Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 22 (7.3.1841)
- Date
- 1841-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566775--0113-2567690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
86 bei derBeurthcilung eines nach rabbinischen Regeln zu würdigenden Falles ausübt, ist dann noch weniger gewonnen, weßhalb auch L. selbst keinen Anstand nimmt, zu sagen, daß die Zeitbildung bei einer zu auffallenden Divergenz der historisch-religiösen Bestimmungen die nöthige Berichtigung herbeiführen könne. Endlich ist es ganz falsch, daß, wie H. meint, L. in obsectiver und materieller Beziehung keinen Unterschied zwischen der christlich-germanischen und der rabbinisch-religiösen Ansicht finde, da er sogar, wie wir weiter unten sehen werden, auf diesen Unterschied ausdrücklich hinweist. Wollen wir also die Dialektik des Hrn. L. zu Nichte machen und das ganze Truggebilde desselben aufdecken, so müssen wir den innersten Faden desselben untersuchen, so müssen wir zeigen, daß der Standpunkt, auf welchen er sich gestellt, ein ganz falscher und haltloser sey. Hr. L. stellt nämlich von vorn herein den Satz hin, daß die thalmudisch-rabbinischcn Bestimmungen Religion seyen, und nun hat er freilich Recht, die diesen Bestimmungen widersprechende Ansicht als eine Richtung der Zeit, als die christlich-germanische, oder christlicheuropäische Ansicht zu bezeichnen, und sie für irrig zu erklären. Auf gleiche Weise werden in einem andern Bekenntnisse von den strengen Anhängern der Kirchenlehrcn diese als die Religion, als das Wort des lebendigen Gottes bezeichnet, und die entgegengesetzten Bestrebungen als die Verirrung des Zeitgeistes, als die trügerischen Schlüsse des Verstandes ausgeschrieen. Wie nun aber, wenn wir nach der Begründung und nach der Berechtigung jener Annahme fragen, wenn wir um so mehr uns erlauben, an der Wahrheit desselben zu zweifeln, als die Ansicht der Zeit gerade mit den Urkunden der mosaischen und prophetischen Lehre übereinstimmt, denen der Wuhst von rabbinischen Satzungen ganz ftemd ist, die sich in unzähligen Stellen dafür aussprechen, daß Rechtthun und Wohlwollen die von Gott verlangte Frömmigkeit sey, daß die Zeremonien nur einen untergeordneten Werth haben, und daß der Vorzug, der göttliche Werth der israelitischen Lehre, in ihrer Weisheit und Vernünftigkeit, in ihrem menschlichwürdigen Character und weltbeglückenden Geiste bestehe. *) Wäre Herr L. dann nicht genöthigt, Moses und die Propheten auch als befangen in der christlich-germanischen Zeitrichtung zu erklären, und müßte er, wenn er dieses nicht thun wollte, nicht dann uns beipflichten, wenn wir umgekehrt die Gründer des pharisäisch-rabbinischen Systems, die, den sittlichen Geist der heiligen Schrift verkennend und sie verkehrt deutend, das Zeremonielle in's Unendliche vermehrten, wenn wir diese für befangen in dem düstern und kleinlichen Geiste der Asiaten erklären, hingegen das sogenannte christlichgermanische Princip, mit welchem die Gebildeten aller Völker übereinstimmen, dem die Erleuchteten der Vor- *) S. Nr. 7. Jahrgang I. und Nr. 1—5. Jahrgang II. dieser Zeitschrift. zeit und Gegenwart huldigen, und in dessen Sinne auch die Propheten lehrten, als das wahrhaft menschliche und wahrhaft religiöse betrachten, da Religion und Civilisation in ihrer wahren Höhe, sich nie widersprechen und nie widersprechen können. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. Aus dem Meining'schen. «Der liberale und große Pädagog unserer Zeit, Herr vr. Dicsterweg in Berlin, der schon vor mehreren Jahren so kräftige Worte für die Emaneipation der Juden in seiner bekannten und geschätzten pädagogischen Zeitschrift «die Rheinischen Blätter« gesprochen, gab wieder in denselben (Heft für Sept. und Oct. 40) einen schönen Beweis seiner toleranten Gesinnung bei Erwähnung der ungarischen Zustände in folgenden Worten zu erkennen: «Auch die Juden find in Ungarn endlich emancipirt. Der «Haß fängt an zu verjähren, d. h. zu den antiquirten Dingen «zu gehören. «Fängt an. Bolksschullehrer müssen vor allen kräftigst «dazu Mitwirken. Nach Damaskus dringt unsere Stimme nicht. «Auch die Christen mögen an ihre Brust schlagen. Wurden «nicht noch vor wenigen Jahren im Regierungsbezirk Düsseldorf, «um desselben vermeintlichen Verbrechens willen, vorgeblich an «einem Knaben verübt, mehrere Häuser der Juden zerstört — «vom christlichen Pöbel? War es also nicht an der Zeit, daß «die Rh. Bl. darauf hinwiesen? «Es ist nicht übel, sich der Zustände des Volks in entfernten «Welttheilen anzunehmen; aber das «Hemd ist mir näher als. der «Rock«. Wo du stehst, da ist »«Rhodus«". — Wir wollen heute weiter hören, was unser reisender Franzose, (S. die vorige Nummer) über die israelitischen Zustände in Deutschland berichtet: «Jeder Israelit, der ein Freund des Lichtes ist, sollte von Zeit zu Zeit einen Ausflug nach Deutschland machen. Dort findet man bei unseren Religionsgenossen wahrhafte Gelehrte, gebildete und aufgeklärte Nabbinen. So sahen wir, (um nur eine Vorstellung von den Nabbinen, die nicht Oberrabbinen sind, zu geben), in Mosbach am Neckar, einer unbedeutenden Gemeinde, einen Nabbinen, Herrn Friedberg, welcher sich dem Studium des Arabischen widmete. Welcher von unseren Oberrabbinen ha( sich schon diesem Studium gewidmet? Ja in Deutschland sieht man Handelsleute, welche sich theils mit kaufmännischen Geschäften, theils mit wissenschaftlichen Arbeiten, vorzüglich der hebräischen Philologie, beschäftigen. In Frankfurt a. M. können die Israeliten in drei Klassen getheilt werden: 1. Die Financiers im buchstäblichen Sinne; diese athmen nichts, als die Luft der Börse, der Courszettel ist ihre Bibliothek, oder wenigstens der Schriftsteller, bei dem sie sich am meisten Raths erholen; sie find gleichgültig-gegen alle Fortschritte bei ihren Religionsgenossen; *) ein neues religiöses *) Diese Schilderung ist nicht gan, gerecht. Wir haben nirgends auch bei den Reichen einen so regen Sinn für das Bessere und eine so hochherzige Unterstützung desselben angetroffen, als in Frankfurt a. M-