Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-08-01 · Heft 41 (1.8.1841) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 41 (1.8.1841)
Date
1841-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566752-2566794--0209-2567805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

163 Blatte, wiederzugeben. Ich glaube auch, daß Sie solche Berichte jedem andern Correspondenzartikel vorziehen werden. Der Reisende, und namentlich wer , wie ich, hauptsächlich deßhalb reist, um das, dessen Veredlung er sein Leben gewidmet, um israelitische Zustände in ihrer sichtbaren, lebendigen Gestalt kennen zu lernen, hat erstens schon an sich ein viel lebhafteres Interesse an dem, was er sieht, als ein gewöhnlicher Correspondent, er sicht aber auch viel schärfer und viel richtiger, als dieser; denn der gewöhnliche Correspondent, der nur über das berichtet, was in seiner Nähe vorgeht, merkt öfters den Fortschritt des Lebens nicht, da. derselbe sich ganz unmerklich und allmählig gestaltet, er würdigt ihn aber auch öfters nicht nach seinem wahren Werthe, schätzt ihn zu hoch, oder zieht ihn herab, weil er entweder von Personen ausgeht, die er selbst schätzt, die ganz gleich-gesinn(mit ihm find, oder von solchen, für die er weniger fühlt, die er vielleicht als seine Gegner betrachtet. Das Alles ist bei einem Reisenden nicht der Fall, der mit einem freien, unbefangenen Blick die Gegenstände sieht, der den Fortschritt, wo er ihn gewahrt, auch würdigt, weil er ihn mit den früheren Zuständen vergleicht, und der den Personen, von welchen er ausgeht, fremd, auch weder von dem bestechenden Gefühl der Liebe, noch von der trübenden Empfindung des Hasses sich leiten läßt. Ich will mich gar nicht an eine. strenge'Ordnung halten, sondern Ihnen gleich von' dem Haupt- und Mittelpunkt meiner Reise, von dem ruhmreichen Frankfurt, das sich ehemals mit Stolz die Stadt und'die Mutter in Israel Ot-N T*y) nannte, berichten: Ich kam gerade zu einer recht glücklichen Zeit hin. Eine glückliche Zeit für mich ist nämlich die, wo ich ein Interesse, eine Bewegung, in unserm Leben gewahre, wo ich sehe, daß man für die Entwickelung unserer Zustände, oder für das, wovon diese Entwickelung abhängt, auf eine, oder die andere Weise sich rüstet und kämpfet. Ein solcher Kampf trat auch jetzt in Frankfurt hervor, da gerade die Wahlen jzur Ergänzung des Geineindeausschuffes stattfanden. Sie hätten da die Beweglichkeit sehen sollen, welche in der ganzen Gemeinde herrschte. Beide Partheien, die alte und die neue, oder wie der Dorfzcitungsschreiber sagen würde, die Schwarzen und die Weißen, ließen Zettel herumgehen, in welchen sie zur Wahl der von ihnen bezcichneten Männer aufforderten. Die Neuen mahnten, die Angelegenheiten der Gemeinde den Händen derer zu übergeben, welche auf die Stimmen des Jahrhunderts achten, die mit ruhiger Besonnenheit das in's Werk setzen, was das Wohl unserer Glaubensgenossen fordert; die Alten hingegen erinnerten (mirabile dictu!) daran, daß schon wieder ein Jahr verflossen sei, ohne daß in der Gemeinde etwas zur Verbesserung des Cultus geschehen sei, daß dieser Jndiffercntismus nur an der Gemeinde- Repräsentation liege, und um so mehr zu beklagen sei, als Ein hoher Senat die Zusicherung ertheilt. Alles, was für die wahre und wesentliche religiöse Bildung durch die Fortschritte der Zeit — ohne Verletzung der väterlichen Religion — geboten ist, an seinem.Theil zu befördern. Die Neuen siegten, und es war eine Freude zu sehen, wie sie sich dieses Sieges erfreuten; in allen Gesellschaften, in