Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 12 (27.12.1840)
- Date
- 1840-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566765--0064-2567631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
47 67) Einer seiner Hauptwünsche ist, daß Friede und Eintracht in Israel herrsche, und dieser Wunsch kann ihn oft bewegen, sich einem in seiner Gemeinde für heilig gehaltenen Gebrauch zu unterwerfen, wenn er denselben auch nicht für verbindlich hält. 68) Auch ist er stets bereitwillig, die Lasten seiner Gemeinde mittragen zu helfen, wenn er sich auch durch seine besondere Stellung derselben zu übcrhwen vermag. 69) Er ehrt die Nabbinen und Volkslehrer, welche aufrichtig um die Erhaltung der Religion bemüht sind, ohne sich jedoch ihrer Autorität in Glaubenssachen blindlings zu unterwerfen. 70) Auf gleiche Weise verhält er sich gegen die Satzungen der Alten, die für ihn, solange er sich durch seine Vernunft noch nicht von ihrer Nichtigkeit überzeugt hat, zwar ehrwürdige, aber keineswegs unbestreitbare Menschensatzungen sind. (beschichte des Tages. Unsere Leser erinnern sich noch aus M 9 dieser Blätter des Federkrieges, der sich zwischen dem Herrn v. Rothschild in Paris und dem vormaligen Ministrr Thiers entsponnen hatte. Bald darauf ward nun der Leipz. allg. Zeitung folgende interessante Mittheilung aus Paris gemacht: »Das neue Attentat auf den König gab am 15. Abends zu einer höchst merkwürdigen Scene in St. Cloud Anlaß. Alle Minister waren natürlich hinausgeeilt, und befanden sich eben im Salon der Königin, als Hr. v- Rothschild, der sehr nahe bei St. Cloud, in Sursnes, ein Landhaus hat, in den Saal trat, um ebenfalls seine Glückwünsche über die abermalige Rettung deS königlichen Gemahls darzubringen. Des beleidigenden Artikels des Constitutionnel eingedenk, ließ er die Minister unbeachtet stehen und wendete sich sogleich zur Königin die ihm recht auffallend herzlich die Hand drückte. Als nun der Bankier sich sogleich zur Thür wendete, eilte Hr. Thiers ihm rasch nach, und es entwickelte sich folgendes kurze Gespräch zwischen ihnen, das zu charakteristisch ist, als daß man es nicht im Original wiedergcben sollte: „Mr. le Baron, sagte der Premierminister, V0U8 ne 0,0)02 SANS lloute pas, que j’aie ete pour quelque cliose dans l’nrticle du Constitutionnel. Je suis aussi peu inaitre de la presse qtie vous ne l’etes des a-propos de vos salons.“ „Vous voulez sans doute dire: de mes antichainbres!u versetzte lakonisch der Bankier, und entfernte sich, dem Minister überlassend, sich den Gedanken völlig auszudenken, der natürlich sagen wollte: ',Zch bin so gut Herr dessen, was von der anständigen Gesellschaft in meinen Salons gesprochen wird, als Sie dessen Herr sind, was Ihre Presse sagt; nur das Geklatfch der Baletaille kann ich nicht beherrschen. Ich wähle für meine Salons eben so gut die Gesellschaft aus, wie Sie die Leute für Ihre Presse.« Der Eifer des Conseilpräfidenten, den beleidigten Banquier zu versöhnen, erklärt sich, wenn man erfährt, daß die gefammte Bank gegen den verletzenden Artikel des Constitutionnel protestirte, und besonders der ehemalige Minister, Hr. d'Argout, der Gouverneur. Sie wissen, daß derselbe neben dem Herzog v. Broglie einer der Hanptprotectoren des neuen Kabinets in den stürmischen Debatten des Monats Mär; war, und Sie können denken, wie sehr es Hrn. Thiers bettoffen, was Hr. d'Argout bei dieser Gelegenheit äußerte: es scheine täglich immer unmöglicher, mit demConseilprasidenten ferner fortzugehen." Die Damasker Angelegenheit selbst hat aber — Dank der göttlichen Vorsehung! — den freudigsten und zugleich ehrenvollsten Ausgang genommen, wie folgendes Schreiben von Cremieur an das Journal des Dehnt* ergiebt: "Zch bin in der lebhaftesten Freude. Es schien mir nicht möglich, daß das unglückkiche Ereigniß in Damaskus noch eine Quelle wahrhafter Freude für mich werken sollte; aber wie kann ich anders, als mich der angenehmsten Bewegung hingeben, wenn ich das Schreiben von Merlato und das von Seid-Ali-Aga lese? Lesen Sie dieselben, mein theurer Freund, und fteuen Sie sich mit mir. Die großen Verbrecher sind unter dem einstimmigen Beifall der Muselmänner in Freiheit gesetzt worden. Die Muselmänner, welche durch falsche Berichte in Europa als Würhende dargestellt wurden, die bereit seien, das Quartier der Juden, der "Mörder" des Paters Thomas, zu demoliren, dieselben Muselmänner begleiteten in Masse die armen Freigelassenen. Sie folgten ihnen bis zum Tempel, wo sie in dankbarer Frömmigkeit für Mehemed-Ali und für alle ihre Beschützer beteten, ehe sie in ihre Wohnungen und in die Arme ihrer sie nicht erwartenden Familien zurückkehrten. Und diese Barbaren, die das Blut eines bejahrten und wohlthätigen Priesters trinken wollten, denken vor Allem zuerst an Gott und heben ihre mörderischen Hände gen Himmel! Diese Ungeheuer, die zwei wehrlose Menschen zerstM kelt und sich mit der abscheulichsten Schandthat befleckt hatten, werden von einer großen Volksmenge wie im Triumphe begleitet, die mit ihnen die höchste Gewalt segnet, die Gerechtigkeit gegen sie geübt und ihre Fesseln zerbrochen hat. „ "Es ist dies ein Tag der Freude für edle Seelen,"" heißt es in dem Schreiben Merlato's. Wissen Sie wohl, mein Freund, daß hier fünfzehn Personen find, die einem schimpfllichen Tode durch Henkershand oder dem unseligen Tode im Gefängnisse entgangen find? Urtheilen Sie, die Sie oft Zeuge waren von meiner unermeßlichen Freude, wenn es meinem Worte gelang, einen Unglücklichen, der eines Kapital-Verbrechens angeklagt worden, vor den Geschwornen zu retten, — urtheilen Sie von meiner Freude bei einem so ergreifenden, so volksthümlichen Schauspiel! Es waren da sieben Menschen, welche die Tortur verstümmelt hatte, zwei, die verschont geblieben, und sechs, die sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen hatten, und Alle find heute ftei, umgeben von ihren Frauen, ihren Kindern, ihren Brüdern, von denen sie seit sechs Monaten beweint wurden! Welch ein Wunder ist diese Rückkehr ins Leben.Wenigstens wird man doch nun, nach demllrtheile in Rhodus, nach der ttiumphirenden Befteiung der Juden in Damaskus, nicht mehr die abgeschmackte und barbarische Blut-Anklage gegen die Zuden erheben. Leider hat die Tortur vier Schlachtopfer, zwei Angeklagte und zwei Zeugen, gctödtet! Wann wird man doch aufhören, auf das Geschrei fanatischer Barbaren unschuldiges Blut zu vergießen? Wir wollten von Mehmed-Ali die Abschaf-