Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 11 (20.12.1840)
- Date
- 1840-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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43 zu dem edlen Unternehmen vereinen. Wenn aber jener Vorschlag keinen Beifall'findet, wenn man es vielleicht vorziehen sollte, bei den Redaktionen der israelitischen Zeitschriften auf einen Beitrag zu subscribiren: so werden gewiß alle mit uns bereit feyli, die Unterzeichnungen anzunehmcn, und sie seiner Zeit, zum Bchufe der wirklichen Ausführung zu veröffentlichen. ' Die Nedaktion des Israeliten des neunzehnten Jahrhunderts. Geschichte des Tages. Nachdem Cremieur seine ehrenvolle Mission vollbracht hat, unterzieht er sich einer andern, nämlich der Civilisation der morgenländischen Israeliten, mit gleicher edlen Hingebung. — Das Journal des Bebats veröffentlicht hierüber einen Auszug aus einem Briefe aus Kairo, wovon wir unfern Lesern Folgendes mittheilen: „Hr. Cremieur hat hier vor Kurzem zwei jüdische Schulen gegründet, die eine für Knaben, die andere für Mädchen. Das elende Aussehen dieser Kinder war sehr rührend. Sie waren fast alle nackt oder in Lumpen und ohne Fußbekleidung. Sie litten durchgängig an Augenkrankheit und andern Uebeln. In einer Synagoge waren ohngefahr 150 Knaben beisammen. Auf ein Zeichen traten 20 aus der Menge, setzten sich auf abgenutzte schmutzige Strohmatten, oder auf das Pflaster, und übersetzten Alle 'zu gleicher Zeit die Bibel ins Arabische — aber in welches Arabische! — Man lehrte diese Kinder besser übersetzen und versprach ihnen Bänke, worauf sie sich setzen könnten. — Hr. Cremieur *) trug Sorge, sie unverzüglich von Kopf bis zu Fuß kleiden zu lassen. Es wurde ein Comite aus 12 israelitischen Einwohnern der Stadt gebildet, um mit den Unterstützungen, die aus dem Occident kommen werden, für die Ausgaben der neuen Schulen zu sorgen. Hr. Cremieur hat sich verpflichtet, jährlich 6000 Frs. zu verschaffen. Die Knaben werden hebräisch, arabisch, italienisch, ftanzösisch. Rechnen und etwas Geographie lernen; die Mädchen: hebräisch, arabisch, italienisch und französisch, diese beiden letzteren Sprachen aber nnr beiläufig. Die Hauptbeschäftigung für sie wird in weiblichen Arbeiten bestehen. Die meisten Krankheiten dieser Kinder entstehen aus Mangel an Pflege. Man hat nun^dafür gesorgt, daß cs ihnen in Zukunft hieran nicht fehle, und die Kranken die nöthige ärztliche Sorgfalt erhalten. Clot- Bey hat sich aus eignem Antriebe mit der ihm gewöhnlichen Hingebung dieses Liebeswerk auferlegt. Er wird unentgeltlich Arzt der Schule bleiben. Zm Hofe einer jeden Schule wird für Brunnen gesorgt werden, wo sich die Kinder täglich mehrmals waschen, und ein großes Wasserbecken errichtet, wo sie sich dreimal wöchentlich baden werden. Das Etablissement wird sie jährlich zweimal mit neuen Kleidern versehen. Die Kinder werden auch in der Schule zu Mittag essen, aber sich dazu nicht, wie es im ganzen Orieüt der Brauch ist, ihrer Finger, sondern nach europäischer Weise der Gabeln bedienen. Das Lokal der Schulen ist schön, gut gewählt und hat eine sehr gesunde Lage. Alle Gemächer find lustig und geräumig. Mehrere ausgezeichnete Männer aus Frankreich, welche Kairo bewohnen, haben versprochen, für das Etablissement Sorge zu tragen. Wir nennen besonders die Herren Linant, Lambert, Dozol, Mengin und Geoffroy, den Kanzler des Consulats. Um dieser Schule bei der jüdischen Bevölkerung Eingang zu verschaffen, ließ Hr. Cremieur die armen Familien m die Synagoge bescheiden. Hier machte er sie auf den Nutzen eines güten Unterrichts aufmerksam, sagte ihnen, dieser werde vom Gesetze geboten, und die Juden im Abendlande verdankten einer bessern Erziehung die bürgerlichen Rechte, welche sie in den gebildetsten Landen Europa's genießen. Diese Worte wurden von Hrn. Munk, einem trefflichen Gelehrten israelitischen Glaubens, sogleich ins Arabische und Hebräische übersetzt und mit dem lebhaftesten Danke ausgenommen. Der Oberrabiner, Hr. Adda, ein angesehener Mann aus Kairo, unterstützte den Hrn. Cremieur mit vieler Wärme. Zugleich wurde eine Schulordnung in arabischer und ftanzösischer Sprache entworfen, welche durch die Einsicht, die Geduld und die edle Warme - des Hrn. Munk im Einverständnisse mir den neuen Lehrern schnell zu Stande kam."—Die Reise des Hrn. Cremieur wird also.mehr als eine Frucht getragen haben, und die von den dortigen Zsraeliten erlittenen Verfolgungen werden, indem sie die Sympathieen des Abendlandes nach dem Oriente geleitet haben, in Aegypten eine Bildung veranlassen, welche die dortigen Israeliten in jeder Hinsicht heben muß.— Alle beffergesinnten Israeliten Preußens sind freudig bewegt; denn Vieles soll darauf hinveuten, daß die neue Regierung auch der Verbesserung des israelitischen Cultus- und Schul-WesenS ihre edle Fürsorge widmen werde. Möchten wir bald über die wirklichen Schritte, die zu diesem Behufe geschehen, berichten können! — Auch irr Oe streich, wo die. Regierung zwar nicht unmittelbar in die inneren Angelegenheiten der Zsraeliten eingrcist, aber die Veredlung derselben sonst auf alle Weise fördert, schreitet das Bessere rastlos fort. So sind jetzt wieder in Lemberg die Gebildeteren zusammengetreten, um einen neuen Tempel zu gründen, und den Gottesdienst nach Art der in mehreren deutschen Städten getroffenen Einrichtung anzuordnen. — Eigen ist es in Frankreich. Der Zustand der dortigen Synagoge steht bei weitem dem in Deutschland nach. Wird aber einmal das Bcdürfniß einer Umgestaltung empfunden, dann geht diese auch bald vorwärts. Ein Beispiel hiezu liefert Lyon, die zweite Stadt Frankreichs. Noch vor wenigen Jahren nannte ein öffentliches Blatt die dortigen Zsraeliten Unglückliche, über welchen der Fluch Gottes schwebe. Jetzt aber haben durch den edlen Eifer eines Herrn Heymann, Vorstehers der Gemeinde, die Sachen schon eine ganz andere Gestalt erhalten. Ein Wohlthatigkeitsbüreau und eine Schule wurden errichtet, an deren Spitze Herr Worms, Sohn des Oberrabbincn von Metz, gestellt ward. Auch das Bedürfniß der Predigt in der Synagoge ward empfunden, und man berief einen Hrn. Charleville, Sohn eines anderen Oberrabbincn in Metz, um diese Functtonen zu versehen. Selbst in Algier gewahrt man schon die gute Einwirkung der Franzosen auf die inneren Verhältnisse der Israeliten. Bereits ist der Maire der Stadt von dem Director des Innern veranlaßt worden, eine Commission, theils aus ZSraeltten, theilS •) Wie andere Blätter melden in Verbindung mit Montefiore.