allen Familien, auf jedem Plätzchen, wo sich nur zwei begegneten, da war das Erste die Frage: Haben Sie schon gehört, auf welche glänzende Weise die Unseren gesiegt haben, wie selbst die Besten (nämlich hinsichtlich der Stimmcnzahl) der Alten, fast 80 Stimmen weniger hatten, als die Schlechtesten der Unseren? Ich glaubte in Paris, oder in London zu sein, so groß war die Theilnahme und die Beweglichkeit auch bei diesen Wahlen, und wer den Zustand der hiesigen Gemeinde nicht kannte, der mußte bei einer solchen Rührigkeit glauben, daß hier schön Riesenschritte für Hebung unserer Angelegenheiten geschehen seien. Und doch ist es nicht so, doch wird nirgends der Cultus in einem so veralteten, mittelalterischem Zustande angetroffen, als hier, doch ist selbst in den Gemeinden, wo die altgläubige Parthei bei weitem die Oberhand hat, mehr für religiöse Erhebung und Fortbildung durch Einführung der Predigt beim Spnagogengottesdienst geschehen, als hier, wo noch gar kein Anfang damit gemacht ist, (denn die Andachtsstunde in der Bürger- und Realschule kann, trotz der (ehr hochgeachteten Männer, die dort das Predigeramt versehen, schon wegen ihrer beschränkten Localität und ihrer isolirten Stellung von der Synagoge, das religiöse Bedürfniß im Allgemeinen nicht befriedigen). Woher kommt nun dieser Zustand? Man hat sich Manches hierüber gesagt; aber nach dem, was ich jetzt wahrgenommen, beruht das Ganze darauf, daß hier Alles (ähnlich den politischen Zuständen im Westen) Parthei ist. Die Neuen wollen die Verbesserungen nicht, welche die Allen im Cultus einführen möchten, (denn daß die Letzteren den Willen dazu haben, ist mir kein Zweifel, wenn auch ihre Reformen sich auf Herstellung einer besseren Ordnung in der Synagoge, Einführung des Choralgesanges und der deutschen Predigt — was ja jetzt selbst in den orthoresten Gemeinden geschehen ist — beschränken würden) und die Alten mögen nichts, was von dem ueugläubigcn Vorstände ausgeht, wenn es auch sonst ihrer Ucbcrzcugung nicht widerspräche. Bei den Ersteren ist auch dieses Partheiwesen sehr begreiflich. Die Hyperorthodorie muß einmal wegen ihres beschränkten Standpunkts alles das verdammen, was nicht in ihren Kreis gehört, und bei dem ihr natürlich inwohnenden Fanatismus von vorn herein gegen Alles eingenommen sein, was von den Personen einer entgegengesetzten Ueberzeugung ausgeht. Bei den Neueren aber läßt sich diese Einwirkung von persönlichen Elementen zum Nachtheile der freien sachlichen Beurtheilung nicht anders erklären, als weil man noch nicht auf den geschichtlichuniversellen Standpunkt sich erhoben hat, denjenigen nämlich, wo bei der höheren eignen Ansicht doch die beschränktere des Gegners gewürdigt und sich darum auch vorerst mit derjenigen Reform begnügt wird, die jetzt schon Alle befriedigt, und doch (wie eben ächt-religiose Vorträge in deutscher Sprache) den befruchtenden Keim zur weitern Fortbildung in sich träget. Jener einseitige Standpunkt ist aber wiederum die Folge davon, daß es an einem vermittelnden, über alle Partheien stehenden, und doch den Fortschritt im Stillen fördernden Organe fehlt, an einem erleuchteten, wissenschaftlich gebildeten, Rabbinen. (Fortsetzung folgt.) Wir empfehlen unfern Lesern folgende, uns zugegangene Schriften: M. Elckan, Leitfaden beim Unterricht in der Geschichte der Israeliten. Ein sehr zweckmäßiges Büchlein durch klare Anordnung des Stoffes, sowie durch seine bündige, populäre Sprache; es wird von jedem Jugendlehrer gut be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.