Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 1 (4.10.1840)
- Date
- 1840-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 seinem Wirken außerordentlich gehemmt, da das Institut aller Autorität sowohl bei dem Staate, als bei der Gemeinde, ermangelt. Die Gesinnung, deren Organ ein gewisses Blatt ist, ist leider! überall und auch hier die herrschende, und Ihr Streben und Ankämpfen gegen die Fesseln des starren Nabbinismus findet jetzt weniger Anklang, als selbst vor 25 Jahren. Man ist heut zu Tage viel mehr, als damals thalmudisch gesinnt, und es ist nicht zu leugnen, daß die jüdische Angelegenheit sich im Rückschreiten befindet .Was in commercieller Hinsicht der deutsche Zollverband unter der Aegide Preußens, das müßte in theologisch-religiöser Hinsicht ein ähnlicher Verband unter der Aegide des hiesigen, oder eines andern Tempels sein und erstreben; zu diesem Verbände müßten sich alle gleichgesinnten Rabbincn und Prediger halten, feste Principien zum Grunde legen und darnach dann auf ihre Gemeinden wirken. Schon längst wollte ich eine ähnliche Idee bei Geiger anregen, doch mir ist die Zeit zu karg zugemcssen. Fahren Sie indeß muthig fort, damit wenigstens noch ein freies Wort gehört werde; es wird sich bald zeigen, ob der Fortschritt aufgegeben werden müsse, oder ob die Hemmungen nur einstweilige sind. Fast fürchte ich das Erstere, da eben die halben Maßregeln, die überall genommen werden, der Zukunft jede Garantie rauben, indem sie die einen erbittern und die andern nicht befriedigen. Man geht auch damit um, eine fromme Schule zu errichten, in welcher diejenigen Dinge sanctionirt und fest zu Grunde gelegt werden sollen, von denen wir bedauern müssen, daß das ältere Geschlecht sie noch so fest hält. Wann werden die Menschen endlich einmal einsehcn und wissen, was Religion heißt? Und wann werden sie, trotz der schönen Phrasen, die sie im Munde führen, dahin kommen, in's Leben sie einzuführen?" (Bemerkung der Redaktion:) Wir können mit dem sehr geschätzten Verfasser, der der Wirklichkeit, da sie noch immer hinter seinen Idealen geblieben, vielleicht zu sehr zürnt, nicht ganz übereinstimmen. Man ist jetzt nicht nur nicht mehr, sondern weit weniger thalmudisch gesinnt, als vor 25 Jahren; denn was damals nur wenige Erleuchtete erkannten, das durchdringt jetzt Hunderte und Tausende und regt selbst die kleinsten und noch wenig gebildeten Gemeinden zum Fortschritt an, wenn dieser auch, um organisch und wahrhaft heilsam zu werden, auf die vorherrschende Gesinnungs- und Bildungsstufe Rücksicht nehmen muß; er ist darum nicht minder kräftig und energisch, als die frühere Begeisterung in einigen gebildeten Gemeinden für Herstellung eines veredelten Gottesdienstes war. Freilich ist die Gluth jener Begeisterung nicht mehr so stark, wie ehemals; das kann auch nicht wohl anders sepn; die Gluth mußte, nachdem ihr Gegenstand im wesentlichen erreicht war, nach und nach zur stillen, ruhigen Flarnme werden. Aber was sie seitdem an innerer Stärke verlor, das hat sie durch ihre äußere, durch ihre Verbreitung nach allen Seiten hin tausendmal wieder gewonnen;. und was damals blos unter den Höhergebildeten lebte, das wird jetzt von ganz einfachen Leuten empfunden; das theilt fast überall das Heranwachsende Geschlecht, das macht sich allenthalben Platz und wird von jedem vernünftigen Dorfschullehrer jetzt