Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 26 (4.4.1841)
- Date
- 1841-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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104 »Ja, unsere Mitternacht wird Mittag fepa, wenn zwischen Mensch und Bürger, zwischen Bürger und Glaubensgenossen kein Unterschied mehr stattfindet, wen» wir Alle als wahr erkannt haben, daß »wir Alle Einen Bat« Hab«, der uns Alle erschaffen.» »Unsere Schulen, Synagogen und Kirchen müssen der Himmel sehn, an dem der Morgen der Vernunft heranbricht; ihnen liegt eS ob, im dankbaren Schauen auf die Weisheit unserer Fürsten Licht zu verbreiten unter den Menschen, Licht, womtt wir alles Gute und Beseeligende bezeichnten, was Geist und Herz erhebt, stärkt und erquickt. Sollen die Menschen erleuchtet, sollen dem Volke wahre Begriffe vom Guten und Bösen, Recht und Unrecht, von Gott, Menschenwohl und Menschenwürde beigebracht, soll es von Unglauben, von Aberglauben, Scheinheiligkett und Zeremoniendienst fern gehalten, und so dem Staate ein starkes Geschlecht erzogen werden, so pflanzet die Religion in die Herzen der Jugend; sagt ihr, Lehrer und Seelsorger, daß Religion nicht in Formen bestehe, daß fie einzig dazu diene, das Leben der Menschen zu bessern, ihre Herzen zu reinigen, alle moralischen Pflichten dem Gemüthe tiefer und fester einzudrücken und den Gehorsam gegen die Gesetze und die Obrigkeit zu befestigen. Welcher Religionsparthei wir auch angehören, stets sollen wir darauf denken, daß die ächten Pflichten der Religion nicht aus menschlichen Anstatten hergeleitet werden können, daß ein rechtschaffenes Herz der wirkliche Tempel der Gottheit ist, daß in jedem Lande und unter den Bekenner» jeglicher Religion, Gott über Alles und seinen Nächsten wie fich selbst zu lieben, die Summe des Gesetzes sey, daß es keinen Glauben gäbe, der von den Pflichten gegen das Sittengesetz losbindet." In ähnlicher Weise spricht fich Geiger in feinem Festvortrage aus: «Wohl ziemt uns (ruft er) der Jubel, wie er hier aus dem Herzen dringt; denn der König weiß, daß des Staates Kraft in geistiger Freiheit, in der Reife und Mündigkeit der Unterthanen, in dem kräftigen Volksbewußtseyn besteht, und er will diese Güter fördern. Auch hier will er, was seine Ahnen ihm vererbt haben, wahren und mehren. Wie einst der große Friedrich zu seiner Zeit dem innern Leben des Volkes einen mächtigen Aufschwung gegeben, wie Friedrich Wilhelm Hl. der Städte und Provinzen freie Berathung gewollt und fie mtt hinzugezogen zu den Beschlußnahmen über ihre Angelegenheiten, also will auch Friedrich Wilhelm IV. dem Volke ein noch innigeres Bewußtfepn, dem Staate einen noch lebendigeren Geist einhauchen. Er weiß, daß auch in dieser Beziehung das Wort gilt: NJPpTT KITD^D pya Njni>n "die Regierung auf Erden . ist ähnlich der Regierung im Himmel;« wie es von dieser heißt: 'P'Dtf nNTn pn ll'QLk 'Tn *?nn "Alles ist in Gottes Gewalt außer der Gottesfurcht,» außer des Menschen freiem Willen, der selbst sich entschließen solle, in freiem Gehorsame Gotte fich zu unterwerfen, also sep auch auf Erden der Gehorsam aus Ueberzeugung fich entwickelnd. 