Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 14 (20.6.1866)
- Date
- 1866-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 138 — Daß diese Mittheilung auf Jonathan einen üblen Eindruck gemacht hatte, konnte man leicht bemerken, und vergebens waren die Vorwürfe, die ihm Amram wegen seines Mißtrauens machte. Da ward ein Bote aus Mizpah vorgeführt, der Jonathan einen Brief überreichte. Das Schreiben durchlcsend, ward er merklich immer aufgeregter, kaum beendet, warf er es zähneknirschend auf den Tisch, und als Amram wieder daran ging, Jonathan wegen seines Mißtrauens Vorwürfe zu machen, wurde dieser zornig: „Da lies!" rief er, indem er den eben erhaltenen Brief Amram in die Hand drückte. Dieser las: „Geliebter Bruder Jonathan! „Zehnfach empfinde ich den Schmerz, den ich dir bereite, aber ich kann nicht anders. Jphigenia war hier und gestand mir ihre Schuld. Sie ist deiner unwürdig. In der Nacht hat sie Mizpah verlassen. Ich fand folgende Zeilen: Ich fliehe nach Jaaser, um die unglückliche Gattin Alkymos' zu werden, fluche mir nicht Jphigenia." „Du belagerst Jaaser, und sie dürfte dir begegnen, weiche ihr aus und sei ein Mann Rebecca." „Es ist eine höllische Lüge!" rief Amram, „die ich noch nicht erklären kann. Rebecca muß betrogen worden sein, Jphigenia war nicht in Mizpah." „Betrug oder kein Betrug, gleichviel!" rief Jonathan, „Jaaser soll heute noch in lichten Flammen brennen, ich will dem Alkymos ein Hochzeitfeuer anstecken, daß die Furien der Hölle jauchzen sollen. Heute noch müssen die Mauern Jaasers fallen." (Fortsetzung folgt.) Ein Medirinrr. Original-Novelle von Arnold Weisse. Sechstes Kapitel. Liebe. (Fortsetzung.) Nicht weniger unentbehrlich waren einander Salamon und Lotte geworden. Wie schon gesagt, war ihre Liebe noch im Stadium jenes süßen Bewußtseins, das stets nach Worten ringt, um sich zu manifestiren, sie aber nie findet. Ein Zufall sollte auch da helfen. Eines Tages, da Salamon das Bett, wie bereits schon mehrere Male, verlassen durfte, wollte es der Zufall, daß er einige Zeit mit Lotten allein im Zimmer sich befand. Sie ergriff ein Buch, um ihm, der noch nicht selbst lesen durfte, vorzulcsen. Leider können wir nicht sagen, daß er sehr aufmerksam auf die Verse lauschte, die doppelt schön aus dem Munde des holden Mädchens erklangen. Er hörte nur die Stimme, die Worte schuf er selbst dazu. Und diese Worte, wie waren sie so süß, so glückverheißend! Davids Phantasie war unbeschadet seines Verstandes stets eine lebhafte, ja feurige gewesen. Er gehörte zu jenen Naturen, die dazu berufen sind, von der Medicin den Vorwurf abzuwälzen, als ertödtete sie in der Brust ihrer Jünger jeden Funken des ästhetischen Feingefühls und der Poesie, als könnten renommirte Aerzte nicht große Poeten sein. Selbst bei jenen Medicinern, denen Natur nicht die Gabe des wohllautenden Ausdrucks für die Glutenbilder ihrer Phantasie verliehen, bleibt gerade eher nach Vollendung der Studien das feurige Fühlen des Jünglings bestehen, als bei jenen, die andere Berufszweige sich ausersehen. Wir wollen nicht auf Schiller und dergleichen Muster mehr Hinweisen, die wirklich nicht große Aerzte waren. Wir können aber Albrecht Haller anführen, den größten Physiologen und poetischen Mediciner seiner Zeit, dessen poetische Gefühle so urnatürlich, so feurig waren, daß sie selbst die zöpsische Form der damaligen Zeit vermieden und in selbstgeschaffenen weiten