Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 3 (25.10.1840)
- Date
- 1840-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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II und eben diese sind es, die beständig mit den Bauern leben und deren Gesinnungen anfcuern, was ihnen nicht zu verdenken ist. Noch mehr, der elsasser Iude haßt den deutschen Juden aus ganzer Seele, und dieser wird immer das Wort Deutscher als Scheltwort hören mnssen. Im Elsaß wohnen aber fast in jedem Dorfe Juden, und dreist kann man behaupten, .daß überall, wo sie wohnen, die Christen auch Juden sind. Im Unterelsaß sind sie sehr geliebt; nur im Obcrelsaß haßt man sie, und sie vergelten dies reichlich wieder. Denn unterwürfig ist der elsasser Jude gar nicht; erstens lebt er nicht in Städten, sondern in Dörfern und Wäldern, und zweitens ist er von dem Gefühle der Freiheit um so mehr durchdrungen, da er keine künstliche Bildungsstufe hat. Nur die Stadtjudeu sind, wie überall alle Stadthandelsleute, kriechend und schmclchelnd. Sonderbar! Gerade der Jude aber pflegt im Elsaß das Deutsche. Erkläre das wer wolle, ich habe immer dafür meinen Verstand zu kurz gefunden. Zuerst spricht der Jude schon besser Deutsch, wenigstens spricht er die Doppellaute richtig aus, während der Elsasser aus dem ei i, aus dem eu ü und aus dem au u macht. Dann trifft man nur bei Juden Lessing und Schiller; ich kenne Jüdinnen im Elsaß, die das Bischen Bildung, was sie haben, blos diesen Männern verdanken, die kein Wort Französisch verstehen und dennoch aus der Tiefe des Herzens Deutschland hassen. Auf solche Widersprüche stößt man im Elsaß jeden Tag- Ich hielt mich einmal acht Tage in Hatten, einem Dorf unweit Weißcnburg, auf, wo ein deutscher Jude, der ein elsasser Mädchen verleitete, von den dortigen Juden so zerschlagen wurde, daß er vierzehn Tage darauf starb; kein Mensch bekümmerte sich darum, die Miffcthäter anzuklagen. Ich warf dies dem Maire des Dorfes vor, und er erwiederte mir buchstäblich mit folgenden Worten: „Was wolle se mache? Es isch halt ä Dütscher!" Der Jude lebt gut mit dem Protestanten, weil sie beiderseitig etwas von der Bibel verstehen, die der protestantische Bauer kaum lesen kann, obschon erste schön einbinden läßt; er lebt gut mit dem Katholiken, weil dieser ihn lieber hat, als den Protestanten. Wie weit jedoch die Katholiken im Elsaß zurück sind, beweist der Umstand, daß ein Cantonsarzt mit Namens Lpen, der in Sulz souS Forc-ts war und als Jude den Bersöhnungstag nicht hielt, nach einem andern Canton versetzt werden mußte, weil die Katholiken darum petitionirten und behaupteten, ihre kranken Seelen nicht einem Manne vertrauen zu können, der gar nichts von seiner Religion halte. Jndcß sind die Juden in Dörfern, wo lauter Katholiken wohnen, nicht sehr beliebt, denn nirgend ist der Fanatismus größer, als im Elsaß, und nur die Regierung steht ihm im Wege. Deßwegen sind auch die Elsasser Juden durchaus Philippistcn, die Katholiken sehr oft Karlisten, die Protestanten aber alle Repuplikaner und Deutschthümler." Auch in Algier, in dem.vor einem Jahrzehnte noch so finstern und unknltivirtcn Algier, öffnen die Juden der eindringenden europäischen Cnltur ihr Herz. Sie haben in diesem Deccnnimn ungemein viele Fortschritte gemacht und eilen einer völligen Umwandlung des Sinnes und Strebens entgegen. Selbst das weibliche Geschlecht, bisher im Ganzen nach orientalischer Weise sehr zurückgesetzt, emancipirt sich durch eine bessere