Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 24 (21.3.1841)
- Date
- 1841-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit des nmiUhnlm tzahrhundaks. Ein Wochenblatt für die Kenntniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von vr. M. Heß, Land-Rabbinen zu Stadtlengsfeld, im Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eifenach. Rr. 2L. Sonntag den 21. März 1811. II. Jahrgang. Motto: Entschieden, freisinnig, muthvoll und wahr. Rabbinenwahl, oder Fehde zwischen Lowositz und»r. Holdheim. (Fortsetzung von Nr. 22.) Eine andere Ausstellung, welche Hr. Lowositz an dem neuen Judenthum macht, ist, daß es dem Sinnlosen zu viel Raum gebe, sich ganz von der materialistischen Denkweise, die jener dem Zeitalter zuschreibt, beherrschen lasse. Dieser Vorwurf ist von den Vertretern einer starren Orthodoxie schon unzähligemal wiederholt worden, und dennoch hat er nicht die mindeste Wahrheit. Wäre es nämlich wahr, daß die Anhänger des rationellen Judenthums, sich den sinnlichen Genüssen mehr hingeben, als die des streng-rabbinischen, so hätte dieses entweder einen religiösen Grund, weil ihre Ansicht ihnen eine größere Anzahl von Genüssen erlaube, oder es fände seine Erklärung darin, daß ihnen ein höherer Grad von Sinnlichkeit inwohne. Der erstere Grund wird indeß jene Erscheinung nicht vollständig erklären; denn wenn die aufgeklärten Israeliten sich nach ihren Grundsätzen eine Anzahl von Genüssen erlauben, welche die strengrabbinischen für verboten halten, so geht daraus noch nicht hervor, daß jene wirklich sinnlicher sind, als diese; würden die Letzteren ihre Ansichten theilen, sie würden jene Genüsse auch nicht verschmähen, höchstens ließe sich daraus der Schein einer größeren Genußsucht bei jenen erklären. Allein Hr. Lowositz will ja auch den religiösen Grund gar nicht gelten lassen, er meint vielmehr, daß die sogenannte materialistische Ansicht jedem religiösen Momente widerstrebe, „ja dasselbe sich unterzuordnen, oder zur größeren Bequemlichkeit ganz von sich auszuscheiden unternehme;" es kann demnach diese Ansicht nur in der größeren Sinnlichkeit ihrer Anhänger wurzeln. Hr. Lowositz führt also alles auf diesen Grund zurück. Die gläubigen Israeliten sind ihm die nüchternen, mäßigen, den Einflüssen der Sinnlichkeit widerstehenden, die neuen — die unmäßigen, schwelgenden, von den Reizen der Sinnlichkeit beherrschten Wesen. Aber wo in aller Welt hat denn Hr. L. dieses wahrgenommen? Hat er gesehen, daß die sogenannten Frommen den anderen Israeliten, in der Freude am Leiblichen auch nur im Geringsten nachstehen? Haben sie weniger kostbares Möbel in ihren Wohnungen, als diese? Kleiden sie sich in weniger kostbaren Stoffen, oder bestellen sie ihre Tische frugaler als diese? Nein! es ist das Grundloseste, was je behauptet worden ist, daß die aufgeklärten Israeliten einer materialistischen Denkweise mehr huldigten, von den Reizen der Außenwelt sich mehr überwältigen ließen, als ihre strenggläubigen Brüder. Nein, eher ließe sich die umgekehrte Annahme rechtfertigen; eher ließe sich behaupten, daß die starren Rabbaniten, welche die Religiosität mehr in etwas Aeußeres, in die Beobachtung ritueller Vorschriften setzen, da, wo diese ihnen nicht im Wege stehen, recht behaglich dem Leibe ftöhnen, und sich so für die Genüsse, welchen das rabbinische Gesetz ihnen sonst untersagt, zu entschädigen suchen; daß hingegen die rationellen Israeliten, da sie die Religiosität in das Innerste des Menschen verweisen, und die Veredlung und Heiligung aller seiner Kräfte und Anlagen, als ihren höchsten Inhalt, ihr letztes