Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 16 (24.1.1841)
- Date
- 1841-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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63 welches im Hotel zum römischen Kaiser Statt fand. Empfangen wurde die Gesellschaft im zweiten Stock in der Wohnung des Baron Rothschild, daselbst wurde die Urkunde von den Notabilitäten unterzeichnet. Um halb fünf Uhr kam Cremieur, worauf wir alle in den ersten Stock hinabgingen, wo uns ein Saal, feenartig geschmückt, aufnahm. Er war von weißem Mousselin mit Gold eingefaßt und Spiegeln verziert, wie ein Zelt drappirt, lauter erotische Blumen zierten den Tisch, Crem. Sitz wurde von einer herrlichen Palme beschattet, kurz — zauberartig erschien Alles. Von den Vertretern wurden 3 Damen zum Arrangement auserlesen. Mad. Regine Biedermann, der die streng koschere Küche oblag, Mad. Louise de Wertheimstein, die das Silber rc. zu besorgen hatte, der Mad. Netti de Wertheimstein überließ man das Dessert und die Ausschmückung des Raumes. Diese 3 Damen reservirten sich ein verstecktes Plätzchen, um ungesehen alles mit anhören zu können. Als man Cremieur von diesem Versteck erzählte, sagte er: Los dames sollt comiiie des violettes, on sent le paiTuin, sans le voir. Im Saale angekommen und placirt (ich faß der sechste von dem gefeierten Gaste) hielt Hr. Jos. Wertheim eine begeisterte Rede in französischer Sprache an Cremieur, nach deren Schluß er die Adresse vorlas. — Cremieur weinte und schluchzte wie ein Kind, Alles hatte Thränen im Auge. Man überreichte ihm die goldene Kapsel, er konnte vor 10 Minuten seiner Rührung nicht Herr werden. Endlich hielt er eine Rede, von deren Glanz und Feuer ich Ihnen keinen Begriff machen kann; ich erwähne Ihnen nur skizzenweise Folgendes: (er hielt sie französisch, da er kein Wort deutsch versteht) Rach dem üblichen Erordio des Dankes spricht er von den Juden. Haben Sie denn nicht alle Tugenden, die sie vorzugsweise zu gleichen Rechten befähigen? Sie haben mehr Muth als jeder Krieger, denn sie widerstanden muthig dem 1800 jährigen Drucke; sie haben kindliche Liebe und Ehrfurcht; sie sind friedfertig, großmüthig, geistvoll, und von ihrer Dankbarkeit brauche ich nur die hier versammelte Gesellschaft anzuführen. Ihr überschätzt metn Wirken; Ihr sagt, ich habe mich von meiner Familie getrennt, steht denn nicht uns Allen eine ernstere Trennung bevor? Ich hätte mich Stürmen ausgesetzt! die Stürme des Lebens sind mächtiger; ich hätte dem Tode entgegengesehen! Bah! Als wenn ein Leben, vergiftet durch solche Anklagen (fletrie par un tel prejuge diffamant) nicht hundertmal ärger wäre, als der Tod. Und gesetzt ich wäre in meinem heiligen Berufe gestorben! Welch herrliches Erbtheil hätte ich durch meiner» Namen meiner Familie, meiner Nation hinterlassen. — Er beleuchtet historisch den Gang und Erfolg seiner Mission, dabei mit Dank des Sir Mos. Montefiore und der befreundeten Diplomaten gedenkend. Nach dieser mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede wurde das Essen servirt, während welchem folgende Toaste ausgebracht wurden: Auf den Kaiser und die gesammte Familie, auf Metternich, Montefiore und die Consulen Lavin und Merlatto, auf Mad. Cremieur, auf die israelitische Nation, auf unsere Vertreter rc. Pauken und Trompeten erschallten nach jedem Toaste, während welchem die festlich gekleidete Gesellschaft aufstand, Mannheimer sprach die üblichen Gebete und benschte. Zwei der angesehensten türkischen Juden waren anwesend. Am