurde. Die betreffenden Verhandlungen zeigen auf's Neue, auf welch' hohen Standpunkt die französische Gesetzgebung und Volksvertretung steht, weshalb wir es uns nicht versagen können, die interessantesten Aeußerungen bei jenen Verhandlungen unfern Lesern mitzutheilen: Herr Car not: „Aus Bcsorgniß vor der industriösen Concurreuz der Juden haben die christlichen Kaufleute zu Dresden und in noch vielen andern deutschen Städten Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten gehaust, um die Niederlassung der Juden zu verhindern; später machten einige Juden, die am mindesten einsichtvollen unter den Wenigen, denen es am Ende gelungen war, die Erlaubniß zur Niederlassung in diesen Städten zu erhalten, weil sie jetzt ebenfalls die Eoncurrenz der -Reisenden fürchteten, gemeinschaftliche Sache mit den Christen, um diese Reisenden an der Ausübung ihres Gewerbes am gleichen Orte zu verhindern. So tragen also zwei, für die Freiheit und die Gerechtigkeit gleich sehr verwerfliche Beweggründe: der Geist d r Jntole anz und der Geist des Monopols, gemeinschaftlich zur Erhalt ng von Anordnungen bei, die nur der gesunden Vernunft des Publikums verantwortlich wären, wenn nicht einer unserer Landsleute ihr Opfer gewesen. Was geschaht Ein dresdner Polizcibeamter ließ einen französischen Kaufmann zu sich sich kommen und befahl ihm die Stadt zu verlassen. „Warum das?" fragte Hr. Wormser. „Weil Sie ein Jude sind." „Wer sagt Ihnen das?" „Ihr Name! Sie heißen Abraham, das genügt!" Eine Stimme: „Und Hr. Abraham Dubois" (Allgemeines Lachen.) „Unsere

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