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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-05-16 · Heft 31 (16.5.1841) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 31 (16.5.1841)
Date
1841-05-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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122 den Vorzug des Sittengesetzes vor dem positiven (gegen den allerdings in der Praxis herrschenden Mißbrauch) recht klar und bündig auszusprechen. — Es ist dieses ja nicht die einzige Stelle im N. T., die auf eine andere Weise, als das Wort lautet, gedeutet werden muß. So z. B.: „Aergert dich dein Auge, so reiß es aus. Es wird kein Reicher ins Himmelreich kommen. Ich bin nicht gekommen des Friedens, sondern des Schwertes halber. Aug fürAug u. s. w." Den stärksten Beweis aber, daß Jesus mit jenem Ausspruche die Speisegesetze nicht hat aufheben wollen — NB. für sich und die Israeliten — gibt Petrus. Bei ihm bedurfte es eines Gesichtes vom Himmel, um darzuthun, daß der Genuß gewisser Thiere nicht verunreinige. (Ap. Gesch. 10, 14.) Nach Jesus Ausspruche, Math. 19, 18, (entgegnet man weiter) wäre die Quintessenz seiner Lehre: „Du sollst nicht tödten, du sollst nicht re. und: liebe deinen Nächsten wie dich selbst; ferner daselbst 22, 37 — 39: Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott rc. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Hat aber dieses nicht schon Moses gesagt? „Aber im alten Test, stehen diese Lehren in Einer Rangordnung mit einer Menge untergeordneter Gesetze, temporeller und lokaler Verordnungen, und werden dort die höheren Gebote der Vernunft beeinträchtigt und ihre Wichtigkeit verkannt." . Es hat dieser oft gemachte Vorwurf freilich Manches für sich, aber es sprechen doch auch nicht wenige Stellen des A. T. zu laut für den großen Abstand der Vernunftsgesetze von den positiven, als daß diesem Vorwurfe irgend eine wichtige Folge gegeben werden dürfte; z. B. Ps. 15: Herr', wer wird in deinem Zelte wohnen? rc.; Ps. 24, 3. 6: Wer wird den Berg des Herrn ersteigen? rc.; das. 34, 13 — 14: Wer ist der Mann? rc. Bei keiner dieser Fragen steht als Antwort etwa mit aufgeführt: Wer kein Schweinefleisch ißt, wer Denkriemen wägt. u. s. w. Spr. Sal. 6, 16. 17: Sechs Dinge sind es, die dem Ewigen verhaßt, rc.; daselbst 21, 13. 21: Wer sein Ohr verstopft rc.; Jirmejah 23, 13: Wehe dem, der sein Haus mit Unrecht baut rc.; das. 9, 38: Nehmet euch in Acht rc.; Jeschajah 58, 6. 8: Lese die Fesseln der Bosheit rc.; Jcheskel 18, 7 — 9: Wer Menschen nie bedrückt rc.; Sacharjah 7, 9. 10: Fället ein gutes Unheil rc.; Hoschea2, 21.22; Ich verlobe mich Dir auf ewig rc. Doch wer kann sie alle zählen die herrlichen Worte, die jene gottbegeisterten Männer im Geiste der Lehre Moschehs sprachen, und alle haben nur tte Vernunftgesetze zum Gegenstände. Nur 4 Stellen in den Propheten sind mir bekannt, wo die Vernachlässigung der positiven Gesetze erwähnt wird; zwei derselben betreffen die Sabbathfeier, die andere das Speisegesetz. Jeschaja 56, 2.; das. 58, 13. 14; das. 65, 4. und als etwas Verdienstliches, wer solche Gesetze beobachtet. Jcheskel 4, 14. Aber auch nachdem der Mund der Propheten verstummt war, vergaß man solchen Unterschied nicht. — Die Schriftgelehrten lehrten es selbst und sehr eindringlich. So erzählt der Thalmud: Zu Schamai (dem Vorsteher einer Schule) kam ein Nichtisraelite und sprach „Mache mich zum Israeliten, während ich auf einem Fuße stehe;" dieser sties ihn weg. Er kam zu Hitlel (einem andern Vorsteher) mit demselben Anliegen „Alles was dir unangenehm wäre, laß auch deinen Nächsten nicht empfinden, das ist das ganze Gesetz, das Uebrige ist nur Commentar, geh nun laß dich unterrichten" so antwortete-ihm dieser. Eine der Lehren Jesu scheint allerdings neu und originell, und zwar das Gebot der Feindesliebe. Da dessen hauptsächlich in der Bergpredigt Erwähnung geschieht, und diese scheinbar einige Angriffe gegen die Autorität des A. T. enthält, so wollen wir etwas länger dabei verweilen. Denn wenn es in derselben heißt: Es steht geschrieben ihr habt gehört; so und so, ich aber rc.; so könnte wohl darunter verstanden werden — und cs geschieht von Vielen — als schließe das A. T. die edlere Deutung aus; aber nein, es schließt sie nicht aus, und Jesus wollte auch das nicht sagen, gewiß nicht. Nur zu denjenigen seiner Zeitgenossen und namentlich zu manchen der Schriftlehrer, die sich mehr am Worte hielten und den Geist verkannten, sprach er als richtiger Erklärer der heiligen Schrift das aus, was vielen anderen — dem besseren Theile des Volkes — schon bekannt war. Hat Jesajas die Neumond- und Festtagsfeier an sich getadelt und aufgehoben, weil er spricht: Eure Neumond und Festtagsfeier, ich hasse sie rc.? Auch er sprach nur gegen den Geist, in welchem sie gefeiert wurden. Nun aber zur Beleuchtung der einzelnen Stellen. Vers 21 „Ihr habt gehört, daß es bei den Alten hieß: Ihr sollt nicht tödten; ich aber sage euch: Jeder rc." Auch bei den jüdischen Gerichten vor Jesus wurden Jnjuriensachen gefchlichtet; die jüdischen Schriften, welche in ihrem Ursprünge älter als Jesus Zeitalter sind, oder welche aus seiner Zeit und etwas später stammen, bewahren uns manchen speciellen Fall dieser Art. Die edlere Deutung dieses Gebots leitet der Jsraelite übrigens aus der Stelle im 5. B. M. 27, 24: Verflucht, wer seinen Nächsten h e im lich schlägt. V. 27 „Ihr habt gehört, ihr sollt nicht ehebrechen, ich aber sage euch: wer auch nur eine Frau ansieht rc. Analog mit dieser Stelle heißt es im Thalmud: Wer auch nur den kleinen Finger einer Frau beschaut (in sinnlicher Lust) der hat den Tod verdient; ferner: die Stimme (Gesang) einer Frau ist schon Unzucht (der Orient, der in diesem Punkte keinen Spaß versteht, ist hier freilich nicht zu verkennen). — Was Jesu bei dieser Gelegenheit über den Scheidebrief spricht, und der darauf Bezug habende Dialog zwischen ihm und den Schriftgelehrten (Math. 19.) scheint allerdings für den Laien in den jüdischen religiösen Schriften, einen Beweis mehr, daß Jesus keinen Anstand genommen habe, mosaische Gesetze und Verordnungen aufzuheben, und doch liefert dieses gerade den kräftigsten Beweis für das Gegentheil. Der Scheidebrief und in wiefern er zuzulassen sei, war nicht minder bei den Schriftgelehrten selbst Gegenstand mehrfacher Diskussionen,

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