Schluffe brachte noch Cremieur die Gesundheit der Dames patronesses (der oben benannten 3 Damen) aus, er sagte: elles ont autant de vertus quede beautes, und diese Rede war voller Grazie. Mannheimer sprach auch sehr geistvoll (deutsch), der durch die Geschichten in DamaSk aufgetauchrcn Sympathieen und Antipathieea in herrlicher Zusammenstellung erwähnend. Nach dem Toaste auf' Cremieur, ging selbiger mit dem Glase von Mann zu Mann, mit Jedem anstoßend und Jedem die Hand bieder schüttelnd. Am Tage zuvor, wurde er in der hiesigen Synagoge feierlich empfangen, Mannheimer hielt eine Anrede an ihn, er wurde aufgerufen und ihm ceremoniös gehuldigt. Nachmittag um 3 Uhr mußte er die türkischjüdische Synagoge besuchen; daselbst wurden die Thoras vor ihm entfaltet und er in unbeschreiblichem Jubel von den Orientalen buchstäblich um den Almemor herumgetragen. Er ist ein kleiner unansehnlicher Mann von 44 Jahren, schwarz, nationaler Physiognomie, voller Geist und Leben; Metternich lud ihn zu Tische und Soireen, desgleichen der französische Gesandte Marquis de St. Aulaire. — Dieses war das erste öffentliche public meeting in Oestreich. Am Montag hörte ich ihn in einem kleinen auserlesenen Zirkel aus seinem interessanten Tagebuche vorlesen, wobei der berühmte orientalische Reisende Chevalier Rifaud, Leavon Hammer, Grillparzer, L. Göthe, im ganzen 15 Personen anwesend waren. Die hiesigen jüdischen Studenten lassen sein Bild lithographiren, jede seiner Stunden ist vornherein mit Beschlag belegt, um ihn zu ehren. Uns bleibt bei dieser Gelegenheit ein edles Selbstgefühl zurück, welches das Judenthum zu verbergen verschmäht, ja verabscheut, auch können wir nur durch diese Offenheit in den Augen der Gegner gewinnen. Von der hiesigen türkisch-jüdischen Gemeinde erhielt Cremieur eine Menora von gediegenem Golde. Auch Mad. Cremieur erhielt ein Geschenk: eine Toilette im Werth von 1250 fl. Conv. Münze." Auch da, wo die freisinnigen Anträge der Regierungen in Beziehung auf die Verhältnisse der Israeliten noch auf Widerspruch in den deutschen Ständeversammlungen stoßen, und abweichende Beschlüsse veranlassen, athmen die Verhandlungen selbst doch die fortgeschrittene Gesinnung der Zeit, und lassen für die Zukunft die besten Erfolge erwarten. Zwar ist es noch immer nur die Minderzahl, welche, durchdrungen von der Idee der Rechtsgleichheit, mit edler Begeisterung dieselbe auch für die Bekenner des mosaischen Glaubens anspricht; aber in der Art und Weise, wie jetzt die Mehrzahl sich dagegen ausspricht, liegt schon eine große Annäherung zu jener Idee, gewissermaßen die in der Tiefe des Herzens schlummernde Zustimmung zu derselben, welche man sich nur noch nicht zugesteht, sie nicht in ihrer vollen Wahrheit gelten lassen möchte, und daher allerlei ftaatsokonomische Gründe aufsucht, um für den Augenblick sich ihr entwinden zu können. Einen Beleg zu dieser erfreulichen Wahrnehmung der Zeit liefern die Verhandlungen der Stände in den Herzogthümern Schleswig und Holstein, weßhalb wir unseren Lesern einige bezeichnende Stellen aus dem Berichte derselben an die Regierung nicht vorenthalteu wollen: »Wenn die Majorität der Holsteinischen Ständeversammlung sich gegen die im Gesetzesentwurf vorgeschlagene Freizügigkeit der Mosaiten erklärt, so kann ein Mitglied der Minorität dieser Ansicht durchaus nicht beitreten, und erlaubt sich daher, vor Ew. Königlichen Majestät seine Ueberzeugung dahin auszusprechen, daß es bei der im §. 1 des Entwurfs enthaltenen Bestimmung, nach