Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 23 (14.3.1841)
- Date
- 1841-03-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566776--0120-2567698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
92 die Lampen find so groß, daß das Kupfer das Licht auffängt. Daneben ein Vorsänger, welcher schreit und sich schüttelt, daß es ein Jammer ist. Wie verbietet man nicht den Christen, hier hinein zu^ gehen? Einst gab es in Frankfurt eine Promenade, in welche kein Israelit gehen durste; zur Ehre des Gottesdienstes, sollte man, so lange derselbe in einer so abschreckenden Manier sich darstellt, den Christenverbieten, in eine Synagoge zu gehen. Man sagt, daß man damit umgegangcn sey, der Hauptsynagoge eine ganz neue Gestalt zu geben; aber ein angesehenes reiches Haus, welches der Reform nicht zugethan ist, hätte nur für eine solche Reparation des Gebäudes gestimmt, bei welcher die alte Gestalt im Wesentlichen geblieben wäre; denn es sey nöthig, daß man beim Einttitt in die Synagoge auf Stufen hinabsteige, werl es in den Psalmen heißt: (TTjTliOp D'poyDöO Ich rufe Dich an, oHerr! aus Tiefen. Die Parthei des Fortschritts will sich aber nicht mit einer bloßen äußerlichen Verbesserung begnügen, und so bleiben die Dinge, wie sie sind. — Es giebt in Frankfurt noch ein kleines Dethaus, wo der Gottesdienst zwar noch derselbe ist, wie überall, aber doch ist das Lokal seines Gegenstandes würdig, und die Haltung ist da ebenfalls anständig; wir meinen das Bethaus, welches an das, von den HH. Gebrüdern Rothschild gestiftete, israelitische Krankenhaus grenzt. Dieses Gebäude läßt in keinem Betracht etwas zu wünschen übrig. Es ist das schönste Denkmal, welches der Reichthum sich setzen kann; ein Solches allein ist dauerhaft. Im Ganzen sind die Israeliten Deutschlands im Fortschreiten begriffen, und man wird dort nicht so kleinliche Streitigkeiten antreffen, z. B. ob man beim Sergen über den Wein CfE.Tl) Hagcphen oder (MN) Hagaphen sage, ein Stteit, welcher, vor etwa zehn Jahren in einer kleinen italienischen Stadt, bald einen Aufstand verursacht hätte. Streng genommen, dürfen wir jedoch nicht sagen, daß Vorurtheile dieser Art gänzlich verschwunden wären. Wir wollen nur ein solches Beispiel anführen: In Simmern, einer kleinen Stadt in der Rheinprovinz, dulden die Israeliten nicht, daß ein Cohen sich daselbst niederlaffe; sie behaupten, daß mehrere Sterbefälle vorgekommen wären, als ein Cohen da gewohnt, und sie gründen dieses lächerliche Vorurtheil, auf die Erzählung (4. B. Mos. 25, 8.) daß Pinhas, welcher ein Cohen war, den Simri getödtet. Man sollte es kaum glauben, daß die Finstcrniß der Unwissenheit so sehr diese kleine Gemeinde bedecke. Eine sowohl wegen ihres Vermögens, als ihrer Anzahl, äußerst geachtete Familie dieser Stadt gehört zu den Aufgeklärtesten; alle Glieder derselben sind gebildet; eines unter ihnen ist sogar Commiffar des israelitischen Tempels, und dennoch hat man — wer sollte es glauben — uns versichert, daß ein CHasan (Vorsänger), welcher alle Stimmen hatte, nicht aufgenormnen ward, weil er ein Cohen war! Die Christen haben vielleicht nicht weniger Vorurtheile, als die Israeliten. Aber wir haben die Pflicht, uns am schnellsten davon zu befreien, denn unsere Religion widerstrebt jeder. Art von Aberglauben und Vorurtheilen, und der veredelte mosaische CultuS wird Profelyten gewinnen, ohne Vermittelung irgend eines Bekehrers." — Unser reisender Franzose schließt seinen Bericht mit folgender Bemerkung: «Nachdem man in Deutschland