Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 28 (25.4.1841)
- Date
- 1841-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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111 her; die ihn mit ihrem: Rathe! rathe! ängstigen und necken, hinausspringt, um nach jenem Urgcheimniffe zu forschen, das ihn eigentlich nichts angeht. So stürmt er an den stummgebornen Kindern der Ewigkeit, die ihn mit dunkeln Augen anlächeln, vorüber, um nach ihrer Stammmutter zu fragen, die sich hinter ein unzugängliches Jenseits zurückgezogen hat. Die Natur freilich, indem sie uns tagtäglich umgiebt, nimmt einen Schein von Gemeinheit an; so daß der Menschengeist, im Bewußtseyn göttlicher Abstammung, und verdrießlich über die Zudringlichkeit der Sinnenwelt, gar bald nach deren Herkunft ftagt. Indem ihm aber ein unabweisliches Gefühl sagt, daß auch die Natur nicht eine Tochter des Zufalls, sondern eine Enkelin der Gottheit sey, drängt sich ihm das große Rathsel auf, — wie denn eine sinnlich-materielle Welt aus einem reingeistigen Wesen habe hervorgehen oder auch mittelbar abstammen können. Doch ich wollte ja nicht über den Ursprung der Schöpfung räthseln. — Ich frage nur nach dem innern Wesen der nächsten Geschöpfe, die mich frühlingig umgeben, nach dem allgemeinsamen Grunde, nach der eigentlichen Substanz der Dinge in der Welt, — ich ftage nach dem Leben. Und doch, — wer weiß, wie nah ich mit dieser Frage auch der Frage nach der Schöpfung bin! Wenn ich mir nämlich das Leben nur als ein ewig einiges, ewig ursprüngliches, ein alterndes denken darf; so finde ich mich vor jedem eben entstandenen Wesen im Grunde genommen am Ursprünge der Schöpfung. Jedes Einzelwesen entsteht, wenn auch durch andere Vermittlung, doch seinem Grunde nach so unmittelbar, als die erste Schöpfung der materiellen Dinge selbst aus dem Leben, oder soll ich sagen, aus dem Lebensgeiste? Denn geistartig und dem Wesen Gottes ähnlich muß ich mir das Leben denken. Jede lebendige Erscheinung, die der Naturforscher ergründet, lehrt uns ja, daß die Materien, die wir mit unfern Sinnen fassen, nur die Masken, die Einkleidungen des Lebens sind. Also — was ist das Leben? An diese Frage bin ich gewiesen, wenn ich nach dem Ursprung der Dinge forsche. Das Leben liegt allen individuellen Wesen zu Grunde, und doch — wie verschieden sind diese nicht! Ich lebe, und das auf Sonnenstrahlen tanzende Mückchen lebt. Ist uns beiden denn ein und dasselbe Leben gemein? — Ohne Zweifel! Denn das Leben in seinem Grunde kann nur eine Einheit sepn; die ganze Welt kann nur ein gemeinsames Leben haben, wie es nur Eine Gottheit giebt, aus der das Leben hervorgegangen und der es geistig ähnlich ist. — Wodurch werden nun aber die aus demselben Leben hervorgehenden Wesen unter sich so verschieden? Vielleicht durch ihre so verschiedenen Seelen? Und wäre das, — wie verhalten sich denn die Seelen zum Leben? Einmal muß ich mich doch hierüber klar machen! Wie oft habe ich vor diesem Abgrunde geschwindelt, der nach der innern Seite des Weltalls führt. Ein Schauer trieb mich immer zurück, ähnlich der Beklemmung, die mich oft einen Schacht zu befahren abhielt. Ich rannte dann, entsetzt vor der schwarzen Tiefe, die sich über mich erheben wollte, nach der nächsten Höhe, und breitete meine Arme nach der weiten, sonnigen Landschaft unter mir aus. Und so kann ich