Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 13 (3.1.1841)
- Date
- 1841-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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51 "Mitten unter der Auftegung über Krieg und Frieden drängen sich mir Beobachtungen auf, welche zwar vor den politischen Lebensfragen zurücktreten müssen, die allgemeine Aufmerksamkeit jedoch in Anspruch zu nehmen nicht wenig geeignet sind. Ich meine diejenigen, welche man über die Juden hier anzustellen Gelegenheit hat. Für diese Glaubensgenossen, um welche, wie um alle der englischen Kirche nicht zugethanen Confessronen, der Staat rücksi'chtlich ihrer Neligionsangelegenheiten sich nicht im geringsten kümmert, scheinen jetzt nach zwei Seiten hin Schritte gethan zu werden, deren einer die Reform des jüdischen Cultus, der andere die politische Stellung der Juden betrifft. Der englische Jude ist noch nicht am Ziele der Emancipation angelangt. Aber abgesehen davon, daß die Fortschritte der Reform des Unterhauses ihm den endlichen Genuß derselben doch sichern müssen, drückt seine jetzige Lage ihn keineswegs wie in andern Landern, da ihm der Handel und Wandel und der Zutritt zu andern NahrungswegenMst unbeschränkt geöffnet und die freieste Bewegung im Leben gestattet ist. Mit Einem Wort, es entschädigt ihn die individuelle Freiheit, wie jeden Engländer, für manche sonstige Unbill des Gesetzes. Der jüdische Cultus ist hier aber ebenfalls aus diesem Grund in einem Stillstände, den erst in der allerletzten Zeit manche Aufgeklärte schmerzlich wahrnahmen. Aus diesen hat sich jetzt ein Rcformclub gebildet, welcher vorzüglich die Synagogen ins Auge faßt, und hinter den Glaubcnsverwandten, den deutschen namentlich, nicht Zurückbleiben will. Mehre Chefs der angesehensten jüdischen Häuser hegen diese Gesinnung, an ihrer Spitze Horace Montefiore, Bruder des Sir Moses, und Lion Goldsmith, und es steht wohl zu erwarten, daß nach dem Tode des jetzt schwer erkrankten Oberrabbinen, ein mit der Wissenschaft und dem Zeitgeiste befreundeter Mann, das für alle englische Juden wichtige Amt eines Seelenhirten der Londoner Gemeinde bekleiden wird." Nachdem hierauf der Correspondent zu den Bekehrungsversuchen der englischen Geistlichkeit und der Absicht Montefiorc's, eine Cölonisation in Syrien zu gründen, übergeht, schließt er: „Unterdessen sind L. und I. Goldsmith bemüht, einen Emancipationsverein aus tüchtigen und gelehrten Juden Europas zu bilden, für welchen im Auslande schon mehre Mitglieder gewonnen sind. Sein Zweck ist, den Segen der Emancipation denrenigen Israeliten, die seiner nicht thcilhaftig sind, durch vereinte Kraft in besonnener Schrift und Rede zu verschaffen. Schöne Entwürfe, für deren theilweises Gelingen die praktische Seite des Engländers gute Hoffnung giebt." Wie in England, so scheint, wenn auch mit viel schwächeren Anfängen, auch in Holland das Bessere Eingang zu gewinnen. Bei der Einweihung der Synagoge in Wcesp wurde von dem dortigen Rabbinatsassessor eine Rede in holländischer Sprache gehalten, und schon erheben sich Stimmen, daß diesesauch in der Folge geschehen möge. Eben so viel Erfreuliches über innere, wie über äußere Verhältnisse, hört man von den Israeliten in Triest. Sie genießen dort von Seiten des Staates (öffentliche Aemter abgerechnet) gleiche Rechte mit den chriftlichen.Emwohnern, und mehrere unter ihnen zeichnen sich als Aerzte, Gelehrte, Dichter,'Künstler und Handwerker sehr vortreilhaft aus. Auf der Börse herrscht kein Religionsunterschied, eben so wenig in der Gesellschaft; die jüdischen und christlichen Familien leben iit der größten Harmonie, ja in Freundschaft miteinander. Mehrere jüdischelKaufleute sind Mitglieder der Börsendeputation, des Stadtrathes, der Theaterdirection. Die Gemeinde unterhält eine gut dotirte Hauptschule für Knaben und Mädchen, ein Hospital, was seines Gleichen in Europa sucht, uud an ihre Spitze hat sie den Rabbiner S. TreveS gestellt, der seine Pflegbefohlenen durch Borträge, welche er regelmäßig alle 14 Tage hält, belehrt und erbaut. Selbst Polen bleibt nicht zurück. So find kürzlich aus verschiedenen Gubernien Deputirte in Wilna zusammengctreten, um über Verbesserung der Schulen und des Kultus zu berathen. Es soll ein wissenschaftlich gebildeter Rabbiner aus Deutschland berufen und der Unterricht in den neueren Sprachen, wie in den gemeinnützigen Kenntnissen, cingeführt werden. Nur Berlin, früher der Mittelpunkt alles geistigen Fortschrittes unter den Israeliten, will noch immer nicht aus dem Zustande der Lethargie, in welchem es sich seit einigen Jahren befindet, heraus. Trübe muß es dort aussehen, wenn man die deutsche Rede, welche Zun; bei der Hnldigungsfeier hielt, als ein geschichtliches Ereigniö betrachtet, da die Ansicht, daß das elende Halbdeutsch des jüdischen Jargon in der Synagoge vorzuziehen sey, noch von Bielen fcstgchalten werde. Möchten die Wünsche der Gutgesinnten bei dem jetzigen, so hochgebildete Mitglieder zählenden, Vorstände endlich Erhörung finden! — Religiöse Statistik *). Vereinigte Staaten Amerika's. (Bibliotheque universelle de Geneve 1839. Band 24. S. 267.) Secteft. Anzahl. Baptisten .. 4,300,000 Katholiken. 800,000 Christen. 300,000 Congregationalisten. 1,400,000 Holländische Reformirte. 450,000 Episcopalen. 600,000 Freunde. 100,000 Deutsche Reformirte .. 30,000 Juden. 15,000 Lutheraner. 540,000 Menvoniten. 30,000 Methodisten. 3,000,000 Moraver. 12,000 Marmoniten. 12,000 Kirche des neuen Jerusalems. 5,000 Presbyterianer .. 2,175,000 Schäkers. 6,000 Timbers . . . . '.. . 30,000 Unitarier. 180,000 Universaliten. 600,000 Im Ganzen 14,585,000 *) Aus dem ArchWes Israelites Je France-