Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 23 (14.3.1841)
- Date
- 1841-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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90 „Nathan! Nathan! Ihr seid ein Christ! — Bei Gott, Ihr seyd ein Christ!" geben läßt: Wohl uns! Denn, was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden! — Jene Auffassung spielt nun auch in die nachfolgende Anzeige der fraglichen Schrift, welche der unfern Lesern durch seine erhebenden religiösen Dichtungen *) schon bekannte Geistliche der hiesigen Stadt übernommen, hinüber. Aber der Standpunkt ist da ein viel höherer und universeller, der, von welchem aus der Blick freier und ungetrübter waltet und das Neinmenschliche und Höhere in allen Bekenntnissen zu würdigen vermag. Es wird daher diese Arbeit auch den Lesern unserer Zeitschrift eine willkommene Gabe seyn und sie mit uns zu dem Wunsche beseelen, daß die erleuchteten Ansichten des Hru. Verfassers immer mehr Eingang finden mögen, wodurch der edelste Zweck aller Religion, die Verbrüderung und Beglückung der Menschheit, gewiß am sichersten gefördert würde. „Messias nimmer fern :c. Im Vorwort zu dieser wohlgemeinten, wenn auch dem denkenden Israeliten schwerlich einleuchtenden, Schrift heißt es: „Wunderbar ist die Bewegung, die unter die Völker gekommen ist. Sie ergreift alle Nationen der Erde, und wird immer lebhafter, dringender und ungestümer; während wir uns immer mehr in Vermuthungen verlieren, woher die schnelle Wendung zu geistigen Dingen und der heiße Drang nach einem sicheren Hort des Glaubens in ihrem tiefsten Ursprung rühren?" (Der Ursprung, dächten wir, wäre so weit nicht zu suchen. Oder liegt es nicht in der Natur und dem Bedürfniß der Menschheit, immer weiter zu schreiten und von einer Entwickelung zur andern überzugehen.) „Ueberall, wo wir hinkommen, (schrieb bereits im Jahre 1834 der Sendbote Fiellstedt aus Ostindien) zeigt sich unter den Menschen ein Regen, als wollt es lebendig werden." (Todt war es wohl vorher auch nicht; aber die stille Ruhe des Herbstes und Winters, wo die neuen Keime sich ansetzen, wird leicht für todt gehalten.)" Und was äußerst merkwürdig ist, sowohl die Heiden als Mohamedaner in Hindostan, erwarten eine große Zeitveränderung. Die Heiden erwarten nämlich die letzte Zuklmft ihres Menschgottes, Wischnu". (So lange noch von Menschgöttern die Rede ist, sey es in Hindostan oder in Deutschland, wird schwerlich etwas Tüchtiges zu erwarten seyn. Wann werden doch die Menschen den einfachen Ausspruch Jesu verstehen lernen: Gott ist ein Geist, und die ihn (würdig) verehren wollen, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.) „Daß dieses Regen und Sehnen — fährt unser Verfasser fort — unter Heiden, Mohamedanern, Christen und Israeliten, im stillen Grunde der Gemüthcr seitdem zur That geworden, (wie so?) und Viele sich aufmachen, um Hort und Leuchte zu suchen, ist unfern Lesern schon anderwärtsher bekannt." (An einzeln Suchern hat es nie gefehlt; nur schade, daß so Viele statt Belehrung Bekehrung, statt Wahrheit neuen Jrrthum finden, und blinde Führer die Leiter der Blinden werden!) „Sie wissen, daß neuerlich in Asien, Afrika und Amerika ganze Völkerschaften (wirklich?) sich erhoben, um christliche Lehrer zu finden, für ihre geistige Noch; und daß sie Alle in dem Jahre 1840 (?) das Jahr der Befreiung erkennen." (Das Jahr 1840 ist glücklich vorüber, und wir wissen nichts von der Befreiung ganzer Völkerschaften aus geistigen Fesseln. Auch wird wohl diese Befreiung, wie überhaupt das Reich Gottes, nicht mit großem Geräusch und in bestimmten Jahren kommen, so wenig wie Wald auf einmal und mit donnerähnlichem Gepolter aus der Erde wächst, vielmehr geht Alles still und heimlich zu, bis es da steht in seiner Pracht und Herrlichkeit.) Nun läßt der Verfasser den Hauptzweck seiner Rede deutlicher hervortrcten, und zwar „daß Israel — vor Allen — berufen sey, einzugehen in das neue Jerusalem; (d. i. in das neue Christenthum, wie es die Mystiker unserer Zeit halb panthcistisch, halb gottmenschlich und anthropomorphistisch aufgefaßt und in Tractätchen verbreitet haben) worauf dann die Fülle der Heiden folgen, und alles in dem offenbar gewordenen Geheimniß der Liebe sich vereinigen werde." Versteht man unter dem neuen Jerusalem die Welt- Religion, auf welche alle verständigen und gemüthlichen Menschen hoffen, wo jede Unvernunft des Glaubens und jeder Zwang zu ihm aufhören werde, wo die Religion eine Wahrheit ist, und Gott nicht als in dem menschlichen Gedanken erst werdend, sondern als unbegreiflicher Grund im All der Dinge wirklich scyend, erkannt und in Liebe verehrt wird: dann hat jene Vorstellung des frommen Herrn Verfassers einen Sinn, und auch wir Leben der Hoffnung, das erst die Juden, dann die Heiden, mit den Christen in das neue (eigentlich alte) Gottesreich entgehen werden, das nicht auswendig, sondern inwendig in dem Menschen ist. Die Zeichen der Zeit deuten allerdings dahin. — Das Christenthum ist nicht mehr das, was es in seiner Kindheit und Kindlichkeit vor achtzehnhundert Jahren war. Es ist erwachsen zum Manne; in mancher Beziehung gereift zur Weisheit des Greises. — Ebenso ist das heutige Judenthum weder das zur Zeit des Salomonischen Tempels, (?) noch selbst das mehr, wozu es nach der Ausbreitung des Christenthums thalmudisch sich gestaltete. Schon der tiefe Maimonides lehrte anders, als die Rabbinen vor ihm. Andere nach ihm, die der Geist der Wissenschaft berührt hatte, deuteten Vieles in der Bibel und im Thalmud vernunftmäßig, was ftüher nur im supernaturalistischen Sinn gemeint war. Und die erleuchtete Lehre Mendelssohns *) S. Nr. 5. Jahrgang l. dieser Blätter.