Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 6 (15.11.1840)
- Date
- 1840-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566759--0035-2567596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hinauftiehen zu lassen. Durch dieses erste Mißlingen seines Unternehmens jedoch keineswegs abgeschreckt,' läßt er sich hierauf zum zweiteomale hinab, obgleich jetzt schon eine große Menge von müßigen Zuschauern sich um den Brunnen versammelt hatte, und holt aus dem in der Tiefe 44 Fuß hoch stehendem Wasser das Kind herauf. Die hierauf angesteltten Wiederbelebungsversuche blieben leider! fruchtlos. Aber, hat auch der Erfolg nicht der Hoffnung entsprochen, die That des Zsraeliten bleibt eine edle, von wahrhafter Menschenliebe und Selbstaufopferung zeugende, und der erste Moment des freien Aufathmens aus dem tiefen Schmerz wird würdig dazu benutzt, dem chrenwerthcn JSraeliten hiermit den öffentlichen Dank darzubringen.-« In dem Morgenbatt schildert ein Korrespondent die Feier eines Volksfestes in Brüssel, welches noch jetzt dort zum Andenken der Verbrennung vieler Tausende von Juden gehalten wird. Der fanatische Pöbel des Mittelalters hatte nämlich einen Juden beschuldigt, eine Hostie gestohlen zu haben, worauf Herzog Wenzeslaw befahl, daß alle Juden bei lebendigem Leibe verbrannt werden sollten. Noch vor wenigen Jahren zeigte man dem leichtgläubigen Volke die Blutstropfen, die ununterbrochen aus der Hostie quollen. — „Aber«, bemerkt der vorurtheilsftcie Korrespondent weiter, „so allmächtig und unaufhaltsam ist der Schrttt der Zeit, daß in der Mitte dieses Volks, welches an diese Blutstropfen glaubt, und Freudenfeste zu ihrem Andenken feiert, daß in Mitte dieses Volks, sage ich, die Juden froh und -glückllch im vollsten Genüsse aller bürgerlichen -und politischen Gleichheit leben, und was noch mehr als dieses Alles ist, der Gleichheit mit ungeschmälertem Vertrauen genießen, und dieses Vertrauens sich auch würdig zeigen. Der Vorwurf, den man den Juden macht, daß der Handelsgeist bei ihnen vorherrsche, verschwindet in Belgien, wo die ganze Nation ihn theilt, wo Alles Handel treibt, vom Minister bis zum Dauer, und wo selbst Persoi^n von der ältesten Aristokratte, wie Villain XIV. re., die Börse besuchen. Uebrigens giebt es in der belgischen Armee und unter den Gelehrten viele jüdische Rainen, die mit eben so vieler Achtung genannt werden, als die Firma der großen jüdischen Handelshäuser zu Antwerpen und Brüssel. An der hiesigen Universität sind mehrere Professoren dieses Glaubens, deren Namen auch in der deutschen Gelchrtenwclt bekannt sind, und von welchen ich nur den gelehrten Juristen Oulif zu cittren brauche. Man erzählte mir, daß unter den belgischen Offizieren, welche bei der französischen Armee in Algier Dienste genommen haben, sich zwei Juden befinden.. Hier ist die Emancipatiou der Juden eine vollständige, denn keiner denkt an ihre Religion. Wenn hie und da Borurtheile sich breit machen, wie eben die grande Vermesse, so muß man doch gerecht sepn und gestehen, daß sie mehr dem Namen als der Person gellen, mehr den Juden, als dem Juden; der Name ist der Geschichte verfallen, aber die Personen der Gesellschaft. In Deutschland ist es umgekehrt; die Juven möchte.man schon cmancipircn, wenn man nur den Juden nicht neben sich dulden müßte. — Indessen haben die hiesigen Juden, wie auch die Juden in Frankreich und Italien, einen Umstand für sich, der ihre sociale Emancipation erleichtert: es ist die weniger markirte Aeußerlichkeit. Nicht als ob der belgische, französische, italienische Jude anders aussähe als der deutsche, aber der Deutsche sieht anders aus als der Franzose, Italiener und Belgier. Mitten unter den deutschen blauen Augen, blonden Haaren und hellen Gesichtsfarben trägt der Jude sein Glaubensbekenntniß zur Schau in seinen schwarzen Locken, in seinen glühenden Augen; sein dunkler Teint verräth ihn sogleich als einen, den das heilige Wasser der Taufe nicht gewaschen hat, und was sein Gesicht noch verschweigt, das sagt er "durch Gestikulation, durch die Bewegungen seiner Hände, wenn er spricht. Aber in Frankreich, Italien, Belgien, wo Alles schwarze Augen und schwarzes Haar und dunkeln Teint hat, wo jeder beim sprechen gcstikulirt, fällt diese Unterscheidung von Außen so ziemlich weg, und der erste Schritt zur socialen Emancipation ist von selbst geschehen. Man'kann diese Bemerkung schon in Wien machen, wo die bürgerlichen Rechte der Juden um kein Haar größer sind, als im übrigen Oesterreich, während ihre sociale Stellung eine viel angenehmere ist. Und warum? Weil erstens der Zusammenfluß von Fremden, namentlich Italienern und Griechen, den Juden unter diesen verschwinden läßt; andererseits hat der Wiener selbst in Haaren, Blick und Teint etwas dem Juden Aehnliches, und mancher Wiener von gutem römischkatholischem Glauben wurde in Prag und andern Städten für einen Sohn Abrahams, Isaaks und Jakobs gehalten, und erhielt einen Vorgeschmack der christlichen Liebe, mit welcher die Söhne 'des neuen Testaments die des alten behandeln. Eine andere Stütze der socialen Emancipation der Juden in Belgien wie in Frankreich ist das Gesetz der Eivilehe. Dadurch, daß der Segen der Kirche oder der Spnagoge nicht absolut nothwcndig ist, und der Streit über gcrnischte Ehen nie stattfindcn kann, ist die Hauptscheidewand zwischen Jude und Christ niedergerissen, und ich kenne ans persönlicher Bekanntschaft Familien, wo Christ und Jüdin, und Jude und Christin in glücklicher Ehe leben und ihre Kinder thcils im Glauben der. Kirche, thcils im Glauben der Spnagage erziehen. Es ist schon oft ausgesprochen worden: die Gestattung der Ehe zwischen Juden und Christen ist das vollständigste Mittel der Besserung der äußern wie der innern Verhältnisse dcr'Juden. Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kessclring'schen Hofbuchhandlung in Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von §)öll.und Schaffer in Kassel.