'Der König will nicht über Sklaven herrschen, des freien Mannes Treue — das weiß er bietet allein Sicherheit und Schutz dem Throne.» „Drum jubeln wir, und den Namen unseres Gottes werden wir voran als Fahne tragen dürfen. Denn wo in der Gegenwart auch der Gesichtskreis noch umhüllt und verdüstert ist, da wird die Zukunft, eine nahe Zukunft, die Wolken theilen und die Helle Sonne der Freundlichkeit fich durchringea. Wohl schmerzt es uns, daß heute, am Freudentage, wo jedes Bekenntatß in seinen Vertretern -intritt vor den König, um die Glückwüsche und das Gelöbniß der Treue ihm darzubringen, wir daheimbleiben müssen, unser Bekenntniß nicht als anerkannte religiöse Gemeinschaft begründend im Namen des Glaubens Segen erfleht und Treue schwört vor dem Angesichte des Herrschers. Nicht als bedürfte es eines ausgesprochenen! Gelöbnisses; wir alle, die wir zahlreich hier versammelt find, geloben die Treue hier, im Gotteshause, feierlich im Herzen, und wozu bedürfte es auch des Ausspruches? p “)^D }TltpO „man braucht dem Könige, der des Königs Sohn ist, nicht zu huldigen«, wie wir dem Vorfahren treu waren, also auch gehorsamen wir dem Nachfolger mit Herz und Seele. Aber daß wir nicht als Juden dem geliebten Herrscher Angesicht zu Angesicht entgegentreten dürfen, daß unsere heiligsten Gefühle, die Liebe zu König und Vaterlande und die Liebe zum ererbten Glauben, noch nicht ganz mit einander versöhnt find, das ist es, was einen Tropfen Wermutin den schäumenden Kelch der Freude gießt. Aber dennoch jubeln wir, denn balv werden wir den Namen unseres Gottes ftei einher als Zahnes tragen dürfen; die Fahne wird nicht umflort seyn, wird sich nicht verstecken müssen. Ja, der Sinn unseres Königs bürgt uns dafür — und darum jubeln wir heute um so mehr — daß er nicht bloß die Schmach von unscrm Glauben wälzen, nicht bloß den Wahn wegweisen wird, als ob höhere Bildung, höhere Stellung im Staate fich nicht vertrage mit dem Judenthume; nein, er wird auch unfern Glauben aufnehmen als einen im Staate berechtigten. Nicht fürder wird unser Glaube mehr sepn ein bloß geduldeter; unsere Gotteshäuser werden fich nicht mehr verbergen müssen, fie werden hervortreten auf die Straßen, unsere Angelegenheiten werden überwacht, unser Gemeiudewesen in das gesammte Staatsleben eingereiht, unsere Geistlichen als Lehrer der Religion anerkannt werden." — „Friedrich der Große wies die GlaubenSwuth in ihre Schranken, er bannte die Willkühr, die den Juden von Haus und Hof trieb, er beschwor den blinden Haß, er duldete uns. Friedrich Wilhelm der Zweite bestätigte Stiftungen und Gesellschaften, die unserer Gemeinde Bürgschaften für ihr Bestehen gaben*), er errichtete die erste jüdische Anstalt**), der ein großer Theil des jetzt hier lebenden Geschlechtes seine geistige Bildung verdantt. Friedrich Wilhelm III. nahm uns auf als Unterthanen, die ebenbürtig dastehn in jeder bürgerlichen Beziehung, n erhob uns von Sklaven zu fteien Männern, von Fremdlingen zu Einwohnern, von Schützlingen zu Bürgern. Friedrich Wilhelm der Vierte wird einen Schritt weiter thun; er wird den ganzen Unterschied zwischen Unterthanen jüdischen und anderen Bekenntnisses in allen Angelegenheiten des staatlichen Lebens vergessen und verwischen, er wird unfern Glauben als einen dem religiösen Gehalte des Staats mit angehorigen anerkennen, achten und ihm Achtung verschaffen." Möchten diese Wünsche, welche die zwei würdigsten Rabbinen Preußens vor Gott aussprachen, ihrer Erfüllung nahe sepn. Möchte Preußens Regierung bald durch die That beweisen, daß *) Er gab der Lranken-BerpflegungS- und Beerdigungs-Gesellschaft OWHp fconn) die Rechte einer moralischen Person. **) Die königliche'Wilhelmsschulc.