Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 30 (9.5.1841)
- Date
- 1841-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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119 dert Jahren einzeln darzustellen? Unstreitig hat die Natur der Sache einen Theil derselben mit sich gebracht, aber die Hauptrolle spielte der Fanatismus, den man bei den Völkern rege machte. — Sie stürzten sich wüthend auf waffenlose Menschen, die sie beschuldigten, ihren Gott getödtet zu haben, als wenn dieser Tod, den ihr Gott nicht vermeiden wollte und der, nach ihrer Lehre, unerläßlich für ihr eignes Wohl war, denen als Verbrechen angerechnet werden könnte, die nur als zerbrechliche Werkzeuge dienten! Es strömte ihr Blut, die Scheiterhaufen loderten; eine entsetzliche Knechtschaft, Schimpf und Schande, alle von Moses vorhergesagten und viele andere Uebel fielen auf sie. Wahrlich man gab ihnen einen seltsamen Beweis, daß die Zeiten des Messias gekommen seien, diese Zeiten der Glückseligkeit und des Friedens, wo Gewaltthätigkeit von der Erde vertrieben sein, wo jeglicher ohne Furcht unter seinem Weinstocke und seinem Feigenbäume ruhen und jedes Volk unter dem Banner seines Gottes, wie Israel im Namen Jehovahs, dahinschreiten wird! So viele Ungerechtigkeiten konnten sie nur in ihrer Meinung bestätigen, daß ihre Gegner nicht die wahren Diener der Vernunft wären; zugleich haben die relcgiösen Gebräuche, welche ihre Gelehrten vervielfältigten, um schon in der frühsten Jugend ihren Gemüthcrn tiefe Eindrücke mitzuthcilen; die Ueberzeugung, daß an allen Punkten der Erde viele ihrer Brüder sich fänden, die ihre Hoffnungen theilten; die Ehre, welche ihre Gegner selbst dem Andenken ihrer Vorfahren erwiesen, die geschriebene Vorhersagung aller Uebel, die auf ihnen lasteten; die Hoffnung einer künftigen Glückseligkeit, die alle Unbille der Gegenwart aufwöge, endlich der Anblick der traurigen Zwietracht und der fortwährenden Plagen, die unter den Völkern um sie her herrschten, ihr Dasein bis zur neuen Aera erhalten. Da traten die großen Worte: „Gerechtigkeit," „Menschlichkeit," „gemeinsame Rechte" und „Pflichten" in den Gedankengang Aller ein; da wurde der Wille, Alles gründlich zu untersuchen, und Alles, jeden Menschen, jedes Talent an die gebührende Stelle zu setzen, allgemein und sowie das christliche Gesetz, ursprünglich bestimmt, die edelsten Gefühle zu erregen, verkündete, daß es nicht gekommen sei, das jüdische Gesrtz zu vernichten, sondern um es zu erfüllen, weil es ihm zu sehr für äußere Bedürfnisse besorgt und zu sehr in Formen eingezwängt zu sein schien, so erschien auch die Philosophie, als ein drittes Gesetz, nicht um das Werk der alten Zeiten zu vernichten, sondern um es zu erfüllen, indem sie der Vernunft alle Entwicklungen ange- *) "Ihr sehet Euch von den Nachkommen derer umgeben, welche den Heiligen tödteten-Bewaffnet Euch daher, der Gewohnheit Eurer Vorfahren gemäß, mit Steinen und schleudert sie mit der Gnade Gottes auf die Juden," hieß es von der Kanzel herab. Siehe Depping, die Juden im Mittelalter S. 59. 60. D. U. deihen läßt, deren sie fähig ist, alle Menschen in ihre Sorgen einschließt und geschäftig ist für den allgemeinen Bund der Völker. Geschichte -es Tages. Schluß der Betrachtungen über Welt und Natur.*) "Unsere Erde wird fortkreisen; Reiche und Völker werden — wie das Meer der Geschichte mit seinen Wogen am Gestade der Ewigkeit fluthet und ebbt, steigen und fallen; die Bildungen der Natur und des Menschengeistes werden sich erschöpfen, die Meere verdunsten, und endlich, wenn vielleicht unser ausgetrockneter Erdball in seinen Phönirflammen auslodert, wird der Strahl jener Sonne anlangen, und in die Gluth dieses letzten Gerichtes mit hinein fallen. Wenn dann nach Jahrtausenden die neugeborne Erde sich wieder mit Wolken und Meer umhüllt, mit neuem Pflanzenwuchs umkleidet, und neue, in paradiesischen Buchten des Meeres geborne Menschen sich im Laufen und Lallen geübt haben, sprechen und schreiben, Sternwarten bauen und Teleskope schleifen können: wie werden sie jene Sonne nennen, die ein ihnen unbekanntes Menschengeschlecht nicht zu sehen bekam? Oder wird inzwischen auch jene Königin wieder ihren Thron verloren haben? Meine Phantasie erlahmt, ein Stück der Unendlichkeit auszumessen; mein Auge netzt sich. — Liebend und geliebt wiegt sich ein Leuchtkäferchen auf seinem Grashalm an dunkler, duftender Hecke, während in Fernen, die es nicht durchfliegen kann, ein feuerspeiender Berg flammt. Das Thierchen leuchtet nur durch und für seine kurze Sommerliebe: ist es aber ein anderes Feuer, als in jenen Sternen funkelt? Ist es eine andere Liebe, als die auch jene flammende Sonne entzündet hat? So bin ich denn wieder aus jener fchwindelbaren Weite der Schöpfung sanft herab an den warmen, grünen Rand der Tiefe des Lebens gesunken. Da wimmelt um mich her eine ganz andere, eigentlich erst seit Kurzem entdeckte Welt, und baut — möchte ich glauben - die ersten Stufen zu jener geheimnißvollen Tiefe. Es ist eine Schöpfung, die unserm Staunen über das Unermeßliche durch ein neues Staunen über das Unergründliche entgegen wirkt. Denn wenn uns bei der Vorstellung jenes unendlichen Raumes, beim Anblick jener leuchtenden Wohnungen von Geschöpfen unerforschlicher Art ein Gefühl eigner Nichtigkeit überkömmt: so belebt sich um mich her daS Stäubchen, der Wassertropfen mit Geschöpfen, die zu winzig für mein bloßes Auge sind. Lebende Wesen, mannichfach und gewiß so vollkommen, als fein organifirt, entdecken sich unter dem Sonnenmikroskop, — Thierchen, vieltausendmal kleiner, als ein Sandkorn, und die sich doch wieder zu den kleinsten, die das bewaffnete Auge noch zu entdecken vermag, wie Elephanten neben Mücken gebchrden. Man kömmt auf die Bermuthung, die Materie könnte sich so verdünnen, daß sie für unsere Sinne zu fein würde, und doch ein Element für Geschöpfe bliebe, die sich im Gefühl ihres Daseins groß genug bäuchten. •) S. die »orige Nr-