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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-04-25 · Heft 28 (25.4.1841) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 28 (25.4.1841)
Date
1841-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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110 und Kraft, die hierauf zu verwenden, für verloren achten muß. In der That, Befangenheit und Ungründlichkeit des Urtheils ist hier unvermeidlich, während man bei dem Rabbinen der alten Weise aus bereits angedeuteten Gründen, der unverdrossensten Erwägung, des gründlichsten allein innerhalb des jüdisch-religiösen Gebiets geschöpften, ungetrübten Urtheils vollkommen gewiß ist." Auch in diesem Raisonnement müssen wir den Hauptpunkt, daß der wissenschaftlich gebildete Rabbine der Neuzeit den erwähnten rituellen Theil seines Berufes allen inneren Werth abspreche und ihn daher nur mit Widerwillen betreibe, für unbegründet erklären. Ein tieferer Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt nämlich, daß die höhere Hand, welche unser Geschlecht erzieht, dieses stets auf natürlichem Wege bewirkt, auf dem Wege, welchen die von ihr selbst dem Leben gegebenen Gesetze bedingen. Darum macht denn auch die Geschichte der Menschheit eben so wenig Sprünge als die Geschichte der Natur, und wie da alles allmählig sich gestaltet, eine Blüthe an die andere sich ansetzt, also auch hier. Es beurtheilt darunr auch der die menschlichen Zustände nicht historisch, welcher, indem er lediglich den Maaßstab des Idealen an sie legt, vergißt, daß das Ideal nirgends in seiner Reinheit angetroffen wird, sondern sich erst aus dem ihm nothwendig beigegebenen geschichtlichen und natürlichen Zuständen zu entwickeln hat. So, um nur ein Beispiel zu erwähnen, würde man einen großen historischen Fehler begehen, wenn man das Mittelalter verachten wollte, weil es nicht die erleuchtete Religiosität unserer Tage besaß, weil es sich einer mystischen, schwärmerischen Richtung überließ. Die Zustände, aus welchen es hervorging, machten diese Richtung natürlich nothwendig und deshalb war sie auch die allein heilsame, diejenige, welche am besten geeignet war, den religiösen Fond der Menschheit zu erhalten und ihn zum weiteren Anbau der Nachwelt zu überliefern. Jene Wahrheit, welche die Geschichte fast auf jedem Blatte predigt, muß demnach jeder vor Augen haben, der auf die weitere Entwickelung der Menschheit segensreich einwirken will; diese Einwirkung muß durchaus eine organische seyn, weder der Diener des Staates, noch der der Kirche, darf die höheren Ideen, zu welcher die Wissenschaft ihn erhoben, unmittelbar in's Leben entführen wollen, sondern dazu müssen die bestehenden Zustände und Ansichten ihm als Mittel dienen, an sie muß er anknüpfen, aus ihnen heraus muß er das Bessere entwickeln, auf die Gegenwart muß er die Zukunft stützen, wie jene sich wieder an die Vergangenheit lehnt. Das sehen wir auch tagtäglich. Der verständige Staatsmann ist eben so weit entfernt, die öffentlichen Zustände urplötzlich nach seinen Ideen umzuschaffen, als der verständige Diener der Kirche es wagen würde, die religiöse Ansicht, die sich ihm vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dargeboten, ohne Weiteres seiner mehr auf dem gläubigen Standpunkte sich befindenden Gemeinde als die allein wahre zu verkünden; sondern wie jener in dem geschichtlich gebildeten Zustande ein Gegebenes, ein von dem Weltengeiste Geoffenbartes erblickt, so sieht dieser in der Religionsansicht der Gemeinde ebenfalls ein geschichtliches Heiligthum, ein durch die natürlichen Gesetze der menschlichen Fortbildung Gewordenes, das er gleichfalls nur geschichtlich weiter bilden, nur auf dem von der Natur vorgezeichncten organischen Wege zu einer höheren Vollendung führen kann. In gleichem Falle befindet sich der erleuchtete Rabbine der Gegenwart *) Der religiöse Standpunkt, auf welchem vielleicht noch ein großer Theil seiner Gemeinde steht, ihr Festhalten an kleinlichen rituellen Vorschriften, ist ihm nicht etwas, dem aller innerer Werth abgeht, auf welches er gar mit Hohn herabblicken dürfte, sondern ein durch die geschichtlich nothwendige religiöse Anschauung der Vorzeit Gewordenes, durch welches der Kern der Religion für die spätere Zeit erhalten ward, und das noch jetzt, so lange ihm jene Anschauung zu Grunde liegt, ein großer Träger des sittlich religiösen Lebens der Gemeinde bildet. Weit entfernt, den hierauf gerichteten Theil seiner amtlichen Thätigkeit im Stillen mit Geringschätzung zu betrachten, sieht er in ihm noch zur Zeit ein Mittel zur Erhaltung des sittlich-religiösen Geistes seiner Gemeinde, bis dieser nicht mehr jener Stütze bedarf, sondern eine edlere, in einer höheren religiösen Ueberzeugung gefunden haben wird, die die Zeitbildung und das weise Wirken des Volkslehrers doch nach und nach in ihrem Schooße herorrufen werden. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Fortsetzung der Betrachtungen über Natur und Welt. **) "Seltsam! Die Natur umgiebt uns so nah und warm mit ihrer Pracht und Fülle, jedes Stäubchen, jede Regung, ist so voll Geheimniß, daß es sich kaum erklären läßt, wie der Mensch so gern den Zustand vor der Schöpfung und diese selbst in ihrem Ursprünge zum Gegenstand seines Nachdenkens machen mochte. Man sagt, mit dem Neichthum wachse die Habsucht: so scheint der Mensch wirklich auch als Forscher, der mehr hat, als er nur zu zählen, viel weniger zu fassen vermag, grade nach dem zu dürsten, was ihm gar nicht gereicht werden kann. Doch, vielleicht sollte dieser Durst nach dem Ursprung der Lebensquelle, diese Wißbegierde nach dem Anfänge der Schöpfung für ein Merkmal des menschlichen Adels gelten, der sich von Seite des Vaters für älter als die materiel-mütterliche Schöpfung hält. Vielleicht ist es auch nur eine Verlegenhett, eine Verzweiflung aus welcher der Mensch über die unzähligen Geheinnisse um ihn *) Man vergleiche hieinit den Aussatz: der Schriftsteller und der Rabbiner im dritten Hefte, Band IV. der Geigerschen Zeitschrift. **) S. die vorige Nr.

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