Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-07-25 · Heft 40 (25.7.1841) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 40 (25.7.1841)
Date
1841-07-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2566752-2566793--0203-2567798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

158 heißt es nicht: der Mensch hat sein Menschenthum entwürdigt, sondern: der Israelit hat diese und jene Frevelthat begangen. Nicht die Menschheit hat sich ihres entarteten Gliedes zu schämen, nein, das Judcnthum nur, ein krankes und faules Glied der Menschheit, hat sich geschändet. Freilich geschieht das nicht vom Gesetz, vom Gericht — ein Beweis, wie dieses Vorrecht einer morgenländischen Gerechtigkeitspflcge von jeder gerechten Gesetzgebung gemißbilligt — aber es geschieht nichts desto weniger in der öffentlichen Meinung, oder in deren Schildträgern und Organen, der Tagesliteratur. Diese bekundet freilich hierdurch, und nicht zu ihrer Ehre, daß sie in unserem gebildeten Weltthcile mit jener Justiz auf gleicher Stufe der Gerechtigkeit steht. Aber auch die Gesetzgebungen, sofern dieselben bei ihrer Entstehung und Fortbildung von den Einflüssen der öffentlichen Meinung mehr oder minder beherrscht werden, sind von diesem Mißgriff nicht ganz frei geblieben. Auch in diesen finden sich häufige Spuren, daß man von vereinzelten Handlungen Einzelner ein schiefes Urthcil über die Gesammthcit abgeleitet hat. Daher der Fälle so viele, wo das Gesetz im Menschen nicht den Menschen ehrt, nicht den Menschen beurtheilt, sondern den Einzelnen oft aus dem Gesichtspunkte der Gesanuntheit, die Gesammthcit aus dem Gesichtspunkte des Einzelnen betrachtet und behandelt. Daß eine solche Behandlungsweise mit dem nunmehr erwachten Gefühl von Recht und Würde sich nicht verträgt, ist das einstimmige Urthcil aller einsichtigen und vorurtheilslosen Menschenfreunde. Mit Gottes Hülfe wird auch für Israel bald die Stunde schlagen, wo man in ihm den Menschen im Menschen ehren wird, und sowohl wir als das gemeinsame Vaterland den Segen empfinden werden, der in den Worten liegt: Dein Name soll fürder nicht sein Jakob, sondern Jjracl. Aber dennoch, m. l. Fr., haben auch wir unsererseits eine große und heilige Pflicht zu erfüllen, und auf dem Wege der Menschenliebe unfern Brüdern eine gute Strecke entgegen zu kommen. Wohl liegt in unserer liebenden und ehrenden Gesinnung die Nechfcrtigung und die Berechtigung unseres Strebcns nach ungekränkter Ehre und ungeschmälertem Recht. Aber so wenig wir uns damit begnügen, noch begnügen können, daß man im traulichen Verkehr und Kreise des geselligen Lebens, oder in Handel und Wandel, in uns den Menschen ehre, oder mit andern Worten, daß unsere bürgerliche Befähigung in der öffentlichen Meinung, d. h. im Gedankenkreise der Gebildeten nnd Vorurtheilsfreien, feststehe, sondern mit Recht fordern, daß das Gesetz, das von Gott berufen ist, das, was in den Kreisen der Einsichtigen als Wahrheit zum Bewußtsein gekommen und als der allgemeinen Wohlfahrt förderlich anerkannt ist, als sein eigenstes Gut in sich aufzunehmen, und von seiner unbewölkten Höhe herab die Stimmungen der Befangenen und Zurückgebliebenen zu leiten, daß das Landesgcsetz in uns den gleichberechtigten Menschen anerkenne und ihm eine achtbare, gesetzlich würdige Stellung gebe, so müssen auch wir uns damit nicht begnügen, daß wir jeglichen Haß und jegliches Vorurtheil gegen andere Bekenntnisse längst aus den Kreisen unseres Lebens und Strebens verbannt haben, sondern auch jeglichen Verdacht von uns möglichst abzuwälzen suchen, als bestünde noch so mancher Ueberrest alter, aus unserer Denk- und Handlungsweise längst geschwundenen, Vorurtheilc in unserem Religionsgesetz, in unserem Gottesdienst. Es ist nicht zu leugnen, daß die Zeiten grausamer Verfolgung, wovon außer der Geschichte noch die Steine in den Wänden Zeugniß geben, auch aufunsere religiösen Anschauungen höchst nachtheilig zurückwirkten. — Hierdurch und durch man'cherlei innere und äußere llmstände, deren Erörterung in die Leidensgeschichte unseres Volkes gehört, sind so manche Mißgestaltungen zu Tage gefördert worden, die, bei der fortschreitenden Bildung der Juden im deutschen Vaterlande, das Judenthum in eine schiefe Stellung zur öffentlichen Meinung und der auf dieser zum Theil beruhenden Gesetzgebung brachte. Vieles wurde damals falsch und einseitig aufgefaßt. Vieles schief und zweideutig ausgcdrückt, und hat zu argen Mißdeutungen, ja zu den gröbsten Mißverständnissen Anlaß gegeben. Es hätten solche Mißgeburten einer befangenen und einseitigen Gcistesrichtung ihr stilles Grab in der hinrollenden Zeit gefunden, wenn nicht die für den menschlichen Geist so höchst glückliche Erfindung der Buchdruckerkunst gerade für uns zum Unglück würde, und dem todtgebornen Buchstaben eine unglückliche Unsterblichkeit gesichert hätte. Vieles, wo nicht Alles, ist seitdem längst aus unserer Gesinnung gestorben, aus unserem Leben geschwunden, aus unserer ganzen Denk- und Handlungsweise, in der es eigentlich nie wurzelte, bis auf die Ahnung getilgt. Aber das Alles hilft nichts, darum kümmert man sich wenig oder gar nicht, und so oft es sich um den sittlichen Charakter der Juden ftägt, so oft es sich darum handelt, ob man in dem Israeliten den Menschen ehren, ob man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.