Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 32 (23.5.1841)
- Date
- 1841-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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126 gesprochenes Wort an: Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (3. B. M. 19, 2.) Von der Bergpredigt findet man nach Inhalt nnd Form Vieles Ln jüdischen Schriften wieder, namentlich im Thalmud — dessen Abfassung in Fragmenten thcils über 100 Jahre vor Jesus hinaufreicht, theils in seine Zeit fällt, wenn auch die Redaktion des' ganzen Werkes und manche Zusätze einer spätem Zeit angehört. — So ist das herrliche „Bater-unser" Gebet, in jüdischen Gebeten in einzelnen Phrasen wieder zu finden, so die Anweisung zur wahren Mildthätigkcit, so das Gleichniß mit dem Splitter und dem Balken, welches im Thalmud fast wörtlich ausgezeichnet steht. 7D, yvy p2D DO'p '121 mip Es war aber Jesus in seinem Lehren allerdings neu und originell. Trotzdem Jesus in Gelehrsamkeit den ausgezeichnetsten Schriftgelehrten seiner Zeit nichts nachgab, setzte er nichtsdestoweniger keine Ehre darein, mit nur geistig Ebenbürtigen zu verkehren, den Umgang mit dem Plebs zu meiden, und etwa am Sabbath mit Pomp in den Synagogen vor dem Volke aufzutrcten und die Fäden des Gesetzes weiter zu spinnen, wie die Schriftgelchrten seiner Zeit, wenn auch in der besten Absicht, gclhan haben. Jesus trat unter das Volk auf den Straßen, er besuchte cs in seinen Hütten, bei seinen Tagesarbeiten, er redete einfach und herzlich, in der Sprache und nach den Begriffen des Volkes. Seine Vorträge bestanden nicht in gelehrten Grübeleien, zu dem Zwecke, die alten Gesetze von jungen Gesctzchen zu entbinden, er wollte die alten Gesetze verjüngen. Es war ihm nicht darum zu thun, in dem Schooße der alten Gesetze nach neuen zu graben, er bemühete sich, die vorhandenen Gesetze, die in Barren, oder als ungeläutertes Erz dalagen, in gangbare Münze umzuwandeln, diese in die Hände des Volkes zu bringen, das Volk aber über die eigentliche Münzordnung, über das eigentliche Werthverhältniß derselben aufzuklären, daß es nicht etwa einen „Pruta", für einen Golddenar hinnehme. Und so wie etwa der Deutsche manchen Maaren, die über den Kanal zu ihm gelangen, cs nicht ansieht, daß ihm von dort nur znrückgegeben wurde, was er roh hinüber geliefert hat, so glaubte hier das Volk ebenfalls, aus dem Munde dieses Lehrers eine neue Lehre zu vernehmen, obwohl er nur die uralte Lehre der Väter vortrug. War aber Jesus vielleicht der, nach den Prophezeiungen der Propheten erwartete Messias (Christus)? Vom Standpunkte des Israeliten aus wäre diese Frage noch gar nicht spruchreif, denn die berühmtesten seiner Religionslehrer sind noch gar nicht darüber einig, ob der Glaube und die Hoffnung auf einen Messias nothwendig von einem Israeliten gefordert werden müsse. Der als philosophischer und dogmatischer Schriftsteller so berühmte Maimonides zählt den Glauben an einen Messias zu den 13 von ihm verfaßten Glaubensartikeln, andere berühmte Schriftsteller desselben Faches, wollen von einem solchen Glauben als Fundamentalgesetz nichts wissen. Man wird wohl thun, sich denselben anzuschließen. Wohl erwarten Alle, daß einst eine solche Epoche allgemeiner Glückseligkeit eintreten werde, wie die Propheten sie in Aussicht gestellt haben. Aber damit auch genug. Was kümmerts uns, auf welche Weise das geschehen werde? Warum den Glauben an eine bessere Zeit noch mit Messias-Ballast beschweren? Warum die Legitimität einer gewissen Königsfamilie noch in eine Zeit hinübertragen, die das, was sie sein soll, gar Nichtsein könnte, wenn ein solches individuelles selbstsüchtiges Interesse mit hinüber gebracht würde. Wir fordern nur von dem Messias der Propheten, daß er den von seinen Verkündern ihm beigelegten hohen Beruf entspreche. Davon Einiges: Jesaj. spricht bildlich von dem Messiasreiche (11, 6 re. und 65, 25); cs werde der Wolf neben dem Lämmchen, der Tiger neben dem Böckchen friedlich lagern re.; Daselbst 2, 4. Micha 4, 3—4, man werde die Schwerter zu Pflngschaaren, die Lanzen in Sicheln verwandeln, ein Volk werde gegen das Andere das Schwert nicht mehr tragen und die Waffen nicht mehr führen; also ein ewiger Friede. Aber ist dem so noch jetzt, 1800 Jahre nach der Erscheinung von Jesus? Alle 8 Meilen wenigstens kann man in den Staaten ein Zuchthaus antreffen, welchen es nie an einer entsprechenden Bevölkerung fehlt, — Millionen Krieger stehen im christlichen Europa das Gewehr im Arme, man entlasse sie 3 Wochen, und die Erde empfängt die Bluttaufe. Nachdem nun Jesus auch den Heiden das Himmelreich geöffnet, himmlische Freiheit und Gleichheit verkündet, und ihnen den Weg dahin gezeigt hatte, belehrte er sie auch, daß das Bürgerrecht in jenem Reiche erkauft sein will, nannte ihnen die Münze die dort nur geltet, und die den Preis jenes unschätzbaren Bürgerrechts ausmacht. Ans den mosaischen Gesetzen entnahm er das gediegene edle Erz, gab ihm das deutlichste Gepräge und die Legirung, wie cs für die nothwendig war, unter welche es als Mittel zu jenem kostbaren Erwerbe in Zirkulation gesetzt werden sollte. Geschichte -es Tages. „Mit neuer Hoffnung (heißt es in der erwähnten Petition der Hildburghäuser Israeliten)*) beseelt uns jetzt der Zusammentritt eines neuen Landtags, und wir wenden uns mit innigem Vertrauen an Eine hohe Ständeversammlung, um die hochwichtige Angelegenheit unserer Glaubensgenossen zur Sprache zu bringen. Wir hegen die feste Zuversicht, daß Hochdieselbe unsere Sache — die der schwachen Minderzahl, die, abwesend, sich nicht selbst vertreten kann, deren Vertheidigungsmittel nur das Recht, deren Fürsprecherin nur die Wahrheit ist — nicht für zu *) Siehe die vorige Nr.