Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 11 (20.5.1866)
- Date
- 1866-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 116 — Der Schwarzkopf hat die Thüre leise geöffnet. Wir befinden uns wieder in Salamons Zimmer. Es stehen nur zwei Betten darin. In einem liegt blaß und abgezehrt unser Salamon, im andern seine Mutter, die das erste Mal nach öftern Nachtwachen sich wieder einige Stunden Ruhe gönnt. „So schläft er schon 24 Stunden, seit die heftige Krise vorüber," wendet sich der Lockenkopf — wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß er Paulinen angehört— an den Professor. „Ist dies kein böses Symptom?" — „Beruhigen Sie sich," sagt lächelnd der Akademiepräsident, „alle Gefahr ist vorüber, und täuscht mich der Puls nicht, so wird keine Viertelstunde vergehen und er erwacht mit vollem Bewußtsein. Ich kann es nicht läugnen, daß mein lieber Patient während seiner dreiwöchentlichen Krankheit dem unbekannten, vom Lethe umflossenen Lande näher war, als mir lieb. Doch, durfte er wohlsterben, nachdem er dem Medicinä-Professor Tochter und Schwester gerettet?" Jndeß hat sich Lotte leise dem Bette des Patienten genähert. Sie beugte sich über den lieben Kranken und hauchte unbemerkt einen leisen Kuß aus seine Stirne, auf seine edle, schöne Stirne. Salamon schlief noch immer jenen tiefen Schlaf der Reconvalescenten, darin die Natur heimlich, aber emsig die geraubten Kräfte wieder ersetzt. Ein Lächeln verklärt eben die Züge des Kranken, er lispelt im Schlafe: „Ich liebe Dich." — „Ob er wohl mich meint?" denkt Lotte, in deren Herzen diese Worte eine verwandte Saite trafen, die dieselben Töne wiederklang. Sie war es sich bei ihren täglichen Besuchen, die sie ihrem Lebensretter an der Seite ihres Vaters machte, immer mehr klar geworden, daß sie ihn liebe. Viel heftiger trat diese Leidenschaft bei ihr auf, als sonst bei andern Mädchen. Ihr kräftiger Geist konnte nur gewaltig lieben, odergar nicht. Noch hallten die schönen Worte, die er zu ihr vordem schrecklichen Unfälle gesprochen, in ihrem Herzen. Und hernach? Sie war augenblicklich bei vollem Bewußtsein, ihr jugendlich starker Körper, ihr starker Geist gab sich nicht lange dem Schrecken hin, der nur im ersten Anprall ihre Sinne betäubt. Sie sah ihren Lebensretter ohnmächtig werden und ließ ihn in denselben Wagen bringen, dahin man ihre verwundete Tante transportirt. Seine Ohnmacht wich endlich, um jedoch einem heftigen Delirium Platz zu machen. Endlich waren sie an der Station der Hauptstadt angelangt. Am Perron standen besorgte Verwandte, die schon früher dieselben erwartet, statt ihrer aber die telegraphisch gemeldete Nachricht von dem Unfall erhielten. Da stand auch ihr Vater, an seiner Seite ein stattlicher, im vorgerückten Alterstehender Mann — der Vater Häusler's. Der Vater sucht, erblickt sie, und freudig stürzt sie in seinen Arm, ihm in beruhigenden Worten die Verwundung der Tante vermeldend. Der alte Häusler sucht indeß seinen Sohn, der in einem andern Wagen sich befand, aber schon insoweit sich erholt hatte, daß er, von dem Vater gestützt, seinen Freund suchen konnte. Sie kehren zu der Gruppe des Professors zurück, da erkennt Häusler das Fräulein, welches in seinem Coups gesessen und ersucht sie um Auskunft über seinen Freund. Sie zeigt in den Wagen, daraus man eben ihre Tante hebt. „Hier ist mein Lebensretter! Papa, du hättest mich nicht mehr lebend erblickt, wenn es den immensen Anstrengungen dieses Herrn nicht gelungen wäre, mich und Tante aus einem Trümmerhaufen hervorzuziehen. Er hat sich eine Ohnmacht zugezogen und liegt, wie ich glaube, nun im Fieber." Häusler war indeß in den Waggon geeilt und trug mit Hülfe seines Vaters den bewußtlosen Salamon heraus, um ihn