Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 37 (4.7.1841)
- Date
- 1841-07-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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147 fahren zu lassen, sie auch als treue Israeliten zu lieben und zu ehren, als Glieder des uralten Bundes, die den einzigen Gott anbeten und wie wir die heiligen Bücher als die Quelle ihrer religiösen Pflichten betrachten." Eben so weise, als bescheiden ist folgendes Geständniß, das Creizenach den Confirmanden machen läßt: „Um nicht selbst in Betreff meiner Rcligionspflichten hin und her zu schwanken, kann ich mir unmöglich Rath bei andern holen, selbst bei den frommsten und gelehrtesten nicht; denn alle Religionspartheien zählen sehr fromme und sehr gelehrte Männer in ihrer Mitte, und es ist für mich, so lange ich nicht selbst zu prüfen im Stande bin, kein Grund vorhanden, mich dem Einen eher zu vertrauen, als dem Andern. Ich kann daher nicht sicherer gehn, als wenn ich, der Vorschrift der Heilgen Bücher gemäß, mich mit kindlichem Vertrauen nach dem Willen derjenigen richte, die mir meine Religion gegeben, durch die sich der Bund mit den Patriarchen auf mich sortgeflanzt hat. Alle gottesdienstliche Handlungen, alle religiöse Gebräuche, zu denen sie mich angehakten haben, will ich mit Gewissenhaftigkeit beobachten, so beobachten, daß sie für mich erbauend und heiligend werden. Zugleich aber will ich mich immer bemühen, durch das Forschen in der Bibel und andern ehrwürdigen Büchern meine religiöse Bildung zu erhöhen, und es dahin zu bringen suchen, daß meine ganze Lebensweise ein Resultat meiner eignen Ueberzeugung werde. Wenn ich auf diesem Wege in manchen Punkten irren sollte, so wird Gott mir die Schwäche meines Geistes nicht als Sünde anrechnen, denn der Irrthum ist nur dann strafbar, wenn er aus Gleichgültigkeit gegen den göttlichen Willen und aus Nachgiebigkeit gegen die bösen Versuchungen entsteht. Möge Gott die Finsterniß verscheuchen, welche uns jetzt noch alle umhüllt, damit cs unfern geistlichen Vorstehern bald gelinge, die Einheit in der Gemeinde Israels herzustellen und alle Zweifel, die uns jetzt noch theilen, in dem wahren Sinne der mosaischen Lehre zu lösen. So fest ich aber selbst nach meinen eigenen Grundsätzen zu leben denke, so sehr will ich in meinem Urtheil über den religiösen Wandel Anderer behutsam und besonnen sein und mich wohl hüten, die, welche die Religionsformen anders als ich betrachten, für Finsterlinge oder für Freigeister zu erklären. Wer aufrichtig gut und fromm sein will und nach seiner Ueberzeugung den Geboten der h. S. Genüge leistet, der ist ein guter Jsraclite, wenn er auch irrt, wie dies schon unsre alten Weisen lehren. Jede ceremonielle Handlung, die von Andern in der Ueberzeugung ausgcübt wird, daß Gott sie geboten hat, will ich als ein frommes Werk ehren, wenn sie auch in meinen Augen nicht Pflicht ist, und will mir nie erlauben, sie zu bespotten. Ja, wenn es der Friede meiner Gemeinde erheischt, will ich mich selbst manchen Gebräuchen dieser Art unterziehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch abergläubische Vorstellungen entstanden sind." Die als Anhang aufgenommenen Gedichte des vr. Theodor Creizenach, des Sohnes von unserem Verfasser, geben selbst den erfreulichen Beweis ab, wie Weltbürgerthum und Aufklärung sich gar wohl mit Anhänglichkeit und Begeisterung für Israels Lehre und Schicksal im dem Herzen seiner Söhne vereinigen lassen, weshalb es uns ebenfalls eine freudige Empfindung gewährt, am Schlüsse dieses Blattes ein solches Gedicht als Beleg mittheilen zu können. Geschichte des Tages. Wichtigeres gibt es wohl nichts für die Geschichte des Tages, als Worte, die einem hochbegeistcrten Gemüthe entströmend, sich richten an die Genossen der Zeit, sie erinnernd an ihre Wünsche, und an ihre Hoffnungen, an ihre Gebrechen und an ihre Leidenschaften; sie mahnend zur Ablegung dieser Gebrechen, zur Herstellung einer glücklichereren, einer gottgefälligeren Zeit. Solche hochbegeisterten Worte hat Dr. Salo:non in Hamburg am letzten Pesachfeste gesprochen, und zwar in einer Predigt, betitelt: "Die Erlösung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft, das lehrreichste Kapitel in der Weltgeschichte», daher es uns einsehr angenehmes Geschäft ist, das Kapitel der Tagesgeschichte heute mit den interessantesten Stellen aus jener Zeitpredigt zu eröffnen: »Aber (ruft Salomon seiner Gemeinde zu) rfQX NL'^12 D'227 jC’D »Zn dem, was damals den Vätern geschah, liegtdie tröstendeIerheißung für dieKinder.» Auch unsere Knechtschaft dauert Jahrhunderte! Und wenn auch in mehrern Landen der Morgen der Erlösung bereits angebrochen; und wenn auch in mehreren Staaten von der schweren und vielglicderigen Kette einzelne Ringe lockerer geworden — was uns von Gott verheißen ward, was wir erwarten dürfen, was wir eine vollkommene Erlösung *) nennen, das ist noch nicht gekommen, und hier und dahcißt es noch immer, wie in Mizraim irUN'l — nD'lt die Herrscher wechseln; dieHcrrschaft ist nicht milder geworden. — Aber neben dem langen Druck zeigt uns das Capitel von der Erlösung die urplötzliche Freiheit mit der Verheißung: Wie zur Zeit der Befreiung aus Mizraim lasse ich dich Wunder schauen (Micha Cap. 7. B. 15.) Urplötzlich, wenn es Menschen nicht ahnen, wenn es Menschen nicht begreifen, wenn es Menschen nicht schauen, streckt Gott die rettende Hand aus und sendet Hülfe aus den Höhen und verwandelt das Her; der Könige. Ein Gott und Ihm allein die Anbetung. »Damit du wissest, daß meine Vorsehung walte,» sagte Mose zu Pharao. Solange aber können die Zweifel an dem Wachen und Walten eines ewizenjWeltgeistes nicht schwinden und nichtsgclöst werden, kann der größte Theil der Menschen die Frage nicht unterdrücken: Giebt es einen Gott, giebt es eine Vorsehung, warum verfährt sie so mit ihren Knechten, mit ihren Kindern? Warum gleichen Millionen von Menschen den Thieren des Feldes und den Fischen des Meeres? Und allePhi- *) •PIÖ'W nVlfcU