Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 4 (1.11.1840)
- Date
- 1840-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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14 liten entstanden, in allen mehr, oder weniger, sich geltend machte, ja selbst auf die ihre still überzeugende Kraft ausübte, welche ihr entgegenzutreten schienen. So hat nicht nur Ln einzelnen Erleuchteten und durch Wissenschaft Gebildeten der Vorzeit, besonders in der arabischspanischen Schule, die rein-mosaische Ansicht mit nicht geringer Stärke sich geäußert, was die Ursache ist, daß die letztere sich so eiftig bestrebte, den Zeremonien diätetisch-sittliche Gründe unterzulcgen; sondern sie trat auch bei den Saducäern, Therapeuten, Hellenisten, Essäern, Karaiten und bei allen, welche mehr, 'oder minder die Auslegeweise und den Formglauben der pharisäischen Schule verwarfen, hervor, ja sie machte sich selbst unbewußt bei der letzteren geltend. So paradox die letzte Bemerkung scheint, so drängt sie sich doch bei einem tieferen Blicke in das Streben und Wirken der pharisäischen Schule mit Nothwendigkeit auf. Was hätte denn sonst diese Schule berechtigt, nach Zerstörung des Tempels die Priester-, Opfer- und Reinigungsgesetze aufzuheben *). Erschien es nicht nunmehr als Pflicht, sich, wie vor Erbauung des Tempels, der Opferhöhen zu bedienen? Durste man nicht in dem Tempel des Onias in Egygten opfern, so lange dieser noch stand, oder einen neuen irgendwo, erbauen? Konnte man Gesetze, deren Fortbestehen man anerkannte, (z. B. die Zehnten vom Vieh, die Auslösung der Erstgebornen unreiner Thiere und der Baumfrucht vom vierten Jahre) wegen der entstandenen Schwierigkeit in ihrer Vollziehung mildern, oder ganz aufheben? Aber es war eben der Geist der reinmosaischen Lehre, der unbewußt auch in den Pharisäern wirkte und sie nöthigte, dem Aeußeren und Wechselnden in der Religion keine fortwährende Verbindlichkeit beizulegen. Und dieser Geist wirkte denn auch still und unbewußt fort in den Gesetzeslchrern und den Rabbinen und ließ sie zu keiner Zeit Reformen des Ritualgesctzes scheuen, wenn sie auch sonst demselben mit gleicher unbedingter Ehrfurcht, wie dem Sittengesetze, ergeben waren. Es haben diese Reformen und Modificationen des Ritualgcsetzes einen dreifachen Character; entweder man sah ein, daß die Beibehaltung eines Ritualgesetzcs der Sittlichkeit und wahrhaften Relegiosität nachtheilig war (wie das Heirathen der Bruders-Wittwc); oder man bemerkte, daß es mit der fortgeschrittenen Gesittung in zu großem Widerspruche stand (wie z. B. nrchrere Trauergebräuche); oder auch man sah, daß cs zu drückend und beschwerlich für die veränderten Lebensverhältnisse war und schaffte cs darum ab, (wie das Heißen am Sabbath durch einen Nicht- Israeliten, das ftühere Verbot des dem Nicht-Israeliten angehörigen Oels, die Aufhebung des Zinsen-Verbotes und des Erlaßjahres durch fingirte Verträge u. m. dergl.) In allen drei Fällen ließ man sich von der höheren Ansicht der rein-mosaischen Lehre beherrschen, welche das Einzelne und Aeußere in der Religion stets ihrem innern Gehalte und ewigen Zwecke unterordnet, und welche nicht zugiebt, daß ein wirklich-religiöses Gesetz mit dev Gesittung, oder dem Leben in grellen Widerspruch trete. Ja selbst da, wo man cs am wenigsten sucht, bei den Kabbalisten und Mystikern, bewegte sich der Geist der rein-mosaischen Lehre, und ließ sie in dem nüchternen und todten Wesen des pharisäischen Systemes keine Beftiedigung mehr finden, sondern trieb sie hin ztl den Quellen der Mystik und Schwärmerei, um dort den brennenden Durst ihres' Geistes zu löschen. Seine stärkste und geschichtliche Beglaubigung, erhält aber der reine Mosaismus in der Ueberzeugung aller Vorurtheilsfteien und Verständigen der Gegenwart. Es ist nämlich eine ganz unbestreitbare Wahrnehmung unserer Zeit, daß jeder, dem nicht eine Geistesträg'heit und Schwäche des Willens von Natur eigen ist, oder dessen Verstand nicht durch allzuviel rabbinische Studien eine verschrobene Richtung erhalten, und wenn er auch sonst ganz im altgläubigen Sinne erzogen und gebildet worden, doch bald factisch sich vom starren Rabbinismus lossagt und seiner zeremoniellen Fesseln sich entwindet, sobald er nur eine höhere Bildung gewonnen, oder das Drückende und Unvereinbare jener Vorschriften mit dem Leben empfindet. Solche Beispiele kommen täglich vor, und man kann nicht behaupten, daß diejenigen, bei welchen man sie wahrnimmt, in wahrhaft-religiösen Dingen sich minder gewissenhaft zeigten; ja in der Regel werden sie von einer ächt-religiösen Ansprache, von einem schönen Gebete, von einer erbaulichen Predigt u. a., mehr angeregt, als die Zeremoniellftommen und stehen diesen gewiß auch, da wo es sich um moralische Gewissenhaftigkeit handelt,, nicht nach. Nichts kann also den starren Nabbinismus besser richten und zugleich in so hohem Grade die innere Wahrheit und die natürlich-überzeugende Kraft der rein-mosaischen Lehre beweisen, als dieses allgemeine Nrtheil derZeit, als diesesBewußtsein und Gefühl aller wahrhaft Gebildeten und Verständigen derselben. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Noch immer ist es so eisig und kalt auf norddeutschem Boden, und die Sonne der Humanität ,und der Freiheit wirft dort uns nur schwache Strahlen zu, wie folgender Bericht aus dem Hannovrischen beweist: «Schon längst (sagt der verehrliche Einsender) würden wir Ihnen -init der herzlichsten Bereitwilligkeit etwas Näheres über die bürgerlichen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in diesem Lande mitgetheilt haben, glaubten wir nicht hiedurch in Ihrem edlen Herzen, wie in allen, die, gleich ihm, sich für wahre Humanität und Menschenliebe interessireu, eine Saite der Wehmuth zu berühren; denn dasjenige, was wir Ihnen zu berichten im Stande find, ist leider nicht geeignet, ein freudiges Gefühl zu erwecken, und dürste vielmehr unter den vielen angenehmen Nachrichten, die Ihr Blatt über das israelitische Leben ertheilt, als *> S. Dorsche Haddoroth von Creirenach, Kap. 20.