Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-03-21 · Heft 24 (21.3.1841) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 24 (21.3.1841)
Date
1841-03-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2566752-2566777--0123-2567702
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 Ziel betrachten, auch Allem was dieser Veredlung hinderlich ist, was den Sinnen schmeichelt, aber das Herz vergiftet, mit noch mehr Eifer und Selbstverleugnung widerstehen werden. Ein anderer Vorwurf, den die Anhänger des starren Rabbinismus ihren Gegnern machen, und welchen auch Hr. Lowositz wiederholt, ist, daß die Letzteren den Rücksichten des geselligen Verkehrs und der Verbindung mit anderen Glaubensgenossen, sowie der Erlangung von Würden und Aemtern im Staate zu viel Werth beilegten und daher den Ernst und die Festigkeit in der Religion verleugneten. Dieser Vorwurf scheint mehr Wahrheit zu haben, aber er beruht auch auf ganz falschen Voraussetzungen. Es kann nämlich das Streben nach einem freundlicheren Verkehr mit anderen Religionsgenossen und nach einer ehrenvollen Thätigkeit im Staate, von einem niederen und einem höheren Standpunkte aus betrachtet werden. Im ersteren Falle sieht man in Beiden blos etwas Aeußeres, Materielles. Man hat nur das Angenehme, welches eine freiere Bewegung mit anderen Religionsgenossen bietet, sowie die Auszeichnung und den Rang, welche öffentliche Aemter gewähren, vor Augen. Im zweiten Falle aber sieht man in einem unbeschränkteren geselligen Verkehr mit anderen Religionsgenossen ein Mittel zur Annäherung an dieselben, ein Mittel zur Vermehrung der gegenseitigen Liebe, des gegenseitigen Wohlwollens zwischen Menschen und Menschen; im anderen Falle erblickt man in einer höheren Stellung im Staate ein Mittel zu größerem Wirken, zur gemeinnützigen Thätigkeit, zur seegensreicheren Anwendung der Kräfte, die uns der Schöpfer gegeben. Welcher Standpunkt der wichtigere sep, hängt wieder vom religiösen Standpunkte überhaupt ab. Der Rabbanite, welcher das sittliche Element, den rein-menschlichen Zweck der Religion nicht recht würdigt, wird auch die humane Bedeutung und das sittliche Gewicht, welches ein freundlicher geselliger Verkehr und eine größere Thätigkeit im Staate für den Israeliten hat, nicht zu schätzen wissen, während der Mosait von dem hohen Werthe beider durchdrungen seyn muß. Ja der letztere sieht mit Recht in diesem Momente eine neue Stütze für seine religiöse Ansicht; er sagt sich mit Recht, daß die entgegengesetzte, da sie die, welche sie festhalten, in den Augen eines jeden anderen Menschen nur lächerlich mache, auch nicht die wahre, auch nicht die von unserem göttlichen Gesetzgeber gelehrte seyn könne; denn dieser rief es ja mit deutlichen Worten seinem Volke zu: Ihr sollt erfüllen und beobachten dieses Gesetz, denn es ist euere Weisheit und euere Vernunft vor den Augen der Volker, die da vernehmen werden diese Gesetze und werden sprechen: Wie ist doch dieses Volk fv ivcife und so vernünftig (5. Mos. 4, 6 ); der Mosait sagt sich mit Recht, daß, hätte Gott die Verbrüderung der Israeliten mit andern Völkern und ihre Theilnahme an dem Gefammtleben derselben nicht gewollt, sondern sie nur zur strengen Ausübung des Zeremonialgcsetzes und darum zur Abgeschiedenheit von den übrigen Völkern verpflichtet, er ihnen auch die Bedingung derselben, ihr eignes Land Hätte erhalten müssen, daß er aber dadurch, daß er Israel unter die Völker geführt, es auch zur Annäherung an dieselben und gemeinschaftlich großem Wirken mit ihnen aufgefordert hat. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. Ein berühmter Schriftsteller, der die Frankfurter Judengaffe sah, äußerte darüber Folgendes: „In der That, die Häuser jener Straße sahen mich an, als wollten sie mir betrübsame Geschichten erzählen, Geschichten, die man wohl weiß, aber nicht wissen will, oder lieber vergäße, als daß man sie ins Gedächtniß zurückriefe. — So erinnere ich mich noch eines giebelhohen Hauses, dessen Kohlenschwärze um so greller hervorstach, da unter dem Fenster eine Reihe kreideweißer Talglichter hingen; der Eingang, zur Hälfte mit rostigen Eisenstangen vergittert, führte in eine dunkle Höhle, wo die Feuchtigkeit von den Wänden herabzurieseln schien, und aus dem Innern tönte ein näselnder, höchst sonderbarer Gesang. Die gebrochene Stimme schien die eines alten Mannes, und die Melodie wiegte sich in den sanftesten Klagelauten, die allmählig bis zum entsetzlichsten Zorne anschwollen. Was ist das für ein Lied? frug ich meinen Begleiter. „Es ist ein gutes Lied,„ antwortete dieser mit einem mürrischen Lachen, „ein lyrisches Meisterstück, das im diesjährigen Musenalmanach schwerlich seines Gleichen findet . . . Sie kennen es vielleicht in der deutschen Uebersetzung: Wir saßen an den Flüssen Babels, unsere Harfen hingen an den Trauerweiden u. s. w. Ein Prachtgedichtl und der alte Rabbi Chayim singt es sehr gut mit seiner zitt'rigen, abgemergelten Stimme; die Sonntag sänge es vielleicht mit größerem Wohllaut, aber nicht mit so viel Ausdruck, mit so viel Gefühl . . . Denn der alte Mann haßt noch immer die Babylonier und weint noch täglich über den Untergang Jerusalems durch Nebukadnezar . . . Dieses Unglück kann er gar nicht vergessen, obgleich so viel Neues seitdem passirt, und noch jüngst der zweite Tempel durch Titus, den Bösewicht, zerstört worden. Ich muß Ihnen nämlich bemerken, der alte Rabbi Chayim betrachtet den Titus keineswegs als ein ckelicium generis humani, er hält ihn für einen Bösewicht, den auch die Rache Gottes erreicht hat ... ES ist ihm nämlich eine kleine Mücke in die Nase geflogen, die, allmählig wachsend, mit ihren Klauen in seinem Gehirn herumwühlte und ihm so grenzenlose Schmerzen verursachte, daß er nur dann einige Erholung empfand, wenn in seiner Nähe einige hundert Schmiede auf ihre Ambosse loshämmerten. Das ist sehr merkwürdig, daß alle Feinde der Kmder Israel ein so schlechtes Ende nehmen. Wie es dem Nebukadnezar gegangen ist, wissen Sie, er ist in seinen alten Tagen ein Ochs geworden und hat Gras fressen müssen. — Sehen Sie den persischen Staatsminister Haman, ward er nicht am Ende gehenkt zu Susa, in der Hauptstadt? Und Anttochus, der König von Syrien, ist er nicht bei lebendigem Leibe verfault? Die späteren Bösewichter, die Judenfeinde, sollten sich in Acht nehmen .. . Aber was hilft'S, es schreckt sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.