Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 43 (15.8.1841)
- Date
- 1841-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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172 Polizeiordnung untersagt jüdischen Handelsleuten den Aufenthalt in Dresden, Sie werden binnen 24 Stunden abrrisen!" Gezwungen, Dresden zu verlassen, und nach Paris zurückgekehrt, beeilte Hr. Wormser sich, an den Conscilprasi'denten, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, zu schreiben und ihm die seltsame Willkürlichkeit arzuzeigen, die er erlitten hatte. Der Minister antwortete ihm, wie es übrigens schon dessen Vertreter in Dresden gcthan, daß er sich der Ausführung sächsischer Gesetze in Sachsen nicht widcrsctzen könne. Ich habe den Brief des Ministers hier, und wenn die Kammer mir erlaubt, ihn vorzulesen . . . (Nein! nein! den Inhalt! den Inhalt!) Der Brief ist wichtig genug, um ihn vorzulesen. (Lärm.) Uebrigens protcstirt der Brief gegen die intolerante Gesetzgebung, welche in mehren deutschen Staaten gilt, und wir müssen die strengen Ausdrücke loben, welche der Minister anwendet. Hätte er sich aber auf einen einfachen Tadel beschränken sollen? Ich meines Thcils glaube das nicht!" Ein Mitglied: „Sollte er etwa Krieg erklären?" Hr. Carnot: „Ich glaube nicht, daß er sich auf einen nutzlosen Tadel hätte beschränken sollen, ich glaube, es gab andere Mittel, die er anwendcn konnte. Unser mit Recht erzürntes Ehrgefühl UM auch die Lage der im Ausland reisenden Franzosen erforderten nach meiner Ansicht mehr. In Deutschland geht es so: Sobald ein Reisender in einem Wirthshaus ankommt, legt man ihm ein Buch vor, in das er seinen Namen, Vornamen, Gewerbe und Nessezweck einschreibcn muß. So weit handelt es sich blos um eine Polizeiordnung, über die sich Niemand zu beklagen berechtigt ist. Allein es gibt Staaten, in denen eine Nubrick dieses Buchs die Ueberschrift führt: „Religion" und in dieser soll der Reisende sein Glaubcnsbekenntniß angeben. Hat er das Unglück, sich Jude zu nennen, verliert er augenblicklich alle Privilegien, die dem Volke, dem er angehört, zusteheu; er wird zu einer Klasse von Parias gezählt und als solcher veratorischen, lästigen und mit der Localität wechselnden Verfügungen unterworfen. Bald legt man ihm eine besondere Abgabe auf, bald wird ihm jedes Handelsgeschäft verboten, bald darf er ohne besondere Erlaubniß sich nicht aufhalten, bald ist es ihm sogar untersagt, oder war ihm mindestens vor kurzem noch untersagt, in bestimmten Städten über Nacht zu bleiben. Von andern noch schwerer» Beschränkungen, welche die Rechtsfähigkeit betreffen, rede ich nicht. Soll ich jetzt auf einen Einwnrf antworten, den ich habe machen hören: Wenn nämlich die Forderungen der französischen Regierung bewilligt wären, so würden sich die Forderungen der deutschen Juden mit so gutem Grunde geltend machen, daß man sich genöthigt sähe, die ganze Gesetzgebung in Beziehung auf sie von neuem zu prüfen. In der That, meine Herren, die Aussicht auf ein solches Resultat wäre im Gegcnthcile völlig geeignet, uns aufzumuntern, und das würde hoffentlich unsere Regierung nicht ein unberechtigtes Einschreiten nennen. Es gibt einen mindestens vor dem Richtcrstuhle der Bildung unbestreitbaren Grundsatz: wo zwei Gesetze einander entgegen stehen, muß das freisinnigere den Vorzug erhalten. Nun ist aber Frankreich wohl das einzige Land, in dem die Eigenschaft als Jude keine Ausnahmstellung gibt. Neben Holland ist es das einzige Land, wo die Juden alle bürgerlichen und politischen Rechte.genießen. In England, und irre ich nicht, selbst in Amerika ist der Eingang ln die gesetzgebenden Versammlungen ihnen verschlossen. Fast alle übrigen Staaten haben mehr oder weniger gegen sie die Ucberliefcrungen des Mittelalters bcibchaltcn. Es ist für die Ehre unserer Initiative wie für die Fortschritte der Bildung von Wichtigkeit, daß wir hier dem französischen Gesichtspunkte das Uebergcwicht zu verschaffen suchen. Die Emancipation der Juden ist eine durchaus französische Frage. Ein katholischer Priester Frankreichs, der fromme und ehrwürdige Gregoire, dessen Name bei den Freunden der Freiheit ewig in Ehren bleiben wird, hat diesen Gedanken durch die konstituirende Versammlung