Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 23 (14.3.1841)
- Date
- 1841-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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91 war mehr ein philosophischer Deismus als ein gereinigter Mosaismus *). Das Heidenthum, soviel davon noch übrig ist, ist unter den Gebildeten theils zum Atheismus erstarrt, theils unter den roheren Völkern in den sinnlosesten Aberglauben zerflossen. Alle übrigen Religionen der Erde, die, den Mohamedanismus an ihrer Spitze, im nächtlichen Wachsen begriffen waren, haben ihren Vollmond längst erreicht, und stehen unter dem letzten Viertel. Das allgemeine Sehnen nach einem neuen befriedigenderen geistigen Zustande ist demnach vorhanden, oder, wie unser Verfasser schriftmäßig sich ausdrückt: '/Das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes." Wann, wo und wie nun aber diese neue Offenbarung eintreten werde, wer mag es zu bestimmen wagen? Sie wird kommen, wie cs immer geschah, wie ein Frühling, der lange auf sich warten ließ, und der eigentlich schon da war, ehe er ausbrach. Wir sagen nur prophetisch. "Die Liebe wird zur Welt-Religion, Und ihre Tempel schmückt in ew'ger Jugend Gott, Freiheit und Unsterblichkeit und Tugend!" **) Zum Aufbau dieser Tempel trägt jeder das Seinige bei, der für die Wahrheit kämpft und streitet. Auch ,/wer Sandkorn nur auf Sandkorn häuft", arbeitet für die Menschheit. Und so wollen wir mit dem Verfasser hoffen, daß auch die Bemühungen Derer, die fern und nah "als Boten des Heils die Herzen der Völker zum Herrn zu führen suchen", (nämlich zu dem einigen Gott, 5. Mos. 6, 4.) nicht ohne Segen bleiben werden, wie befangen auch zum Theil die Ansichten seyn mögen, die sie unter den Ungebildeten oder Ueberbildeten verbreiten; denn oft muß der Wahn homöopathisch durch Wahn vertrieben werden, bis der alte gesunde Geist sich erkräftigt. — Nur dürften solche „Rufe Gottes an das Volk Israel", wie sie Johannes Tennhardt vor 100 Jahren in Nürnberg schrieb, und die unser Verfasser von S. 27 u. ff. wieder aufwärmt, jetzt keine willigen Ohren finden. Diese Art von Bekehrungs-Versuchen, durch kreisförmige Logik und lahme Eregese die Israeliten aus dem Alten Testament ins Neue zu führen, hat sich überlebt und in durchlöcherten Netzen lassen sich keine Fische fangen. — Selbst die mystischen Netze, die heutzutage nicht ohne Erfolg ausgespannt werden, um in •) Hiermit scheint jedoch die Schrift Mendelsohns »Jerusalemnicht übereinzustimmen. — Uebrigens ist der reine Mosaismus der ächten Philosophie gewiß nicht entgegengesetzt; wie denn Offenbarung und Philosophie auf ihrer wahren Höhe sich durchaus nicht widersprechen, und nicht widersprechen können. — Red. **) S. die Einleitung zu meinen religiösen Dichtungien.!Basel, Strapburg u. a. O. ftomme Juden, mü Tenn-!Hardt zu reden „zu berücken und zu bezwicken", scheinen ihre Anziehungskraft allmählig zu verlieren. Am allerwenigsten aber werden schlechte Verse in allemannifcher Mundart, wie sie der Verfasser von S. 66 an, als begeisterte Worte der Rocalina-Dallnoh aufführt, irgend einen Zauber auf das Volk Israel üben. — Denn dieses ist durch seine alten, unübertrefflichen Propheten und durch seine neueren Dichter an bessere poetische Kost gewöhnt, als daß es sich an Versen, wie folgende ans dem Munde der Rocalina und ihres Herrn Gemahls erquicken könnte. "Mein lieber Sohn, schreibe fein Für alle Juden insgemein: Sie sollen lassen ihre äußerlichen Ceremonein, Wenn ich soll ihr Vater seyn. Wie kann ich gehen in ihre Tempel ein Wo sie nur plärren und schrein, Und wo nur hölzerne Gebräuche seyn?" Oder noch naiver: "Jh mih ducki, Daß der Vati über mih kan gucki! Jh kleines Kkndi seyn, U sollen All seine Kindi seyn," u. s. w. Lassen wir, wie Alles in der Welt sich natürlich entfaltet, auch die Bildung der Menschheit zu ihrer höchsten Blüthe, der Weltreligion, ihren naturgemäßen Gang gehen. Einzelne Mittel helfen wenig, wo die Natur im Ganzen und Großen ihren Proceß macht. Aber die ewige Weisheit wird Alles zu feinem Ziele führen. — Christian Schreiber. Geschichte des Tages. Unser reisender Franzose, dessen Schilderung israelitischer Zustände in Deutschland unsere Leser bereits vernommen haben, verweilt nun noch länger in der Frankfurter Gemeinde, und wir wollen uns auch nicht von ihm trennen, ohne wenigstens noch Einiges, was seine Feder eben so wahr als pikant schildert, zu hören: »Der Gottesdienst ist in Frankfurt so, wie er fast überall ist. *) Wir sagen jedoch nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß er sich in den dortigen zwei Haupt-Synagogen, die eine heißt die alte, die andere die neue, in einer noch mehr abstoßenden Gestalt darstellt, als anderwärts. Man stelle sich einen niedrigen Saal vor, in welchen man erst anlangt, nachdem man mehrere Stufen hinabgestiegen. Ein schimmliger Geruch und eine grabähnliche Kühle, bemächtigt sich eurer beim Hineintreten. ES scheint, als hätte man diese Synagogen unmittelbar nach der Sündfluth geweißt, es thäte eine zweite Roth, um dieOelffeckea und Spinneweben wegzuwaschen, mit welchen die Mauern und der Plafond bedeckt find. — DeS Abends muß man mit einem guten Gesichte versehen seyn, wenn man etwas lesen will, den» *) Hier ist unser französischer Glaubensgenosse im Jrrthum. giebt jetzt nur wenige Gemeinden in Deutschland, wo der Gottesdienst keine Verbesserung erhalten.