Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 33 (6.6.1841)
- Date
- 1841-06-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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130 Tröstungen und Hoffnungen, welche jene Anstalten dem Gemüthe des Israeliten spendeten, der nachherige Druck und die Geistesverdüsterung von außen doch auch wieder nachtheilig auf die Pflege und Entwickelung des göttlichen Wortes wirkten, und in der Literatur, welche aus jenen Anstalten bcrvorging, einen düsteren Geist und ein engherziges Festhalten am Buchstaben brachte, das erst durch den hellen Geist der neueren Zeit verdrängt werden konnte. So zeigte sich bald mit dem ersten Eril und der gedrückten Stellung der Israeliten während des zweiten Tempels eine größere Anhänglichkeit an der Religion der Väter und ein fleißigeres Studium des göttlichen Wortes, aber der sittlich-große Geist der Propheten wehte nicht mehr, und an die Stelle ihrer kräftigen, nur Tugend und Menschenliebe nnd hohe, innere Ncligiösität athmenden Reden, traten in der Halacha und Agadah mattere Darstellungen und ein ängstliches Deuteln und Vervielfältigen des äußeren Gesetzes, des Ritualen, hervor. Dieses ward noch vermehrt in dem Zeitalter der Amoraim und Se buraim, als in der Mischnah schon ein abgeschlossenes Ganze des traditionellen Gesetzes vorlag, in welchem man jetzt das weiter entwickelte göttliche Wort sah und ihm mehr, als der Schrift selbst, seine Thätigkeit widmete. So entstanden die voluminösen Bände des Thalmuds und Midrasch, welche das Zeitalter der Gaonim schon bei seinen Forschungen über das göttliche Wort zu Grunde legen mußte. Aber noch herrschte eine bessere Auslegckunst und die Vorträge über das göttliche Wort in den Synagogen waren gewiß auch, wie die H agadah selbst, nicht entblößt von dem Kerne der Religion und ihrem höheren, sittlichen Gehalt. Dieser kam noch mehr zum Bewußtsein in dem ersten r a b ö inisch e n Zeitalter, als durch die wissenschaftliche Bildung der. arabisch-spanischen Schule der Geist der Nabbinen sich sowohl der allegorischen Auffassung der Agadah, als der sittlichen Deutung des Ritualgcsetzes züwendete. Aber leider schwächte der mit dem Ablauf des 15. Jahrhunderts beginnende größere Druck bald wieder die geistige Energie jener philosophisch-gläubigen Schule. Mit einer wahrhaften Manie klammerte man sich nun an den Buchstaben, verkehrte und mißhandelte das schon früher Verkehrte bis zum Unsinn pnd nahm keinen Anstand, das lautere göttliche Wort müdem heillosen Pilpul und den spitzfindigen Deraschoth zu verwechseln. Zwar bietet diese Auslegungsweise auch eine sehr achtungswerthe Seite dar, zwar zeugt auch sie vori einer unendlichen Verehrung des göttlichen Wortes, von einer fast kindlichen Heilighalttmg jedes Buchstabens, ja jedes Lautes desselben, und selbst da, wo jene AusleguugswcLse bis zu ihrer höchsten Entartung gekommen war, in dem Pilpul und den Chilukim, tritt uns ein tiefer religiöser Sinn entgegen, der so weit sich steigerte, daß er wähnte, die Verehrung des göttlichen Wortes durch dialcctische Kunstgebäude, welche er mit einem Worte der Schrift, oder ein Paar Sätzen der mündlichen Lehre, aufführte, zu beweisen. Zwar ist es wahr, buchstäblich wahr, was der tiefdenkende Zunz*) sagt: "Aber beide Institutionen, Prophetenthum und Hagada, bestanden dennoch, als unbedingte Acußerung des Nationallebens: in beiden weht gleicher Patriotismus und gleich starkes Vertrauen auf Gott; derselbe unbeugsame Muth und die Macht gleicher Hoffnung auf dereinstige Erlösung hält die Propheten und die Helden der Hagada aufrecht. War das Prophetenthum keine müßige Rcdnerci, keine beliebige Schriftstellerei, so darf auch die, in die tiefsten Adern der Ratton und in alle Pulse ihrer Entwickelung so gewaltig eingreifende Hagada nicht dafür gelten. Vielmehr sind die Produktionen des Midrasch Aeußerungen einer in dem Leben, den Ideen und Interessen des jüdischen Volkes begründeten Thättgkcit, an welcher dasselbe gewissermaßen stets mitarbeitend Theil nahm. Daher sind die hervorragenden Werke der Halacha, wie der Hagada, gleich dem Gesetz und der Propheten, Nationalschriften, vor denen das spätere Geschlecht fast freiwillig seine Selbstständigkeit vernichtete; sie wurden das Eigenthum Aller, als Resultate tausendjähriger Entwickelung, als Denkmale des Lebens der Nation, als Erzeugnisse ihrer ausgezeichnetsten Köpfe. Die innere Nothwendigkeit des Midrasch war die Triebfeder, der umfassende Reichthum seiner Production ist der Erfolg jener, auf die Schriftauslegung verwendeten, außerordentlichen Thätigkeit.—"Aber diese Schriftthätigkeit war doch nicht mehr die wahre Entwickelung des göttlichen Wortes, der sittliche Geist der Propheten lebte wahrlich nicht mehr in den Chilukim und Deraschoth, und sollte das Wort des Herrn in Israel erhalten werden, so mußte es sich an dem erleuchteten Geiste der Propheten erneuern und dieses geschah auch mit Hülfe der göttlichen Vorsehung in der Zeit, welche auf den zweiten rabbinifchen Zeitalter folgte. (Fortsetzung folgt.) Geschichte -es Tages. Der biedere Arndt nimmt keinen Anstand auch in seiner neuesten Schrift seine frühere edle Ansicht über das mosaische Gesetz in folgenden Worten zu wiederholen: Ein großer Mann ist hier vor allen zuerst zu nennen, nämlich der Träger des alten Testaments, der Seher und Mann Gottes Moses. — Je mehr man das Werk seiner Gesetzgebung betrachtet, desto mehr muß man seine tiefe Weisheit und seinen alle Verhältnisse der Gesellschaft umfassenden Blick bewundern. Der Staat, den Moses stiftete, war eine Theokratie, aber sehr fern von der Unterdrückung und Sclaverei. Der weise Gesetzgeber hatte das Land berechnet, das von den Kindern Israel erobert und besetzt werden sollte, und hatte in dieser Berechnung jedem Stamme nach seiner Volkszahl sein Gebiet zugetheilt. — Aber weil sein Entwurf nicht ganz ausgeführt wurde, weil einige Stämme zu frühe zum Besitz des Ihrigen kamen und sich bald *) S. 322 seiner Schrift: «die gotttesdienstlichen Vorträge der Juden."