Erziehung. Eine sehr unterrichtete Dame aus Paris, welche vor einigen Jahren eine Mädchenschule in Algier errichtet hatte, sieht schon jetzt ihre Bemühungen von dein besten Erfolge gekrönt. Bor Kurzem fand eine öffentliche Prüfung in der Schule statt, welcher alle Notabeln der Stadt und viele vornehme Damen beiwohnten. Der Saal war auf das Glänzendste und Sinnvollste geschmückt. Ein Kind von U Jahren eröffnete die Feier mit einem Gebete für den König der Franzosen und erhielt dafür den Preis für gute Gedächtliißübung. Außerdem wurden 61 Preise verthellt, und die ausgezeichneten Schülerinnen wurden von angesehenen Personen bekränzt. Ein Oberst vom 17tcn leichten Regiment hatte sogar die Güte, die ganze Musik seines Regiments zu schicken, welche bei jedem Preise ein herrliches Stück spielte und dadurch die Feierlichkeit sehr erhöhte. Sir Moses Montcfiore und Cremicur sind am 4. Aug. in Alerandrien angekommen. Schon am 5. Aug. ward Montefiore beim Pascha cingeführt, zu dem er in seinem Rabbiner-Talar und mit einigen Begleitern sich begab. Mchmev Ali begrüßte ihn als einen alten Freund, unv Montefiore erwiederte, wie er hoffe, auch jetzt von ihm als Freund behandelt zu werden. „Hoheit! (fuhr er fort) Ein Verbrechen ist in Damaskus begangen worden. Juden wurden desselben beschuldigt. Das Gouvernement dieser Stadt hat schreckliche Qualen angewendet, um den Angeklagten Geständnisse abzuzwingen. Aber sobald Ew. Hoheit davon Kenntniß erlangten, ließen Sic, bewogen von den Gefühlen der Gerechtigkeit unv Menschlichkeit, die Sie auszcichnen, diese Prozedur sofort aufheben, um die Wahrheit zu erforschen. Hoheit! Diese Thatsachen sind zu unserer Kenntniß gekommen. Wir sind hierher gekommen, unsere Unterstützung unseren Brüdern zu leihen, die sich ohne Schutz befinden. Wir verlangen deßhalb von Ihnen, uns einen Firman zu verleihen, der in der authentischsten Form uns die ausgedehntesten Rechte ertheilt, um zu Damaskus alle die auszuforschen, die uns Aufschluß über diese traurige Sache geben können, sie vernehmen zu können, wann chir wollen, und überall, wo wir es für angemessen finden werden." Mehemrd Ali verlangte einige Tage, um über eine so wichtige Sache Nachdenken Lu können, und meinte, daß ihm allerdings daran liege, daß sein Land auch in der Gerechtigkeitspflege hinter den übrigen nicht zurückstehe. Für den 7. Aug. war dann die Präsentation des Herrn Cremicur anberaumt, unter der Einführung des Herrn Cochelet; doch erfuhr man am 6. Aug., daß der Pascha Tags darauf plötzlich nach seinen Gärten in Uzveh abreiscn werde, und auf ein desfallsiges Gesuch des Herrn Cremicur ward dieser noch denselben Tag vorgelaffen. Herr Cremicur begrüßte ihn mit der Anrede, wie erfreut er sep, eiucn Mann zu sehen, auf den Orient und Occident jetzt die Blicke gerichtet haben, und entlockte dadurch dem Greis ein zufriedenes Lächeln. Auf die Exposition des Herrn Cremicur, warum auch er gekommen, erhielt er zur Antwort, daß der Pascha augenblicklich nach seiner Rückkehr auf das Ernstlichste mit dieser Sache sich beschäftigen werde." Auch hat er Wort gehallen, der kühne Herrscher von Egypten, wie folgendes Schreiben in der A. Z. beweist: Triest, 20. Sept. Ein aus bester Quelle kommender Brief aus Alexandria v. 6. d. M. enthält Folgendes: Der Judenprozeß in Damaskus ist nun als völlig beendet anzusehen. Mehemed Ri hat an die H.H. Montefiore und Cremicur eine Verfügung erlassen, kraft welcher sämmtlichen in Gewahrsam befindlichen Juden die