Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 28 (25.4.1841)
- Date
- 1841-04-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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112 chen der Raja's ganz gleich gestellt, ja wenn diese zu Hofe gezogen werden, hat er den Vorrang vor den christlichen Patriarchen und erhält die erste Pfeife. Aus Ungarn melden öffentliche Blätter: Bei der befohlenen Rekrutenaushebung zeigen sich die Bürger vieler Städte ungeneigt, ihre Söhne zu den Waffenzu stellen; hingegen erscheinen die Juden überall sehr bereitwillig. Da muß es um so mehr einen betrübenden Eindruck machen, was die Leipz. Allg. Ztg. aus der Hauptstadt Böhmens berichtet: „Bei uns darf, wie Sie wissen, der Jude nicht in der Christenstadt wohnen, sondern die israelitische Bevölkerung ist in den engsten Straßen des Judenviertels zusammengedrängt. Was nun natürlicher, als daß der, welcher es nur einigermaßen bestreiten kann, sich im Sommer eine Landwohnung sucht, was leicht in Bubentsch geschieht, dem den Baumgarten umgebenden Dorfe, das unter oberstburggräflicher Jurisdiction steht. Nun fordert man von jedem Juden, der hinausziehen will, eine Steuer von 20 — 40 fl. C. M. Aber auch in den anderen Umgebungen Prags, die unter Jnrisdiction des Weinbergamtes stehen, soll diese Steuer eingeführt werden. So sehr diese Mittheilung bei unfern deutschen Nachbarn Beftemden erregen mag, so müssen wir doch leider versichern, daß diese Maßregel eine natürliche Folge der Art und Weise ist, in der hier zu Lande Judenangelegenheiten behandelt werden. Noch heutzutage sind nämlich die Juden, wie vor Jahrhunderten eine Geldquelle für den Staat. Auf die Wohlhabenden unter ihnen, ist es auch bei dieser Verordnung wieder abgesehen. Ob sie die Resignation haben werden, den Sommer über lieber in der dumpfen Judenstadt zu bleiben, als sich der erniedrigenden Steuer zu unterziehen, steht dahin, doch ist dies bei der Genußsucht der Mehrzahl wohl nicht eben zweifelhaft." — „Mein Gott! (schreibt ein Franzose an den Redakteur der Aich. Isr.) ist es wahr, daß unsere Synagoge, diese brave Tochter der Consistorien, welche bis jetzt so wenig hat von sich sprechen lassen, auch nicht der allgemeinen Ansteckung entfliehen konnte, auch zu rufen anfing: Es lebe die Reform! Ich weiß wohl, daß auch hier mit gutem Gewissen Manches geschehen kann, aber genau erwogen, womit fängt man an? Wohin wendet man sich? Auf welche Elemente richtet man seine Thätigkeit? Der berühmte Verfasser der Charte hatte einst folgende tiefe Wahrheit verkündet: „Wenn man Hasenpfeffer haben will, muß man damit anfangen, einen Hasen zu fangen." Nun so sagen Sie mir, ich bitte Sie, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, was wird sich reformiren lassen und wer wird die Rolle eines Reformators übernehmen? Denn ich denke nicht, daß unsere Luther im Kleinen, es mit der Reform der israelitischen Religion wiejener Arzt machen wollen, welcher den Kranken von seinen Schmerzen befreite, indem er ihn systematisch tödtete. — Sie fangen schon an,' mich weit zurück und außerordentlich retrogad zu finden; aber nur ein wenig Geduld, und Sie werden sehen, ob ich diese zwei Epitheten des modernen Dictionärs verdiene. Das steht einmal als feste Regel da: die Religion, das Gefühl der Zukunft, kann nicht anders erhalten werden, als durch die Hoffnung, wie der Diamant nicht anders als mit dem Diamant geschnitten werden kann. Wenn man denn den israelitischen Glauben wieder beseelen und die in so vielen Gemüthern erstickte und erstorbene Hoffnung wieder beleben könnte, so würde ich selbst zur Reform sagen: Gehe! beschneide die Schmarotzer- Zweige, nimm dieses todte Fleisch von dem Krebs der Vorurthcile weg, belebe den schwächsten Funken inmitten so vieler kalt gewordenen Asche, und wir werden, sey es auch um den Preis eines ganzen Lebens voller Arbeit, sehen, womit die Flamme unseres alten Glaubens wieder angefacht werden könne. Aber, ach! wozu dienen unsere Anstrengungen? In welchen Herzen werden wir Wiederklang finden. (Fortsetzung folgt.) Der Rabbi von Bacherach. *) Unterhalb des Rheingaues, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen mit ihren abentheuerlicheu Burgruinen sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporstcigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstere uralte Stadt Bächarach. Nicht immer waren so morsch unv so verfallen die Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinven Wartthürmchen, ui deren Lucken der Wind pfeift und die Spatzen nisten, in diesen armselig häßlichen Lchmgassen, die man durch das zerissene Thor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gaffen bewegte sich fteies, frischesLeben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählig verdrängte Körperschaft war die kleine Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bach'erach sich niedergelassen und späterhin, während der großen Judenverfolgung, ganze Schaaren flüchtiger Glaubensbrüder in sich ausgenommen hatte. — Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wüthete am grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andere öffentliche Unglück, durch die Juden entstanden seyn sollte, indem man behauptete, sie hätten den Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hülfe der Aussätzigen die Brunnen vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten, halbnackte Männer und Weiber, die zur Buße sich selbst geißelnd und ein tolles Marienlied singend, die Rhcingegend und das übrige Süddeutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, das war das läppische in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Mährchen: daß die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen, bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihren Paschafeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichthums und ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kindermordes verbreiteten, vielleicht gar einen blutigen Kinverleichnam in das verfehmte HauS eines Juden heimlich hineinschwärzten, und dort nächtlich die betende Judenfamilie überfielen; wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und große Wunder geschahen, durch das Vorgefundene todte Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisirte. (Fortsetzung folgt.) *) Aus dem neuesten Bande des Salon von H. Heine. Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandlung zu Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druek von Döll und Schaffer in Kassel.