gereist ist, fühlt man sich glücklich, wieder nach Frankreich zu kommen. Muß man ja daS Glück einige Zeit entbehren, um es dann doppelt zu empfinden. So empfanden auch wir ein Entzücken, als wir aufs Neue den Boden eines Landes betraten, wo die rechtliche Gleichstellung in das Gesetz und noch mehr in die Sitten eingeschrieben ist." Möchten wir doch bald nicht mehr Ursache haben, um dieses Glück unseren ftanzösischen Mitbruder zu beneiden! — Aus Kalkar's Vorlesungen über biblische Geschichte. (Schluß von Nr. 18.) «Wo," fährt der Verfasser fort, «wo gibt es wohl ein Buch, das uns in alle Stände hineinführt, uns Alle in ihrem Hause, im Innern ihres Treibens schauen läßt, von den Gezelten der herumschweifenden Nomaden bis in die glänzenden Säle des Königs, von unwürdiger Knechtschaft eines erniedrigten Volkes bis in die große Pracht mächtiger Reiche, von den harmlosen Auftritten des häuslichen Heerdes bis in die mannichfaltigsten Verwandlungen des Hoflebens. Kurz, alle Formen der Menschheit werden unserem Auge vorgeführt, alle in ihrer wahren, ungetrübten Gestalt, wie die Natur, — und leider müssen wir hinzufügen — wie die Sünde sie bildet, ein Gemälde, wo Schatten und Licht auf die rechte Stelle fällt, weil das Licht von oben herab, vom Himmel Gottes fällt. — Darum finden auch alle Gefühle hier ihre Sprache, alle Töne, die der menschlichen Brust entschlüpfen, es mag Schmerz oder Freude seyn, Angst oder Jubel, die stillen Seufzer der Geduld, oder das wilde Geschrei der Verzweiflung, es mag Trost ftyn oder Furcht, Hoffnung oder Sehnsucht, sie finden Wiedcrhall in den Stimmen, die sich hier hören lassen, mit einer edeln Wahrheit, einer heiligen Einfalt." — Wetter unten bemerkt der Verfasser seinen Zuhörern so wahr als treffend, daß gleichwohl die heilige Geschichte, Geschichte einer gewissen Zeit ist und als solche eine Einkleidung habe, jener Zeit eigenthümlich. »Ob dies wohl anders seyn konnte? Konnten jene Flügelmänner der heiligen Geschichte, — um einen Göthe'- - schen Ausdruck hier zu benutzen — in der Kleidung moderner Zeit auftteten; sollten wir es wünschen, daß sie jegliche Tracht ablegten, jede Eigenthümlichkeit der Zeit verwischten, um uns und unserer verzärtelten Zeit zu gefallen? Das doch gewiß nicht. Wir ntiiiiett daher lernen, wohl zu unterscheiden, was der Leib ist und was das Kleid, was den Kern und was die Schale ausmacht, worin der eigentliche befruchtende Keim verborgen liegt, und was äußere Umgebung ist, mit andern Worten, was lokal und temporär, nur auf eine Zeit, einen Ort berechnet, und was Schriftzüge auf der Tafel der Ewigkeit sind." In näherer Erklärung und Warnung vor jenem Verflachen und Modernifiren der h. Schrift, das sie in's Gemeine zieht und ihr nichts Eigenthümliches zurüüläßt, sagt weiter unten der Verfasser: «Es mögen immerhin Moses, David, Ezechiel und Andere ganz als Männer ihrer Zeit erscheinen; die Ewigkeit hat ihnen doch den Stempel auf die Stirn gedrückt, sie sind 'doch gezeichnet von der Hand des Heiligen, und die Töne ihres Mundes werden fortfahren von einem Geschlechte zum Andern zu erschallen, wenn längst die Wellen der Zeit die hochfahrenden Namen der Wesen weggespült hatten, die sich der engen Gesichtskreise jener Zeit überhoben wähnten." — Berichtigung. S. 79., Sp. 1., Z. 7. muß es heißen: „treffende" statt "tröstende"- durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kcsselring'schen Hofbuchhandluna zu Hlldburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schaffer in Kassel.