Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 27 (18.4.1841)
- Date
- 1841-04-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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107 meinen Aufsatz Lehre und Leben des frommen Israeliten in Controverse treten möchte, so wenig kann ich seine Bemerkungen gegen denselben als eine genügende Grundlage annehmen, denn ersetzt mir nur ferne Ueberzeugungen aber keine Gründe entgegen, indeß die zwei letzten Theile meines Schulchan-aruch, der Chisuk häthorah und der Dorsche haddoroth, in welchen ich meine Ideen hinreichend begründet zw haben glaube, noch keine Widerlegung gefunden haben, weder im Ganzen noch in einzelnen Theilen. Ich habe mit Kraft angegriffen und bin auch kräftiger Gegenangriffe gewärtig; aber mit wirkungslosen Plänkeleien will ich mich nicht ermüden lassen. Meine 32 Thesen über den Thalmud liegen allen meinen übrigen Schriften zu Grund, und die prägnantesten unter ihnen haben besonders im Chisuk hathorah die nöthige Begründung erhalten. Diese möge Hr. Heß, wenn er den Handschuh aufzuheben gesonnen ist, der Reihe nach mit Strenge prüfen und dieses Blatt oder den Zion, zum Kampfplatz wählen! Ich werde ihm mit aller Achtung zu Rede stehn, die man einem aufrichtigen Gegner schuldig ist. M. Creizenach. Geschichte -es Tages. Eine hohe Stelle in der Tagesgeschichte nimmt unstreitig die tiefere Naturanschauung ein, durch welche die neuere Zeit sich auszeichnet und die auf die Erweiterung der unmittelbaren religiösen Ansicht selbst einen so großen Einfluß übt'; daher wir es uns auch nicht versagen können, folgende tiefsinnige Betrachtungen über Natur und Welt, welche eine neue Schrift enthält, in die Spalten unseres Blattes überzutragen, obgleich wir (und gewiß auch viele unserer Leser) mit Einzelnem nicht einverstanden sind: „Wie lachend baut dies Landvolk den geheimnißvollen Boden an, überden ich heute, vonFrühlingswehmuthbewegt, andächtig hinwandelte! Ermüdet bin ich heimgekehrt, und besinne mich auf die Fragen, die sich in meinem Herzen regen. Der Landmann berechnet, was ihm die Natur an Halmen und Aesten, an Wurzeln und Ranken bereitet. Zch möchte verstehen, was sie in den Kammern der Quellen, in den Hallen der Winde, in den Sprossen der Gewächse, in den Trieben der Thiere offenbaret. — Heute, als ich am Waldborne saß, und gedankenvoll die hellen Bläschen und Wellchen heraufspnrdeln sah, wurde ich ans einmal aus meinen Träumen bei der Frage munter, — ob man nicht aus bloßer Naturbeobachtung die Wahrheiten schöpfen könne, die der religiöse Mensch nicht entbehren mag. Ob uns die Natur nicht auch Glaube, Liebe und Hoffnung lehre. — Die Natur ist eine Offenbarung, die in ihren regelmäßigen Wiederholungen ihre eigne Tradition wird, und keines unfehlbaren Stellvertreters bedarf. — Wie glücklich, wenn man einen schönen Sommer lang von all' dem Hader nichts hörte, mit welchem die Gläubigen hungrig über den abgebrühten Hülsen der Offenbarung liegen. — Allein ich habe mich nicht tief genug mit dir bekannt gemacht, schweigsam blickende, stumm winkende Natur! Ich will mich auf Alles besinnen, was fromme Forscher von dir herausgebracht haben. An deinen Lippen hangen die Menschenkinder, und können deine schenkenden, bescherenden Hände nicht entbehren. Ich will auch deine Wimper, deinen Athem belauschen, und errathen, was du sinnest. Sey mir hold, Natur! Zch vertraue dir. Begegne mir am Tage mit deinen Zeichen, und sey mir am Feierabende mit deinen heiligen Zuflüsterungen nahe! Woher diese Fülle des Lebens, die in mehr oder weniger vollkommener Gestalt aus dem Boden, aus Stauden und Stämmen, aus dem Ei der Turteltaube und aus dem Schooße der Mutter hervor bricht? So könnte ich denn die Unzahl der Erscheinungen mit der einen Frage znsammenfaffen, — woher sie kommen? Doch muß ich wohldem Einzelnen nachgehen, wenn ich finden will, woher Alles kömmt. Wie ich aber das Einzelne genauer ansehe, fällt es mir auf, daß jedes Lebende — ein Einzelall ist, wenn ich nämlich mit diesem Worte andeuten darf, daß ein Wesen, eigenthümlich und untheilbar für sich, nach den Gesetzen der Welt als ein Verein von Weltkrästeu und als Abbild der Entwicklung des Alls besteht. Da halte ich denn vor dem Geheimnisse der Individualität! Jedes lebende Wesen ist ein für sich bestehendes, für sich abgeschlossenes, zuerst um seinetwillen vorhandenes; es ist ein Ich. Es besitzt die allgemeinen Kräfte des Lebens auf eine ihm eigene Weise, in einer ihm eignen Verbindung, aus einem ihm eigenen Mittelpunkt. Es hat eine Seele, mit der cs sich aufrecht hält und eigens entwickelt mitten in der Anfechtung und Uebergewalt der allgemeinen Weltkräfte, die alles Seelenlose zerstören und verwandeln. Die Seele ist es also, die das Individuum in seinem kleinen materiellen Gebiete souverain macht, und solch ein lebendiges Einzelall dem Weltall ebenbürtig gegenüber stellt. Viele glauben, der Antheil eines lebendigen Wesens an. der Sinnenwelt, seine sinnliche Abgrenzug mache es zum Individuum. Ze aufmerksamer man aber die Stufen der Entwicklung der Individualität von den einfachsten Organismen bis hinauf zum Menschen durchgeht; desto unverkennbarer wird es, daß indem Grade, als die Seele eines Wesens freier und umfassender wird, auch dessen Individualität entschiedener hervortritt. Auch in der Menschengattung, wo die Individualität sich zur Persönlichkeit verklärt, werden mit der geistigen Bildung sogar die Physiognomien rnannichfaltiger und sprechender. So scheint der Geist selbst auf dem Wege irdischer Verwandlungen individuell zu werden, und Persönlichkeit das Ziel der Schöpfung zu seyn. Wie geneigt sind wir nicht, hierin unsere Würde und unsere ewige Hoffnung zu finden! Weniger aber denken wir daran, hiernach auch die sittliche, die sociale und religiöse Aufgabe unseres Erdendaseyns zu bestimmen. Doch, ich darf die Bedeutung und das Geheimnis der Individualität hier noch nicht weiter verfolgen. Ich komme zu weit von meiner Frage nach dem Woher der mich umgebenden Erscheinungen ab.. Ich kann jetzt das Individuuin nur als den Mittelpunkt betrachten, in welchem sich zwei Unendlichkeiten berühren. Die Bestandtheile seiner Sinnlichkeit gehören einem unermeßlichen Weltgcbiete an, die Kraft seines übersinnlichen Bestandes rührt aus einer unergründlichen Tiefe her. Za, welches der in die Sinnenwelt herausgetretenen Einzelwesen ich auch anfaffe, — sey es eine Schlüsselblume, wie diese hier am Bach gebrochene, die auf dem Fenstersimse welkt, sey es jener Säugling, der an der Mutterbrust gedeihen mag: immer finde ich mich