verwirklichen lassen. Wir würden unsere Pflichten nicht erfüllen, wenn dieses edle Erbe in unfern Händen unfruchtbar bliebe. Beurtheilt man, ich wiederhole cs, nach den von mir angeführten und nach vielen andern Thatfachcn die Neigung mehrer deutschen Negierungen: so zweifle ich nicht, daß einfache Vorstellungen vom französischen Ministerium aus, vorausgesetzt, daß sie durch eine feierliche Aeußerung Ihrer Beistimmung unterstützt sind, hinreichen werden, um in Zukunft die Stellung der französischen Juden in diesem Lande zu sichern. Ja wer weiß, ob die Oeffentlichkeit dieser Rednerbühne, deren Einfluß im Auslände groß ist, nicht allein schon hinreichend sei, um die barbarischen Gesetze in Vergessenheit zu bringen, oie das Land der Gerechtigkeit und der Redlichkeit, Deutschland,, in seinen eignen Augen noch beschämen. Das, meine Herren, ist die Wohlthat der freien Rednerbühne. Die Völker unterreden sich heutiges Tags von einem Ende Europas zum andern. Einer solchen Belehrung vermag keine Verletzung der Rechte der Menschheit lange zu widerstehen!« Spinoza*) Baruch Spinoza lebte von 1632 bis 1677. Seine Eltern waren portugiesische Juden, die aus einer Verfolgung nach Holland entflohen. In Amsterdam wurde Baruch geboren, und an den schärfsten Stangen des Thalmudverstandes aufgezogen. Das Judcnthum, von dem er den schonungslos einhergehendcn Gcdane ken und die religiöse Begeisterung hatte, befriedigte ihn **) nicht; er entfloh ihm, verkroch sich in die Häuser von Christen, lcrnt- Gricchisch, Lateinisch, Mathematik und Philosophie, besonders Cartesii'che, die ihm Anfangs zusagte, dann aber in ihren einseitigen Verstandcsresultaten seinem ticfern Bedürfnisse nicht Genüge gab. Im Jahre 1660 hatte er die Synagoge ganz verlassen, den Haß, den Bann, die Verfolgung der Juden auf sich geladen, und war in die Stille eines kleinen Hauses ans dem Lande geflüchtet, um zu sinnen und zu^ersinnen. Oft verging ein Vierteljahr, ohne daß er über die schwelle trat. Christ ist er nicht geworden , obwohl er den christlichen Namen Benedict später führte, manchmal die Lutherische Predigt anhörte und überhaupt gute Predigten hochschätzte. Dies Moment der Revolution, was diese ganz philosophische Wendung des siebzehnten Jahrhunders charakterisirt, und was so nachdrücklich die moderne Zeit bestimmt hat, war ebenfalls stark in ihm: aus der christlichen Welt eigenmächtig herauszutreten. Er lehnte einen Lehrstuhl in Heidelberg ab, wie er sagte, um sich in seinen Forschungen nicht zu unterbrechen, zum Theil gewiß aber auch darum, weil er nicht in die Consequenzeu, oder Möglichkeiten eines christlichen Verbandes eintreten mochte. — Früh erlag der Körper, er war erst 44 Jahre alt, als ihn ein schleichendes Fieber, eine Schwindsucht, im Haag hinwegraffte. Ein einziger Freund, der Arzt Ludwig v. Meier, sein Schüler und Herausgeber der nachgelassenen Werke, sah ihn sterben den einsamen, weisen Mann, und drückte ihm die Augen zn. Wer ihn gekannt hatte, selbst die holländischen Bauern preisen seine Sanftmuth und Trefflichkeit. Er war eine jener jüdischen Naturen, die wirklich von Gott anszeichnend begabt sind, und die auf den poetischen Gedanken der Welt einen vorrhcrschenden Einfluß errungen haben; Spinoza war eine dieser Naturen, wo sich das starke Naturell zur beherrschenden Leutseligkeit gesänftigt und durchgcistert hatte. Sicherlich wäre ihm auch ein gewaltsamer Tod widerfahren, (?) wenn er in einem eigen jüdischen Reiche aufgetreten wäre. In Holland konnte ihn die Synagoge nur martern und verfluchen, und der einzelne, zur Wuth erzürnte Rabbine konnte nur den Dolch gegen ihn zücken, daß er, ein so begabter Auserwählter Gottes, die Bundeslade in der Gefangenschaft verließe. Er lebte von Verfertigung optischer Gläser, das Licht beschäftigte ihn, sagt Hegel. Alle Nachrede stimmt jetzt darin überein, daß er der wahrhastigste Mann seines Jahrhunderts gewesen, daß nie eine Lüge über seine Lippen gegangen sei. *) Aus H. Laub.-'s Geschichte der deutsche» Literatur. **) Nämlich iu seiner damaligen Gestalt. (Red.) Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandlung z» Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhcin. jährlich. Druck von Döll und Schäffer in Kassel.