auch jetzt, da ich in die Geheimnisse des Lebens steigen will, nicht umhin, erst noch einmal, mit einem flüchtigen Blicke nach dem Umfang des Weltalls aufzuathmen, I das aus dem allgemeinsamen Leben hervor gegangen ist. Ich I darf mir nicht verhehlen, daß das Leben gewiß nicht weniger tief sey, als es umfassend ist. Und wenn für den sinnlichen Umfang der Welt keine Maßstäbe zureichen sollten, wie wird man den geistigen Abgrund ermessen können? — Gewiß find die Schriftgelehrten der Kabbala, die bei ihrer Erklärung der Schöpfung — das allverbreitete Gottheitslicht aus einander rücken lassen, um für eine Schöpfung Raum zu gewinnen, zu dieser Vorstellung durch den Anblick der Sterne in den heitern Nächten eines südlichen Himmels gekommen, wo jene Forscher über den fernsten Raumen einen matten Lichtschimmer wahrnehmen konnten. Aus demselben Lichte scheinen die Firsterne zusammen geballt, und die Sternbilder, wie Kronleuchter aus schimmernden Decken, herab zu hangen. Jene Decken bloßen Lichtes über unermeßbaren Fernen — sind es etwa die goldenen Fransen am Thronteppich der Gottheit? Ist es der Vorhang, der die Welten der Schöpfung vom Allerheiligsten trennt? Oder ist es der Lichtstoff, in welchem sich die unvollendete Schöpfung fortsetzt, und Sonncn-Systeme bildet, die selbst für unsere Vorstellung von Raum und Ferne zu hoch Denn weißt du auch, verwegenes Auge, wie weit her jene Lichtschimmer kommen, die du doch nur mit dem besten Fernrohr wahrnimmst? — Keiner, der auch die Richtigkeit der astronomischen Messungen bezweifelt, mag doch in Abrede stellen, daß die Welt unendlich sey. Denn ein in den Raum gebannter Geist kann sich keine Grenze des Raums denken, ohne zu fragen, was jenseit dieser Grenze liege. Und muß er dann von einer allmächtigen Gottheit nicht annehmen, daß sie auch den ganzen Raum mit Schöpfung erfülle? Nun, so nimm denn einmal deine Parallaxe im Begriff der Unendlichkeit und miß mit der Phantasie! - * (Fortsetzung folgt.) Die Anzahl der Israeliten in Constantinopel soll sich jetzt auf 60,000 belaufen. Sie sind theils Handwerker aller Art, deren Bedürfnisse wieder von andern jüdischen Handwerkern, als Maurer, Zimmerer, Schmiede, Bäcker u. a. beschafft werden (einige Gewerke, wie Diamant- und Glasschleifen werden nur von Israeliten betrieben), theils Mäkler der christlichen Kaufleute, und außerdem Händler aller Art. Sie müssen blaue Schuhe tragen, wie die Griechen schwarze, die Armenier rothe, die Türken allein gelbe. Sie sind ferner angewiesen, dunkle Gewänder zu tragen. Sämmtliche Israeliten Konstautinopels stehen unter einem Chacham-Daschi, den sie zum Unterschiede von den untergeordneten Ehachams Chacham hakolel nennen. Derselbe repräsentirt die Gemeinde bei der hohen Pforte, zieht den Haradsch ein und übt die Gerichtsbarkeit bis auf Leben und Tod in religiösen und bürgerlichen Dingen zwischen Juden, doch wenden sich auch Christen in Rechtssachen mit Juden am liebsten an ihn, da er seit Jahrhunderten im Rufe der Unparthcilichkeit gegen seine Glaubensgenossen steht; sein Ausspruch ist unumstößlich, Bastonade crtheilt er nach Gutdünken. Ihm sind von der Pforte zwei Gensd'armen, Karaffen, zugegeben, um seinen Willen auszuführen, und kann er immer noch mehr Hülfe in Anspruch nehmen. Er ist Pfortenbeamter, hat den amtlichen Orden, und wird von der Pforte den Patriar-