in den bereitstehenden Wagen zu legen. Der Professor erkennt augenblicklich seinen Laureaten, seinen klinischen Schüler. „Mein Gott, das ist ja Salamon! Merkwürdiger Zufall, daß er, der neulich aus meinen Händen einen akademischen Preis empfing, der Lebensretter meiner Tochter wurde." — „Er wohnt bei Ihnen?" wendet er sich an Häusler. „Sie erlauben, daß ich mich persönlich nach dem WohleHerrn Salamons bei Ihnen erkundige. Wollen Sie mir zu diesem Behufe gefälligst Ihre Adresse geben." Der alte Häusler, der den Professor kannte, that das bereitwilligst; auch dieser verbeugte sich verbindlichst, als er den Namen las, der auf der Karte stand. „Es freut mich, den Besitzer dieses berühmten Namens persönlich kennen zu lernen." Indeß hatte Lotte die Uebertragung der Tante in den Wagen besorgt und war sogleich zurückgekehrt, um noch einmal ihren Lebensretter zu sehen. Sie hörte die letzten Worte des Vaters und sagte: „Auch ich werde mir die Freiheit nehmen, mich persönlich nach dem Wohle des Patienten zu erkundigen." So war es dann Tag für Tag geschehen. Mutter und Schwester Salamons waren indeß berufen worden, den kranken Sohn und Bruder zu pflegen, und bei den täglichen Besuchen, die Lotte mit ihrem Vater machte, hatte sich ein zärtliches Freundschaftsverhältniß zwischen ihr und Paulinen ausgebildet. Gemeinsames Unglück nähert die Menschenherzen, die das kalte Leben auseinanderhält, gar leicht. Ja wohl war das Unglück ein gemeinsames. Lotte schwebte in unaussprechlicher Pein, so lange der Vatcr die Krankheit für gefährlich erklärte. Da saßen sie, drei junge Herzen, neben dem Bette, darüber ein dreifacher Genius der Liebe, darüber der Genius der Mutterliebe schwebte. Sein kühler Fittig schien den Tod verscheucht zu haben von demLager Salamons. An diesem Lager, da war ein Bund fürs Leben geschlossen worden. Häusler und Pauline hatten sich erkannt und einander treue Liebe geschworen bis an den Tod, zwei Seelen, heiter und gut, denen ein Zusammenleben Tage süßesten Glücks versprach. An demselben Lager hatte auch Lotte sich zugeschworen, ihm oder keinem anzugehören, ihm, von dem selbst der strenge Vater mit Begeisterung sprach. Jetzt aber standen sie Alle da, nur von einer Erwartung beseelt, von einem Gedanken ergriffen. Sie erwarteten Alle das von dem gelehrten Professor für die nächste Viertelstunde angekündigte Erwachen des theuern Patienten. Wieder beugt sich liebend Lotte über den Kranken. Er schlägt die Augen auf. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Tagebuche eines gewesenen Preßburger Bachur's. (Fortsetzung.) IV. Eine geraume Zeit schon, mein Büchlein, blieb ich ferne von dir, aber du mußt nicht böse sein, sagt doch schon der erste Prediger: „Jegliches zu seiner Zeit," cs kam eben so, daß ich mit andern Büchern zu thun hatte, und dich auf einige Monde sistiren mußte. Laß dir es sagen, mein Büchlein, du hast es jetzt nicht mehr mit einem Bachur zu thun, der große Sprung ist gemacht, ich bestand das Abiturienten-Examen und mit nächstem October ziehst du mit mir auf die Universität. Da weht eine andere Luft, eine wahre Mailuft des Geistes, der Contrast ist ein ungeheuerer, Universität uud haben mit einander nichts gemein. als daß beider Name fremdsprachlich ist. Und doch sollte es anders sein! Beide repräsentiren ja die Stätten, wo der Geist gebildet wird, beide sollen ihre Zöglinge für die Wissenschaft und Sein liegen oft ganze Gebirgsketten. Die „llesebidali"! Noch habe ich sie nicht, trotzdem ich einige Zeit auf dem Gymnasium lebte, verdauet, sie ist aber auch ein harter Bissen, der im Magen fürchterlichen Ruin anrichtet; wäre Goethe in Preßburg gewesen, würde ich nicht anstehen, zu behaupten, daß beim Niederschreiben der Verse: