Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 38 (11.7.1841)
- Date
- 1841-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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151 desfallsige Erlaß des ehemaligen westphälischen ConsistoriumS der Israeliten mitgetheilt. Bemerkenswerth ist folgende Stelle aus dem erfcn D'ötw: "Bei der Monateinfchaltnng ist Bedacht darauf genommen, daß nicht zwei Feiertage auf einander fallen; auch wird das stebente Jahr nicht zum Schaltjahr gemacht, wenn es auch nöthig wäre, wegen der Armen, die nur zugemessene Nahrung für ihre Mahlzeiten haben. Um so weniger sind die meisten Lebensmittel der Armen und Dürftigen zu verbieten, besonders zu den Feiertagen. Diejenigen, die Erschwerungen deßfalls veranlassen, werden es vor Gott zu verantworten haben." Wie nun das in diesem Schriftchen sich aussprechende humane Streben des Verfassers alle Anerkennung verdient, so fordert eine solche nicht minder die Fürsorge des Magistrats in Prag, welcher sich veranlaßt fand, dem israelitischen Gemeindcvorstande eine Anzahl Ercmplare mit der Aufforderung, zur Begutachtung der Sache nach Vernehmung der Oberjuristen und mit dem Wunsche zugehen zu lassen, daß die Ansicht des Hrn. Verfassers die wahre sein möge, weil dann einem bedentendcn und sehr gefühlten Bedürfnisse der armen Israeliten vorgebeugt wäre. Man ist nun, wie uns aus Prag geschrieben wird, gespannt auf das Gutachten des Rabbinercottegiums; es mag indeß dieses ausfallen, wie es wolle, auch gegenwärtige Schrift wird zur Anregung neuer Ideen zweifelsohne ihr Scherflein beitragen, und sie wird dieses um so mehr, als sie mit diesem speziellen Gegenstände auch höhere Ansichten über Iudenthum überhaupt in Verbindung bringt. Segen darum dem greisen Verfasser, der noch in so hohem Alter das Licht des Geistes und die Wärme des Herzens ungeschwächt erhalten. Geschichte -es Tages. (Schluß der interessanten Stellen aus der Predigt des l»r. Salomon. *) »Erst wenn den Völkern der Erde die Stunde der Erlösung schlägt, wie sie damals in Mizraim geschlagen; erst wenn die Menschheit zur Freiheit gelangt ist, und die Mächtigen und Gewaltigen Folge geleistet haben dem Aufträge Gottes: »Laß frei meinen Sohn! Laß frei mein Volk!» und sie alle begriffen haben »daß Gottes ist die Erde, daß das Reich sein ist und Ihm jedesKnie sich beugt undJhm jede Zunge schwört und Ihm jede Seele huldigt. Israel ist noch nicht frei, wird es aber werden; Israel strebt nach Freiheit, und sein Streben bleibt nicht fruchtlos, denn es darf auch kein Jota von Gottes Verheißung unerfüllt bleiben: Ihr wurdet schuldlos verkauft und sollt ohne Entgeld und Bestechung erlöst werden! (Jes. 52, 3): oder wie unsere Alten kühn; aber sinnreich und wahr behaupten, iTUD '228 1DJJ Gott selbst hat Israel in die Knecht- •) S. die vorige Nr. schaft begleitet. Es kann Gott nicht überall als der einzige und alleinige Herr der Welt erkannt und verehrt werden, so lange sein Volk, so lange Völker noch Sclavenketten tragen und über Unterjochung seufzen müssen, so lange sie noch, mit Einem Worte »fremden Göttern" dienen. Demnach muß, so wahr Gott und so wahr sein Wort! muß Israel den Tag der Feriheit schauen; hat ihn hier und dort bereits geschämt. — Darum lasset uns den rechten Gebrauch lernen, den wir von der Freiheit, von der Erlösung machen sollen. Es ist kein anderer, als der, den der Herr einmal ausgesprochen und angegeben: Ich Gott heilige euch und befreie euch aus Mizraim, damit ich euer Herr bleibe und ihr mir dienet. Das Geschenk der Freiheit soll zu großen und edlen Zwecken genützt werden. Und das ist der ächte und wahre Gottesdienst! An der eigenen Vollendung und Veredlung arbeitend sollen unsere Häuser, unsere Schulen, unsere Bildungsanstalten, unser Gottestempel, kurz alles was sich in Israel's Mitte befindet, eine vollendetere edlere Gestalt annehmen, eine größere Gediegenheit erlangen. In allen unfern Verhältnissen und Angelegenheiten soll man es erkennen und schauen, daß wir frei und Erlöfete des Herrn geworden sind. Auch itzt darf, und ob uns eben so wie unfern Vätern untersagt ist, die Freiheit, wie andere Nationen thun, zu erkämpfen, da der Herr für uns streitet! Trotz dessen, sage ich, darf Israel auch jetzt seinerseits nicht schlummern und nicht schlafen, nicht ruhen und nicht rasten, sondern muß vielmehr alle die Kräfte aufbieten, die eS besitzt, um herbei zu führen, was Gott verheißen und Menschen des Schweißes werth finden und zu erstreben von Gott selbst beauftragt sind. Immer wieder aufs Neue sollen die Edlern, die Trefflichern, die Häupter und die Vorgesetzten Israels als Gottgesandte sich berufen und angetrieben und verpflichtet fühlen, da, wo es gilt und wo es fruchtet und Erfolg zu erwarten, das köstlichste Gut der Güter — Freiheit und Erlösung — zu gewinnen, und nicht theilen den Wahn der Trägen und der Frömmler, die da mit einer heiligen Miene sprechen: »So Gott Gefallen an uns hat, und es sein Wille ist: so wird er auch ohne unser Hinzuthun seinem Volke Freiheit und Selbstständigkeit verleihen. Ihm ist ja kein Ding unmöglich!" Das klingt freilich recht fromm und gottesfürchtiz, ist aber in der That sehr unfromm und gottlos! Hatte der Herr, der in Mizraim zu dem Tyrannen gesprochen: Mit einem Schlage hätte ich dich vernichten und mein Volk erlösen können (2. Mos. 9, 15.) nicht auch ohne menschliche Vermittelung, nicht auch ohne menschliche Werkzeuge die Erlösung berbeiführen können? Doch bediente er sich derselben, bediente er sich der Auserkornen, um an den Tag zu bringen, was längst bei ihm beschlossen war. Glaubt ihr m. Br., daß wenn die Menschen, wenn die Volker an ihr früher erduldetes Elend, an die Sclaverei, in welcher sie selber früher geschmachtet, denken möchten, das Gedächtniß für die ehemaligen Leiden nicht verlieren möchten, daß sie alsdann nicht gefühlvoller, gütiger, liebreicher gegen ihre Untergebenen, so wie überhaupt gegen diejenigen sein würden, die unter ihnen stehen? Glaubt ihr, duß unsere Nicht-israelitischen Brüder, so sie ernstlich daran dächten, wie weh Knechtschaft und Zurücksetzung