Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 20 (21.2.1841)
- Date
- 1841-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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78 welche auch ein Mittel zur Erinnerung an die wunderbaren Ereignisse der Vorzeit seyn sollen. Dieses Gebot konnte aber nach der Art, wie es der Thalmud interpretirt, während der Wanderschaft durch die Wüste noch nicht beobachtet werden, indem zwei der vier Bibclstcllen, welche in die Kapseln gelegt werden, erst in den letzten Ermahnur.gsreden von Moses mitgetheilt werden. Auch ist es schwer anzunehmen, daß unter den Israeliten in Egypten die Schreibkunst schon im dem Grade verbreitet war, daß für so viele Menschen Denkriemen verfertigt werden konnten." "Zu den Speisen, welche zur Erhaltung der äußern Heiligkeit verboten wurden, gehören gefallene, zerrissene und unreine Thiere, die entweder durch ihre Gattungsnamen oder durch allgemeine Kennzeichen angegeben werden; ferner das Blut nach der Interpretation des Thalmuds nur der Säugethiere und der Vögel. Die Verbote der Spannader, des Fettes nicht geweihter Thiere, der Vermischung von Fleisch- und Milchspeisen und der Erzeugnisse von vermischten Sämereien finden sich nicht im Pentateuch." "Das Verbot, die Anzahl der Gesetze zu vermehren oder zu vermindern (s. Thariag S. 107.) scheint nach dem Zusammenhang vorzüglich den Zweck zu haben, die Einführung heidnischer gottesdienstlichen Gebräuche zu verhüten. Nimmt man dieses Verbot strenge im buchstäblichen Sinne, so ist es zu keiner Zeit vollkommen beobachtet worden. Schon unter Samuel war der Gebrauch herrschend, als Zeichen der Zerknirschung bei der Andacht Wasser zu schöpfen und auszugießen, von welcher gottesdienstlichen Handlung im Pentateuch nichts zu finden ist. Gerade solche Gesetze, die ein Ausfluß göttlicher Weisheit sind, Gesetze, welche ihre Befolger in den Ruf eines weisen und einsichtsvollen Volkes setzen sollen, können nicht ihrer ganzen Form und ihrem ganzen Inhalt nach unveränderlich seyn; denn weise Gesetze sind bestimmt, ihre Befolger besser, einsichtsvoller und glücklicher zu machen, und da sie, vermöge ihrer Weieheit, dieser Bestimmung zuverlässig entsprechen, so müssen sie früh oder spät Modificationen erleiden, weil auf den veredelten Menschen doch anders gewirkt werden muß, als auf den rohen und ungebildeten, dessen Geist die Religion noch nicht durchdrungen hat." „Auffallend ist es, daß in den Psalmen die verschiedenen Festtage, mit Ausnahme des Sabbachs und des Neumondtagcs, nie erwähnt werden. Ucberhaupt herrscht eine vollkommene Uebereinstimmung zwischen dcnr Geist der Psalmen iwt> dem der Propheten. Auch hier wird den Israeliten schon sehr ans Herz gelegt, daß Gott mehr auf Gehorsam und Reinheit des Herzens sieht, als auf Opfer und Räucherwerk, und das Ritualgcsetz wird so wenig berührt, daß schon der Thalmud bemerkt, David habe den 613. Vorschriften des Pentateuchs 11 Pflichten zur Grundlage gegeben (Ps. 15)." „Nach dem Thalmud haben David und Salomon mehrere Einrichtungen getroffen, welche schließen ließen, daß das Ritualgesetz genügend beachtet wurde, als: Die Erweiterung vom Formular des Tischgebets, DJJ *nn\ das Händewaschen, die Speisevermischung und das Eheverbot bei mehreren Verwandtschaftsgraden; diese Angaben harmoniren aber sehr wenig mit den biblischen Erzählungen, und sogar mit den Büchern, die Salomon zugeschrieben werden." "Nicht minder auffallend ist es, aber dies freilich nur nach thalmudischen Ansichten, das Eliah Fleisch aß, welches ihm die Raben brachten." "Auch Jeremias spricht von keinem andern Ritualgebot, als von der Sabbathruhe (17, 20 — 27), die zwar, wie es scheint, nie ganz vernachlässigt wurde, aber oft durch Zufuhr und Ausftchr von Lasten Störungen erlitt. Der Thalmud leitet von seinen Worten das Verbot her, am Sabbath irgend einen, wenn auch noch so kleinen Gegenstand aus einem freien Platz in einen sperrbaren zu bringen und umgekehrt, was aber freilich im buchstäblichen Sinn der Worte nicht liegt." "Das Heirathcn einer Wittwe, das im Pentateuch nicht allen Priestern, sondern nur dem Hohenpriester untersagt wird, wird im Buch Ezechiel allen Priestern ohne Unterschied verboten; hingegen erhält dieses Verbot die Beschränkung, daß ein Priester die Wittwe eines andern hcirathen darf. Am meisten befremden die Worte, mit welchen der Abschnitt über das Verhalten der Priester schließt: Alles Aas und Zerrissene vom Geflügel und vom Vieh sollen die Priester nicht essen, welche Stelle später wohl am meisten den Wunsch erzeugt hat, das Buch Ezechiel auf die Seite zu schaffen. Glücklicherweise wurde uns dieses wichtige Buch durch die Bemühungen des Chananiah, des Sohnes Garons, erhalten, welcher cs durch thalmudische Auslegungen mit dem Pentateuch in Einklang brachte." Die Kapitel 14, 26, 27, 28 und 30 dieser Schrift enthalten so viele wichtige Wahrheiten über die pharisäische Tradition, die Kabbala, die egyptischeu Juden und die Erscheinung des Christcnthums, daß wir uns nicht enthalten können, sie später unfern Lesern ausführlich mitzutheilen. Wir schließen daher diese Auszüge mit folgender' treffenden Bemerkung, welche über die Mischnah im Namen Neggio's angeführt wird: „Wie läßt es sich ferner erklären, daß sich in der Mischnah nichts findet von den Pflichten der Liebe, der Verehrung und der Heiligung Gottes, nichts von den Verboten 311 verläumdcn, den Nächsten zu beschämen, sich zu rächen, Groll nachzutragcn, die doch auch zu den göttlichen Vorschriften gehören; ferner nichts über Denkriemen, Gesetzrollen und Thierschriften? — Alle diese Schwierigkeiten führen Reggio auf die Meinung, daß Rabbi bei der Abfassung der Mischnah keine andere Absicht gehabt habe, als, nach dem Beispiel der früher» Thanaim, für sich eine Geheimrolle zu bilden, und daß die Autorität seiner Person auf diese Sammlung übergegangen sey."