mit derselben Kraft erstrebt, wie ehemals von den Schülern Mendelssohn's. Ein Gleiches möchte mit dem Tempel in Hamburg der Fall seyn, der durch die 25 Jahre seines Bestehens und die rege Theilnahme, welche die Mitglieder kürzlich bei der Aufnahme eines neuen Predigers äußerrcn, es sattsam beweiset, daß die heilige Sehnsucht, welche die Grüncer rer Anstalt beseelte, noch nicht in ihren jetzigen Theiinehmern erloschen ist. Aus Gladenbach, im Großherzogthum Hessen, wird uns folgender merkwürdige Vorfall gemeldet: Die Stunde der Entbindung schien für die kränkliche Ehefrau des dortigen israelitischen Einwohners O. die Stunde des Todes zu werden, als vier wackere Aerzte herbeigecilt kamen und durch den Kaiserschnitt Mutter sammt Kind retteten. Letztere, von heißem Danke erfüllt, trug denselben (welche zum christlichen Glauben sich bekennen) Gevatterstelle an, was diese mit Bereitwilligkeit aunahmen. In festlichem Anzuge erschienen sie am Beschneidungstage in der von Inden und Christen angefülltcn Synagoge, wurden mit dem Zuruf: "Willkommen im Namen des Herrn!" begrüßt und nahmen nach dem Beschneidungsakte den Knaben abwechselnd auf den Arm, der auch, was unter den Israeliten nicht gewöhnlich ist, die Namen seiner vier Gevatter erhielt. Zum Schlüsse ward für das Wohl der Mutter, des Kindes und der vier Gevatter ein Gebet in deutscher Sprache gesprochen. So hat denn auch hier die an dem Gefühl der Dankbarkeit sich erhobene humane Regung des Gemüthcs den Sieg über beengende kirchliche Bestimmungen davon getragen! (Bekanntlich darf, was die Allg. Kirchenzcitung erst kürzlich wieder zu beweisen suchte, kein Israelit Pathenstelle bei einem christlichen Kinde versehen, und daß die strengorthodore Ansicht im Judenlhume dieses umgekehrt ebenfalls nicht zuläßt, dürfen unsere Leser mit Recht voraussetzen.) (Rabbinischer Waffenstillstand.) In Breslau hielt Dr. Geiger eine herrliche Trauerrede auf den verstorbenen König von Preußen, nachdem vorher bei demselben Gottesdienste der Rabbiner Ti ktin ebenfalls einen geistreichen Bortrag gehalten haben soll. Geiger ließ sich diesen Vorrang gefallen, und Tiktin blieb dagegen auch bei der Rede des Letzter» in der Synagoge. (Novität.) In Trier ist jetzt die erste deutsche Predigt von dem Candidaten M. Heß gehalten worden. ((Kuriosität.) Ein neues Synagogen - Regulativ für die Synagogen Hamburgs ordnet an: »ij daß Jedermann während des Gottesdienstes auf seiner Stelle zu verbleiben hat; 2) Kinder unter 5 Jahren dürfen nicht in die Synagoge kommen; jedem, der keine Stätte besitzt, wird eine angewiesen; 3) während des Gottesdienstes nicht zu sprechen, und irgend eine Störung zu verursachen; 4) dem Ehasan gegenüber, überniinmt der Unterchasan die Leitung der Gebete, welche die Gemeinde zu beten hat, so daß dieser sie anfängt und endet; 5) daß daher Niemand mit dem Ehasan mitsingen darf; 6) die Kohanim werden vor jedem Festtage eingeübt, und Andere dürfen sich nur leise jenen anschließen. Wer hiegegeu handelt, wird zur Ordnung verwiesen, oder aus der Synagoge entfernt. Zu gleicher Zeit ist die Mizwot-Versteigerung in den Synagogen aufgehoben worden, und darüber im Regulativ verordnet: die Aliot und Mizwot werden nach einem festen Tarif in den Wohnungen der Syndici verkauft, wo ein Jeder bis zum Vorabend sich zu melden hat; Chiubim müssen sich beim Küster bis zum Vorabend