Grenzen sich bewegten. Die Ursache dieser Erscheinung liegt nahe. Der Jurist, der Geschäftsmann, sie blasen alle den goldenen, sonnigen Blütenstaub von den Erscheinungen des Lebens und zurück bleibt höchstens der kalte Glanz des Goldes. Des Mediciners Herz und Phantasie werden, wenn sie überhaupt bestehen, mächtig angeregt durch das Leiden, das er zu lindern hat. Und wenn er hinaustritt aus der dumpfen, trüben Krankenstube in das goldene Reich des stets bewegten Lebens, da schließt er dankbar die Natur in sein Herz, die sein gepreßtes Gemüth, das gezwungen war, in der Kranken - Atmosphäre dem diagnosticirenden Gedanken zu weichen, wieder erhebt, ihm duftet die Blume in doppeltem Wohlgeruche, die Sonne strahlt in zwiefachem Gold, und seine Phantasie bekleidet die nackten Erscheinungen des Privatlebens mit ihrem himmelblauen, sterndurchwirkten Kleide. Mögen die verehrten Leser und Leserinnen uns diese kurze Abschweifung von unserer Erzählung verzeihen. Sie ist hervorgerufen durch die massenhaften Borwürfe, die unverschuldeter Weise in dieser Richtung den Medicinern gemacht werden. Wir kehren aber schon wieder zurück zum lebendigen Getriebe der Thatsachen. — Salamon war Poet. Auch in den Zeiten seiner bittersten Noth hatte er in den stillen Stunden der Nacht, da das Secirmesser blank geputzt im Etui ruhte, und er die Partie, die er zum Studiren für diesen Tag sich festgesetzt, beendet hatte, die Muse herbeigcrufen, um, wenn noch einige Tröpfchen Oel im Tiegel vorhanden waren, die flüchtigen Kinder der Phantasie an das Papier zu bannen. So war manch Poemlein entstanden, das er aber aus angeborner Bescheidenheit Niemand, selbst seinem Häusler nicht zeigte. Er glühte für Freiheit und Bölkerglück, für den Fortschritt der Menschheit; so waren seine Gedichte zumeist reflectirender, secundärer Natur. Jetzt erst sollte die echteste Poesie, die lyrische, die treueste Tochter der Liebe, in seiner Seele erwachen. Sie erwacht und immer mächtiger fluten ihre brausenden, tönenden Wellen in ihm empor. Wie sie da sitzt und liest, da steht es klar vor ihm wie Offenbarung, goldne Funken sprühen vor seinem Geiste, sein Puls fliegt, seine Hände zittern. „Verzeihung, mein Fräulein, einen Stift und etwas Papier, ich muß schreiben!" ruft er, seiner halb unbewußt. Sie reicht ihm erstaunt ihre Schreibtafel sammt dem goldnen Stift und wagt es nicht, ihn mit den Ausdrücken ihrer Besorgniß zu unterbrechen, trotzdem sie fürchtet, das Schreiben könne seinen kaum erwachten Kräften schädlich sein. Sie sieht nur sein flammend, bald auf sie, bald in die Luft gerichtetes Auge, und — schweigt. Er aber schreibt, blickt sie an, schreibt wieder — jetzt lächelt er, der Stift entfällt seiner Hand, das Tagebuch sinkt in seinen Schooß, er ist ohnmächtig. Sie stürzt erschreckt aus ihn zu, sie verliert zur Hilfe ihre Besinnung. „Mein theurer Freund, meine Seele erwache! Ich liebe dich, du wirst doch nicht sterben und mich zurücklassen auf dieselöden, finstern Welt, deren Sonne du für mich bist! Erwache, erwache!" Sie hebt seinen Kopf und drückt ihre Lippen fest auf die seinen. Gibt es einen geheimen heilenden Magnetismus der Liebe? Salamon erwacht, da noch die Lippen des halb bewußtlosen Mädchens auf seinem Munde ruhen, da ihre Arme seinen Hals umschlingen. Sie sieht kaum, daß er die Augen wieder aufschlägt, da erwacht das Gefühl mädchenhafter Scheu und Zurückhaltung in ihr und sie will sich los-