Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 6 (15.11.1840)
- Date
- 1840-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566759--0034-2567595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 schriften gewissenhaft befolgt, ist ein frommer Israelit zu nennen. 36. Die andern heiligen. Bücher verbreiten über die mosaische Lehre ein so Helles Licht, daß wir in ihnen die sichersten Wegweiser zur wahren Frömmigkeit besitzen. Vorzüglich lehren sie uns auf das nachdrücklichste, daß fromme Handlungen in den Augen Gottes keinen Werth haben, wenn sie nicht mit einem rein sittlichen Lebensivandel verbunden sind. ~ 39. Durch sie wissen wir auch, daß alles Ungemach, welches Israel von jeher zu erdulden hatte, von der Vernachlässigung des Gesetzes herrührt, und daß es für Israel kein Heil gibt, wenn nicht wahre Frömmigkeit in seiner Mitte herrscht. 40. In diesem Sinne vorzüglich ist auch Israel ein Volk Gottes. „Ich liebe euch", sagt der Prophet im Namen Gottes, „darum vergelte ich eure Sünden"., 41. Durch die Propheten hat aber auch Israel die Hoffnung, daß einst alles sittliche Uebel, durch welches die Menschen überhaupt und die Israeliten besonders so sehr leiden, aus der Mitte der Menschen verschwinden werde, und daß dadurch alle Menschen in wahrer Liebe und reiner Gottesverehrung vereint seyn werden. 42. Diese zu erwartende glückliche Zeit nennen wir die Zeit der Erlösung, auch die Tage des Messias, des Gesalbten, zum Andenken an den gesalbten Körrig David. 43. Nähere Aufschlüsse über die zukünftigen Schicksale der Israeliten suchen wir vergeblich in den heiligen Büchern. 44. Die Lehre von der Auferstehung der Todten ist für uns irr ein tiefes Dunkel gehüllt, und wir finden über sie in der heiligen Schrift nur unzulängliche Andeutungen. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Tsarphati hat wieder einen Brief im Lourier de la Moselle vom 24. Juli veröffentlicht. Er spricht sich in demselben über manches Mißbräuchliche aus, ganz besonders es tadelnd, daß man sich ch der Synagoge der geschriebenen Gesetzrollen bediene, während die gedruckten Bibeln wohlfeiler, bequemer und zweckmäßiger wären; ein Manuscript, welches in unseren Tagen verfertigt sey, habe so wenig inneren Werth, wie eine athenische Münze, die man heute nachprägte. Er geht dann ein in die Art der Religio ns weihe der Jugend, nach vorangegangcnem Religionsunterrichte, welche Handlung Lmancipation religieuse genannt wird. Hier lobt er vorzugsweise die Fortschritte der deutschen Israeliten und findet ihr Beispiel nachahmungswerth, aber dazu erklärt er es für dringend nothwendig, einen neuen Katechismus zu verfassen. Der jetzt in Frankreich übliche sey höchst einseitig. »Dies Werk", sagt er, »fehlt gegen die Form und gegen die Grundwahrheit und ist keiner Verbesserung fähig. Schon in der vierten Frage ist die Defini-! tion: ein Israelit ist ein Nachkomme der Patriarchen Abraham rc. lächerlich und falsch: lächerlich, weil dadurch Abraham selbst ausgeschlossen wird, falsch aber, weil sie die Lehre von der Geburt abhängig macht, also von Zufälligkeiten. Eine Nationalreligion ist eben so widersinnig, als eine Nationalphilosophie, eine Nationalgeometrie; die Wahrheit, diese Himmelstochter, gehört dem Menschengeschlechte an. Jeder Glaube, welcher das Erbgut einer Nation, eines Landes, zu seyn vorgiebt, kann nicht der wahre seyn und erklärt sich selbst für falsch. Ein unerläßliches Kriterium für jede wahre Religion ist eine Art von Katholicität.» So treffend die letzten Bemerkungen sind, so scheint es doch, als ob unftr französischer Glaubensbruder den Unterschied zwischen der Religion, wie sie in dem Bewußtseyn des Denkers lebt, und wie sie Bedürfniß für das Volk ist, nicht recht würdigte. Die Doktrin, an sich noch so rein und universell, muß, wenn sie in das Bewußtsein des Volkes eingehen und dort eine lebenskräftige Gesinnung erzeugen will, allerdings von ihrer Schärfe verlieren und sich mit Formen verbinden, deren der philosophische Verstand nicht bedarf. Diese Formen werden sogar nicht ganz frei von nationalen Einflüssen seyn, und wenn sie (wie z. B. die ehrwürdigen Thora-Rollen) sonst ächt-fromme Gesinnungen erzeugen und beleben, so wäre es Sünde, sie den Gemüthern, welche sich daran erheben, zu nehmen. Das Streben erleuchteter Religionslehrer muß nur dahin gehen, das Volk zu der immer klareren Erkenntniß der höchsten Wahrheiten heran;ubilde», und an die Stelle solcher Formen, die ihre ursprüngliche Würde und Einfachheit nicht beibehalten haben, und darum das religiöse Gefühl auch nicht mehr stärken und beleben, sondern es tödten und irre leiten, allmählig (und immer nur auf dem Wege der Belehrung und Ueberzeugung) würdigere und zeitgemäßere zu setzen. Wie falsch die von einigen Blättern verbreitete Nachricht gewesen, als ob es den beiden Reisenden Cremieur und Montefiore nur um die Begnadigung der Damasker Gefangenen zu thun gewesen wäre, geht daraus hervor, daß nach einem Schreiben aus Alexandrien dieselben sich keineswegs mit dem Ferman des Pascha, durch welchen die Gefangenen in Freiheit gesetzt wurden, sich begnügten, sondern darum baten, daß die Angelegenheit bei den Gerichten verfolgt werde. Englische Blätter enthalten die Nachricht, daß auch der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika den Konsul in Alexandrien beauftragt hat, sich für die Israeliten in Damaskus zu verwenden. In einem Nachrufe, den ein hoher Beamter in Warschau seiner in einen offenen Brunnen gestürzten zwölfjährigen Tochter in der dortigen Zeitung hält, befindet sich folgende Stelle: »Auf den beim Sturz des Mädchens entstandenen Lärm eilt ein Israelit. Namens Jankiel Moskienoiz Krösler, herbei, und ohne Rücksicht auf den von seiner Religion streng gebotenen Ruhetag, denn es war Sonnabend, ohne sich zn bedenken, daß er selbst Ehemann und Vater von mehren kleinen Kindern ist, ohne erst sich zu erkundigen, wen das Unglück betroffen hat, und gewiß ohne irgend eine Aussicht auf Belohnung, läßt er sich an einem Seile in den tiefen Brunnen hinab; doch der üble, irre-! fpirable Dunst des verunreinigten Wassers, den er nicht lange 1 auszuhalten im Stande ist, nöthigte ihn bald, sich schnell wieder